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Serie Finanzskandale (16): Herstatt-Bank : Die Bruchlandung der "Raumstation Orion"

  • -Aktualisiert am

Iwan Herstatt Bild: Sven Simon

Die Kölner Herstatt-Bank war zwar klein, doch ihr Zusammenbruch im Jahre 1974 erschütterte die Finanzwelt. Als Folge wurden in Deutschland der Einlagensicherungsfonds gegründet und mehrere Gesetze und Vorschriften geändert. Zur Eindämmung wurde die CLS-Bank aufgebaut.

          Es war der bis dahin größte Zusammenbruch einer Bank in der deutschen Nachkriegsgeschichte - und die Folgen dieser Erschütterung wirken bis heute nach: Auf behördliche Anordnung musste die Kölner Herstatt-Bank am 26. Juni 1974 ihre Schalterhallen schließen. Einen Tag später beantragte das Institut wegen Überschuldung Liquidationsvergleich. Erst in diesem Mai, nach fast 34 Jahren, geht die Abwicklung dieses Vergleichs nun endlich ihrem Abschluss entgegen. Schon bald nach der „Herstatt-Pleite“ kam es freilich zu einer Reihe weitreichender Reformen. Ähnliches bahnt sich als Folge der aktuellen Bankenkrise auch nun wieder an.

          Die Geschichte des folgenreichen Debakels beginnt im Jahre 1955. Damals übernimmt Iwan David Herstatt das kleine Bankhaus Hocker & Co. Für Herstatt wird damit ein Jugendtraum wahr, denn das Bankhaus war im Jahre 1727 von einem seiner Vorfahren gegründet worden. Nun tauft er es in I. D. Herstatt KGaA um. Den größten Teil des Kapitals der Bank steuert der Versicherungsmagnat Hans Gerling bei; der Jugendfreund Herstatts hält fortan als Kommanditist eine Beteiligung von rund 80 Prozent. Aus bescheidenen Anfängen wächst die Bank rasch heran. Herstatt ist ein begnadeter Verkäufer und im Klüngel - der Kölner Gesellschaft - bestens vernetzt: So mancher der rund 80 Vereine, denen Herstatt angehört, führt sein Konto bei der Herstatt-Bank, ferner viele Kölner Kirchen. 1974 zählt die Bank rund 52.000 Kunden; ihre Bilanzsumme ist seit 1956 von 72 Millionen auf rund 2 Milliarden Mark gestiegen.

          Damals viel Geld

          Mit Beginn der 1970er Jahre treibt zudem der Devisenhandel das Geschäft kräftig an. 1971 ist die „Bretton Woods“-Währungsordnung mit ihren fixierten Wechselkursen zerbrochen. Seither schwanken die Wechselkurse zwischen dem Dollar und der D-Mark und anderen großen Währungen frei nach Angebot und Nachfrage. Das ist für die Devisenhändler eine neue Welt - und die Herstatt-Bank mischt von Anfang an kräftig mit. Chef des Devisenhandels ist Dany Dattel, der 1958 bei Herstatt als Lehrling angefangen hatte. Intern wird seine Abteilung bald „Raumstation Orion“ genannt, wegen des - für damalige Verhältnisse - großen Einsatzes von Computern und Telefonen. Dattel dirigiert das Geschäft von einem großen Handelstisch aus, der die Form einer abgeschnittenen Pyramide hat; seine Mannschaft ist eine Handvoll junger Devisenhändler, in der Bank heißen sie die „Goldjungs“.

          Die Herstatt-Bank steigt bald zu einem der großen Spieler auf diesem Markt auf. Das Geschäft ist hektisch, hochriskant - und manchmal auch hochprofitabel. Denn die Wechselkurse schwanken stark: 1973 ist der Dollar zeitweise 3,15 Mark wert, ein paar Monate später nur noch 2,28 Mark. In der Bank bricht eine Art Goldrausch aus. Berichten zufolge zocken bald viele Mitarbeiter in der Zentrale mit, bis hin zum Pförtner. 1973 beträgt der Umsatz des Devisenhandels 24 Milliarden Mark - damals viel Geld.

          Nicht vollständig geklärt

          Herstatts Händler arbeiten dabei weitgehend unkontrolliert, die behördliche Aufsicht macht seinerzeit dem Devisenhandel noch wenig Vorschriften. Nach den internen Vorgaben, so wird später behauptet, darf jeder der „Goldjungs“ täglich nur für 10 Millionen Dollar Devisen kaufen. Angeblich umgingen die Händler diese Limite aber, um ein größeres Rad drehen zu können. Dattel habe bei dem Computer- und Softwarehersteller Nixdorf eine „Abbruchtaste“ bestellt, schreibt Herstatt Jahre später in seinem Buch „Die Vernichtung“. Dies habe Dattel ermöglicht, Geschäfte zehn Tage unverbucht zu lassen und Verluste zu verschleiern. Nachträglich habe er festgestellt, dass Dattel seine Limite zeitweise um bis zu 750 Millionen Mark überschritten habe, behauptet Herstatt.

          Wie die Verluste im Devisenhandel zustande gekommen sind, wird freilich auch in mehreren Zivil- und Strafprozessen nicht vollständig geklärt. Dattel beruft sich darin zum Beispiel auf eine Mitwisserschaft der Geschäftsführung. Angeblich soll er auch schon früh um Versetzung in eine andere Abteilung gebeten haben, da er den Erfolgsdruck, dem er sich ausgesetzt sah, nicht länger habe ertragen wollen. Auch hat offenbar der Chefrevisor der Herstatt-Bank durchaus vor Risiken im Devisenhandel gewarnt. Doch die Bank-Führung nimmt die Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und drohende Verluste zunächst nicht ernst.

          Keine Anhaltspunkte für eine Schieflage

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