20.04.2010 · Ein Jungstar von Goldman Sachs und ein Hedge-Fonds-Milliardär sollen Anleger um eine Milliarde Dollar betrogen haben. Lange hat Amerikas Börsenaufsicht geschwiegen - jetzt erhebt sie Anklage. Auch andere Banken könnten bald zur Rechenschaft gezogen werden.
Von Norbert Kuls, Nadine Oberhuber und Christian SiedenbiedelDas war nun das Nachbeben, nach dem großen Börsenbeben vom Januar 2008, mit dem die Finanzkrise richtig begann. Und es könnte der Anfang einer Kette von Beben sein, die demnächst die Wall Street noch erschüttern. Zum Wochenschluss schlug die Nachricht an der New Yorker Börse ein: Die Börsenaufsicht SEC verklagt Goldman Sachs, die mächtigste und einflussreichste Bank an der Wall Street. Der Vorwurf lautet auf Wertpapierbetrug.
Sofort stürzten weltweit die Kurse von Bankaktien ab. Minutenschnell büßte die Aktie von Goldman Sachs 13 Prozent ihres Wertes ein. Spekulationen, dass anderen Banken ähnliche Klagen drohen könnten, belasteten. Morgan Stanley verlor sechs Prozent, die Deutsche Bank sieben Prozent, der Dax gab um immerhin 100 Punkte nach.
Es ist eine Sensation, denn die Klage der SEC ist die erste, mit der die Börsenaufsicht versucht, Schuldige der Finanzkrise zur Verantwortung zu ziehen. Es ist auch der Versuch der Behörde, den eigenen Ruf wieder aufzupolieren. Denn viele haben ihr vorgeworfen, lange Zeit zu lax gewesen zu sein und so die Finanzkrise ermöglicht zu haben.
Paulson wollte auf Ausfall wetten
Worum geht es? Die Investmentbank Goldman Sachs soll im Jahr 2007 auf Wunsch eines Kunden, des Hedge-Fonds Paulson & Co., ein Wertpapier aufgelegt haben, in dem sie kritische Kredite auf amerikanische Wohnimmobilien bündelte. Das Geschäft mit solchen „Subprime“-Krediten war zu dieser Zeit gang und gäbe und auch nichts Verwerfliches. Viele Investoren kauften solche riskanten Kreditpakete, weil sie hofften, damit hohe Zinsen zu erzielen.
Das Besondere an den Goldman-Sachs-Produkt mit dem schönen Namen „Abacus 2007–AC1“: Der Hedge-Fonds Paulson soll Goldman nicht nur beauftragt haben, das Produkt zu entwerfen – wofür Goldman laut SEC-Unterlagen 15 Millionen Dollar von Paulson kassierte –, sondern Paulson stellte auch das Portfolio zusammen, wählte also die Kredite für das Produkt aus.
Und, so der Vorwurf der Aufsicht, als HedgeFonds, der die Risiken des amerikanischen Häusermarktes seit Jahren bestens kannte, legte Paulson nur die allerschlechtesten Kredite ins Körbchen. Nur solche, von denen er annahm, dass sie bald ausfallen würden, weil die Schuldner sie nicht mehr bedienen können. Das Kalkül dabei, behauptet die SEC: Paulson wollte selbst auf genau diesen Ausfall des Produkts wetten gegen Abacus.
Beteiligung von Paulson verschleiert
Es ist eine unglaubliche Geschichte, sollte sie stimmen: Paulson hätte gezielt die schlechtesten Kredite in einem Fonds bündeln lassen, weil die Gesellschaft vorhatte, selbst gegen dieses Kreditbündel zu spekulieren. Goldmans Rolle soll es in diesem Spiel gewesen sein, die Beteiligung von Paulson bei der Auswahl des Portfolios verschleiert zu haben. Eine Bank, die den Kunden ins Unglück schickt und sich selbst daran bereichert.
Wenn öffentlich gewesen wäre, dass der Hedge-Fonds selbst das Portfolio zusammengestellt hatte, hätte wohl kaum ein Investor in ein solches Produkt sein Geld gesteckt. Schließlich war Paulson dafür bekannt, gerade mit den schlechtesten Krediten ein Geschäft zu machen.
Das wäre wohl vielen institutionellen Anlegern zu riskant gewesen. Also versuchte die Investmentbank, das zu verhindern. Das Geschäft besorgte stattdessen der Chef ihrer Abteilung für strukturierte Produkte, ein junger Heißsporn nahmens Fabrice Tourre, der ebenfalls von der SEC angeklagt wird.
Interessenskonflikt nicht offengelegt
Tourre hat die Kunden für den Abacus eingeworben und dessen Marketing verantwortet. Doch weder auf den Prospekten noch auf sonstigen Verkaufsunterlagen des Abacus tauchte der Name Paulson auf. Stattdessen gaben die Unterlagen vor, das Portfolio für den Fonds sei von einem unabhängigen Dritten zusammengestellt worden, von der Vermögensverwaltung ACA, die am Markt Ansehen für ihre Geschäfte mit solchen Kreditpaketen genoss. Der Name ACA soll demnach für etliche Investoren den Ausschlag gegeben haben zu investieren. Investoren wie die deutsche Mittelstandsbank IKB.
„Es geht nicht darum, dass Goldman Sachs hier einen Interessenkonflikt hatte. Wenn Sie solche Interessenkonflikte vermeiden wollen, müssten Sie das ganze Geschäft vermeiden“, sagt der deutsche Anlegeranwalt Andreas Tilp, „es geht hier darum, dass sie diesen Konflikt erstens nicht offengelegt haben. Und zweitens sogar noch proaktiv versucht haben, den Konflikt zu verschleiern. Das wäre Betrug.“
Klagen gegen andere Banken könnten folgen
Die Zivilklage der SEC gegen Goldman wird wohl zu weiteren Klagen führen, sagt Tilp. Einer der Großanleger im Abacus war die deutsche IKB Bank mit Sitz in Düsseldorf, die 150 Millionen Euro damit verlor. Sie streitet sich vor Gericht derzeit selbst mit ihren Anlegern.
Die Reaktionen auf die Klage waren weltweit so heftig, weil sie ein erster Schritt sein könnte. Die Anleger erwarten, dass weitere Klagen gegen andere Banken folgen. Der Bankmanager Walter Todd von Greenwood Capital sagte, es habe „viele fragwürdige Praktiken“ bei strukturierten Produkten gegeben und zahlreiche Geldinstitute seien dabei eingebunden gewesen.
Er sei sich sicher, dass die SEC bald auch auf andere Produkte und andere Praktiken bei anderen Banken schauen – und ähnliche Unzulänglichkeiten finden werde. Solche „strukturierten Wertpapiere“ haben vor der Krise viele Investmentbanken angeboten.
Keine Stellungnahme der Bafin
Unter ihnen sind auch die Deutsche Bank und Morgan Stanley, deren Aktienkurse am Freitag besonders verloren. Ob diese Banken ihre Investoren ähnlich behandelt haben, ist nicht belegt. Offiziell wollte sich die Deutsche Bank dazu am Samstag nicht äußern. Auch die deutsche Bankenaufsicht Bafin war nicht zu einer Stellungnahme bereit, ob sie jetzt ähnlich wie die amerikanische SEC mit rechtlichen Schritten gegen Banken vorgehen wolle.
Die Bank Goldman Sachs wehrte sich am Samstag gegen die Vorwürfe. Sie seien falsch. Goldman Sachs werde vehement dagegen vorgehen, um seinen guten Ruf zu verteidigen. Die Bank argumentiert, sie selbst habe an dem fraglichen Geschäft mehr als 90 Millionen Dollar verloren. „Unsere Einnahmen aus der fee betrugen hingegen nur 15 Millionen Dollar.“
Außerdem bestritt die Bank, dass Investoren wie die IKB nicht ausführlich genug über die Hypothekenanleihen informiert gewesen seien. „Das Risiko, das mit diesen Wertpapieren verbunden ist, war den Investoren bekannt.“
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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