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Finanzskandale (5): Jérôme Kerviel : Die Anonymität des kleinen Soldaten

Jérôme Kerviel: Vom Geld verlockt Bild: AFP

Der junge Händler Jérôme Kerviel will schnell dorthin, wo das große Geld gemacht wird. Er betrügt, verschleiert und gewinnt. Deshalb schauen die Vorgesetzten weg. Dann verspielt er fünf Milliarden Euro, und seine Bank steht vor dem Abgrund.

          Vier Bücher und einen Comic hat man über den jungen Mann verfasst. Bei Facebook diskutiert ein Fanklub regelmäßig über ihn. Nur Filmarbeiten mit ihm in der Hauptrolle wurden dementiert. Keines der Bücher über den heute 32 Jahre alten Jérôme Kerviel wurde freilich ein Bestseller.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          „Der Händler, der fünf Milliarden Euro wert war, als der Kapitalismus verrückt spielte“, so der Titel eines der Werke, ist den Franzosen durch die ausführliche Medienberichterstattung jetzt hinlänglich bekannt. Erste Ermüdungserscheinungen treten ein.

          Immer noch offene Fragen

          Für die direkt Beteiligten hat die Affäre dagegen nichts an Brisanz verloren. Ein gutes Jahr nach Bekanntwerden der versteckten Geschäfte und der anschließenden Verluste von 4,9 Milliarden Euro sind die Befragungen durch die Untersuchungsrichter gerade erst abgeschlossen.

          Im Frühjahr wird man wissen, ob es zu einem Strafprozess kommt, was als wahrscheinlich gilt. Die Société Génerale (SG) rechnet als Klägerin nicht vor 2010 mit der Eröffnung der Verhandlung.

          Wie es sein konnte, dass ein einzelner Händler zeitweise 50 Milliarden Euro auf Aktienderivate wettete, ohne dass es Kollegen oder Vorgesetzte merkten - so jedenfalls ihre Aussagen -, ist somit immer noch eine offene Frage, zumindest für die Justiz.

          Wer schweigt, scheint zuzustimmen

          In den vergangenen Wochen hat der ehemalige Händler, der nach 38 Tagen Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuß ist und jetzt im Informatikunternehmen eines Freundes arbeitet, eine Interviewoffensive gestartet. Sie soll ihn als robusten Verteidiger seiner Interessen darstellen.

          Nicht dass er abstreitet, seine bankinternen Handelslimits um ein Vielfaches überschritten zu haben. Er verneint auch nicht, seine Transaktionen verdunkelt zu haben, etwa mit gefälschten E-Mails und irreführenden Erklärungen.

          Doch Kerviel meint, dass seine direkten Vorgesetzten als Mitwisser beide Augen zudrückten, denn solange er Gewinne eingefahren habe, sei es seiner Abteilung am Handelstisch Delta One in der siebten Etage der SG-Türme von La Défense recht gewesen. Jean Veil, Anwalt der Bank, antwortet darauf mit einer Frage: „Wenn alle Welt es wusste, wieso musste er es dann verheimlichen?“

          Benachteiligt

          Ein Rückblick: Kerviel hat sich seit dem Jahr 2000 zielstrebig von den Kontroll- und Ausführungsinstanzen des Back- und des Middle-Office zum Händlertisch vorgearbeitet. Das ist seit je das Ziel des jungen Mannes gewesen, der seine durchschnittliche Universitätsausbildung gegenüber den Abgängern der französischen Eliteschulen immer schon als Nachteil empfunden hat.

          Er arbeitet im Arbitragehandel, wo die meist geringen Kursunterschiede gleicher oder ähnlicher Finanzprodukte an verschiedenen Handelsorten in Gewinne umgesetzt werden. Hohe Summen kommen dabei zum Einsatz, indem gegenläufige Transaktionen wie Käufe und Verkäufe in Auftrag gegeben werden.

          Im Rausch der Lawine

          Doch Kerviel unterschlägt immer die eine Seite: Wenn er an einem Ort Terminkontrakte kauft, verkauft er nicht an einem anderen, sondern erfindet Handelsgeschäfte, die solche Verkäufe simulieren. Schon im Sommer 2005 setzt er unerlaubt auf den Kursverlust der Allianz-Aktie und versucht mit Leerverkäufen daran zu verdienen.

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