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Finanzskandale (1): Charles Ponzi : Internationale Antwortscheine als heißes Spekulationsobjekt

Charles Ponzi Bild: AP

Charles Ponzi (1882 bis 1949) gilt als einer der Pioniere der Schneeballsysteme. Als Spekulationsobjekt dienten ihm internationale Antwortscheine der Post. Seinen abenteuerlichen Renditeversprechen vertrauten viele amerikanische Anleger, ohne das völlig abwegige Geschäftsmodell des gebürtigen Italieners zu hinterfragen.

          Die internationalen Antwortscheine sind eine nützliche Erfindung. Sie ermöglichen dem Empfänger eines Briefes, eine Rückantwort zu schicken, ohne selbst das Porto bezahlen zu müssen. Denn mit Hilfe des internationalen Antwortscheins zahlt der Absender des Briefes das Porto für die Antwort des Empfängers. Üblicherweise reicht das Porto, das der Antwortschein verbrieft, für einen einfachen Luftpostbrief.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          So nützlich internationale Antwortscheine im Postverkehr sind, so untauglich erscheinen sie als Objekt für kurzfristig erfolgreiche Kapitalanlagen. Doch genau mit dieser Masche zog vor knapp 90 Jahren einer der berühmtesten und erfolgreichsten Anlagebetrüger aller Zeiten ebenso gierigen wie offensichtlich benebelten Anlegern das Geld aus den Taschen.

          Blaupause des Schneeballsystems

          Charles Ponzi (1882 bis 1949) gilt als der erste große Meister des Schneeballsystems, das bis heute als Blaupause für Anlagebetrügereien dient, wie die aktuelle Affäre Madoff zeigt. Der Name Ponzi ist in der englischsprachigen Welt so bekannt, dass man Schneeballsysteme dort als „Ponzi scheme“ (“Ponzi-Trick“) bezeichnet.

          Der aus Parma stammende Charles Ponzi besaß eine kriminelle Ader. Im Jahre 1903 wanderte er bitterarm in die Vereinigten Staaten ein, wo er in einem Restaurant als Kellner arbeitete und nebenher die Buchhaltung fälschte. Anschließend wandte er sich nach Kanada, wo er als Angestellter einer Bank miterlebte, wie sein Chef Kunden mit hohen Zinsen anlockte. Die Zinsen bezahlte sein Chef aus den Einlagen neuer Kunden - ein klassisches Schneeballsystem, das Ponzi als Vorbild für seine späteren Betrügereien gedient haben mag.

          In den darauf folgenden Jahren verbrachte er wegen Scheckbetrugs und Menschenhandels längere Zeit in Gefängnissen. Nach dem Ersten Weltkrieg beschloss Ponzi, ein ganz großes Geschäft aufzuziehen.

          Zweifel von Anfang an

          Auf die Idee brachte ihn ein Brief aus Spanien, der mit einem internationalen Antwortschein versehen war. Wegen der Abwertung der europäischen Währungen gegenüber dem Dollar nach dem Krieg konnten Amerikaner günstig in Europa Antwortscheine kaufen, wie Ponzi erklärte: „Der Antwortschein kostete mich in Spanien umgerechnet einen Cent, aber ich konnte ihn hier in Amerika gegen Briefmarken im Wert von 6 Cent tauschen. Dann studierte ich weitere Wechselkurse in Europa. Ich begann das Geschäft in kleinen Mengen. Es funktionierte. Im ersten Monat wurden aus 1000 Dollar Einsatz 15 000 Dollar. Dann beteiligte ich meine Freunde.“ Dieses Grundprinzip baute Ponzi zu einem riesigen Schneeballsystem aus.

          Ende 1919 gründete Ponzi in Boston die Securities Exchange Company, die er bei der örtlichen Handelskammer eintragen ließ. Obgleich ein Postinspektor gegenüber dem Geschäftsmodell erhebliche Zweifel anmeldete, weil es aus gesetzlichen Gründen nicht möglich war, viele ausländische Antwortscheine in Amerika gegen Briefmarken oder Geld einzutauschen, um damit einen großen Handel aufzuziehen, konnte Ponzi loslegen.

          100 Prozent in 90 Tagen

          Potentiellen Anlegern erzählte er eine tolle Geschichte: Mit dem Handel internationaler Antwortscheine vermöge er einen Profit von 400 Prozent zu erzielen, den er bereit wäre mit Kapitalgebern zu teilen. Wer bei ihm Geld anlege, könne innerhalb von 45 Tagen einen Gewinn von 50 Prozent machen oder sein Kapital in 90 Tagen verdoppeln.

          Angesichts solch abenteuerlicher Versprechungen hätten Anleger bei wachem Verstand misstrauisch werden müssen. Auch hätte eine simple Anfrage bei der Post genügt, um herauszufinden, dass es auf der ganzen Welt nicht annähernd genügend Antwortscheine für einen florierenden Handel gab. Aber von der märchenhaften Rendite gelockt, warfen Anleger Ponzi ihr Geld hinterher.

          Der Wundermann mit Geheimnnissen

          Und sie taten es, weil Ponzi sein Geschäft nicht verbarg, sondern aggressive Werbung betrieb. Sein Erfolg war für jedermann sichtbar: Hatte Ponzi sein Unternehmen anfangs allein betrieben, musste er nach einigen Monaten bereits 30 Mitarbeiter beschäftigen, mit denen er jetzt in einem stattlichen Haus in bester Lage residierte.

          In weiten Teilen der Öffentlichkeit galt Ponzi als ein Wundermann, auch wenn einige kritische Geister die Frage aufwarfen, wie Ponzi derart hohe Renditen ohne jedes Risiko versprechen konnte. Manche Investoren wunderten sich durchaus, dass Ponzi in der Lage war, große Mengen an internationalen Antwortscheinen in Geld umzutauschen, doch vermochte es der gebürtige Italiener, diese Kunden ruhigzustellen, indem er einen Mantel des Geheimnisses um sein Geschäft hüllte: „Wie ich die Antwortscheine zu Geld mache, ist mein Geheimnis. Das werde ich nicht verraten.“

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