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Abgeltungsteuer (9) Zertifikate leiden

02.10.2008 ·  Die Abgeltungsteuer trifft Zertifikate hart. Die Anlageindustrie versucht das zu kompensieren. Doch ihre Produkte taugen nichts. Und für Zertifikatekäufer hat die Ära der neuen Steuer ohnehin schon begonnen.

Von Dyrk Scherff
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Für viele Zertifikatebesitzer hat das Zeitalter der Abgeltungsteuer schon begonnen. Genaugenommen am 14. März 2007. Wer nach diesem Tag Zertifikate gekauft hat, muss auf seine Kursgewinne von Juli 2009 an 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer zahlen. Nach bisherigem Steuerrecht wären sie steuerfrei.

„Zertifikate sind einer der Verlierer der Abgeltungsteuer“, sagt Andreas Löschinger, Steuerexperte der Deutschen Bank. Langfristanleger würden im Vergleich zu Fonds, Aktien und den meisten Anleihen benachteiligt. Denn die profitieren von einer Übergangsregelung: Werden sie bis Jahresende gekauft und mindestens ein Jahr gehalten, sind ihre Kursgewinne noch in Jahrzehnten steuerfrei.

Diese Regelung hätten auch die Zertifikate fast bekommen, wenn die Finanzindustrie nicht allzu forsch mit neuen Produkten geworben hätte, die die Übergangsregel ausnutzen wollten. Der Finanzminister setzte daraufhin noch rasch eine Verschärfung speziell für Zertifikate durch.

Besteuerung hängt vom Kaufdatum ab

Nicht besteuert werden jetzt nur die Kursgewinne von Zertifikaten, die vor dem 15. März 2007 gekauft wurden. Oder die mindestens ein Jahr im Depot lagen und noch vor dem 30. Juni 2009 verkauft werden. Wer bis zum 30. Juni 2009 Zertifikate verkauft, die er noch kein Jahr hatte, muss dagegen den persönlichen Einkommensteuersatz von bis zu 45 Prozent zahlen.

Um die Steuer zu vermeiden, empfehlen Anlageberater derzeit gerne Zertifikatefonds. Dabei sucht ein Manager die vermeintlich besten Zertifikate heraus und steckt sie in einen Fonds. Der kann die steuerliche Übergangsregel nutzen. Das heißt, Anleger, die bis Jahresende in Zertifikatefonds anlegen, erhalten die Kursgewinne des Fonds auch nach dem 30. Juni 2009 noch steuerfrei.

Aber das Konzept ist bedenklich. Wie Zertifikate funktionieren und wie sich ihr Kurs entwickelt, ist oft schwer nachvollziehbar. „Gebündelt in einem Fonds, entsteht ein sehr intransparentes Produkt“, kritisiert Christian Michel vom Analysehaus Feri. Und dafür fallen auch noch doppelte Gebühren an. Schon die Zertifikate sind selten günstig, vor allem wenn die Dividenden nicht an den Anleger, sondern an die Gesellschaft fließen. Hinzu kommt die jährliche Verwaltungsgebühr des Zertifikatefonds. Drei bis vier Prozent kommen da schnell zusammen. Bei Renditen von meist unter zehn Prozent ist das erheblich.

Zertifikatefonds sind nicht für alle attraktiv

Zudem konzentrieren sich die meisten Zertifikatefonds auf Discount- oder Bonuszertifikate. Die sind aber nur für bestimmte Marktphasen geeignet. Das macht diese Fonds unattraktiv für Langfristsparer. Da bleibt nur die Steuerfreiheit als Argument für die Zertifikatefonds.

Und selbst die Steuerfreiheit währt nicht lange. Sie gilt nur für die Zertifikate im Fonds, die der Fondsmanager bis Ende 2008 kauft. Erwirbt er danach weitere, werden die Kursgewinne dieser Papiere für den Anleger steuerpflichtig. Aber Fonds müssen irgendwann umschichten. Darum schrumpft der Steuervorteil umso weiter, je länger die Fondsanteile gehalten werden.

Auch Versicherungen investieren in Zertifikate

Ganz aktuell sind auch Versicherungen, die in Zertifikate investieren. Das ist steuerlich interessant, weil die Erträge aus Versicherungen nur zur Hälfte zu versteuern sind, wenn die Policen bis zum 60. Lebensjahr und mindestens zwölf Jahre lang laufen. Aber auch hier ist Vorsicht angebracht. Denn die Produkte sind ebenfalls teuer. „Schließlich werden mit Versicherungen und Zertifikaten zwei Anlagen kombiniert, die schon allein nicht gerade billig sind“, beschreibt das Wolfgang Krappe, Vorstand des Vermögensverwalters Capitell.

Ob das den hohen Preis am Ende wert ist, weiß noch keiner. „Die Versicherungen sind erst seit kurzem auf dem Markt. Daher kann man die Qualität schwer einschätzen, weil keine Wertentwicklung über mehrere Jahre zur Verfügung steht“, warnt Krappe. Andreas Löschinger von der Deutschen Bank betont die Unflexibilität: „Diese Versicherungen binden die Kunden für einen sehr langen Zeitraum. Wer vorher an sein Geld will, muss die Police kündigen. Das geht nur mit hohen Kosten.“ Zudem kann es passieren, dass der Gesetzgeber den Versicherungen bald ihren Steuervorteil streicht. Darüber wird schon in Berlin diskutiert.

Es gibt auch Ausnahmen

Eine Ausnahme gibt es allerdings. Für eine Art der Zertifikate ist die Abgeltungsteuer günstiger als die alte Regel: Finanzinnovationen. Das sind Zertifikate, bei denen am Laufzeitende keine Verluste anfallen können. Ihre Kursgewinne gelten als Zinsen, die bisher schon versteuert werden mussten. Garantiezertifikate sind das prominenteste Beispiel. Sie werden durch die Abgeltungsteuer begünstigt. Denn ihre Kursgewinne werden künftig mit 25 Prozent statt bisher mit bis zu 45 Prozent versteuert. Wer also seine Finanzinnovation verkaufen will, sollte dies eher im neuen Jahr tun als jetzt.

Kaufen kann er sie jederzeit. Steuerlich macht es keinen Unterschied, ob das noch in diesem Jahr oder erst 2009 geschieht, denn die Kursgewinne sind auf jeden Fall zu versteuern. Allerdings sollten sich Anleger fragen, ob Garantiezertifikate finanziell gesehen überhaupt in ein langfristig ausgerichtetes Depot gehören. „In schlechten Phasen schützen sie zwar vor Kursverlusten. Aber in den meisten Jahren steigen die Kurse, und da hinken solche Zertifikate in der Regel hinterher“, sagt Löschinger von der Deutschen Bank.

Wer schon Garantiezertifikate besitzt, die mit Verlusten notieren, kann darüber nachdenken, sie zu verkaufen. Die Verluste kann er mit Gewinnen verrechnen und damit die Steuerlast senken. Wenn er erst nächstes Jahr verkauft, gilt das sogar für Verluste von Zertifikaten, die vor mehr als einem Jahr gekauft wurden.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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