03.08.2009 · Hohe Rückflüsse verstellen den Blick für die Rendite. Die Höhe der Rückzahlungen ist kein Maß für die Höhe der Verzinsung einer Anlage. Aussagekräftig ist ein Blick auf das verbleibende Kapital.
Von Volker LoomanReiche Senioren sind in den Augen vieler Banken ideale Kunden. Sie haben Geld, sind treu und stellen wenig Fragen. Leichte Beute für hungrige Verkäufer. Würden nur einfachste Fragen nach den Gebühren, der Sicherheit und der Verfügbarkeit der Anlagen gestellt, würden viele Geschäfte gar nicht zustande kommen. Weil für solche Fragen aber oft der Mut fehlt, kommt es immer wieder zu Pannen und Pleiten. Im folgenden Fall konnte das Unheil in letzter Sekunde verhindert werden.
Ein vermögendes Ehepaar, beide Partner sind jeweils 80 Jahre alt, hat vor einem Jahr drei Wohnungen verkauft und dafür 600.000 Euro bekommen. Der Betreuer der Hausbank witterte damals das große Geschäft, doch daraus wurde nichts. Das Ehepaar entschied sich, weil es das Geld einfach und sicher anlegen wollte, für sechs langweilige Anlagen. Zuerst wurden 100.000 Euro in Festgeld investiert, dann wurden fünf Sparbriefe à 100.000 Euro mit Laufzeiten von 12 bis 60 Monaten gekauft. Außerdem nahm sich das Ehepaar damals vor, bei Fälligkeit eines Sparbriefes immer wieder dieselbe Geldanlage zu kaufen.
Alternative Vorschläge
Jetzt ist der erste Sparbrief zurückgezahlt worden, und die Verhältnisse haben sich geändert. Die Zinsen sind in den Keller gerutscht. Der alte Betreuer ist im Ruhestand. Auf seinem Stuhl sitzt ein Juniorberater. Außerdem ist der alte Anlageplan abhandengekommen. Das sind für den Verkäufer, der Karriere machen will, beste Voraussetzungen, um ertragreiche Finanzprodukte ins Spiel zu bringen.
Mit dem Ausdruck des größten Bedauerns teilt er dem Ehepaar mit, dass die Zinsen für Sparbriefe dramatisch gefallen seien. Statt ehemals 4 Prozent gebe es zurzeit nur noch 1 bis 2,5 Prozent, und das sei doch etwas wenig. Die Senioren sind über den Rückgang in der Tat enttäuscht, doch statt sich über die Sicherheit der Geldanlage zu freuen, sind sie für die alternativen Vorschläge des Beraters offen. Dessen Angebot ist aber weder eine Solaranlage noch ein Windkraftrad, sondern eine Versicherung mit Sofortrente. Die Anleger sollen auf den Namen der Ehefrau einmalig 100.000 Euro anlegen. Dafür erhalten sie, erklärt der Verkäufer, lebenslang Jahresrenten, die bei 7500 Euro beginnen und im Laufe der Zeit auf 8000 Euro steigen.
Hinter den Kulissen
Das Interesse an dem Vertrag ist auf beiden Seiten groß, und wer die Gründe erfahren will, braucht nur hinter die Kulissen zu schauen. Die Bank erhält für die Vermittlung der Rentenpolice eine Provision von 4000 Euro. Die Anleger leben in dem Glauben, dass die 100.000 Euro einen Jahresertrag von 7 bis 8 Prozent abwerfen. Außerdem hat ihnen der Berater erklärt, dass die Rückflüsse nicht der Abgeltungsteuer unterliegen.
Der Vorschlag ist für Beobachter mit wachem Verstand ein Albtraum. Das beginnt bei der Gier des Bankers nach der Provision und endet bei der Meinung der Anleger, dass der Vorschlag rentabel sei. Die Hintergründe der Aussage werden in der Tabelle deutlich. Hier wird in Zahlen dargestellt, wie sich die Police im Vergleich zu anderen Geldanlagen rechnet. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Tatsache, dass die Anlegerin heute 80 Jahre alt ist und niemand weiß, wie alt die Dame werden wird. Denkbar sind 90 Jahre; genauso sind aber auch 95 Jahre möglich. In der Tabelle werden für drei Geldanlagen jeweils 10 Jahre abgebildet.
Verzinsung geht zurück
Bei der Rentenversicherung sind 100.000 Euro anzulegen. Dafür fließen nach Angaben des Unternehmens pro Jahr zwischen 7483 und 8033 Euro zurück. Gleichzeitig sinkt aber das Kapital ab. Würde die Anlegerin zum Beispiel in neun Jahren sterben, werden die Hinterbliebenen noch 41.939 Euro erben. Wird der Vertrag zurückgekauft, sind die Werte nicht höher, so dass deutlich wird, dass die jährliche Verzinsung niemals 7 bis 8 Prozent beträgt. Durch das sinkende Guthaben kommen lediglich 1,75 Prozent pro Jahr heraus.
Die Aussage des Beraters, dass die Erträge nicht der Abgeltungsteuer unterliegen, ist in der Tat richtig. Ganz steuerfrei sind die Rückflüsse allerdings auch nicht. Die Ertragsanteile sind der persönlichen Besteuerung zu unterwerfen, und bei einem Satz von 25 Prozent fallen 150 bis 160 Euro im Jahr an, so dass die effektiven Rückflüsse sinken. Folglich geht auch die Verzinsung auf 1,5 Prozent zurück.
Von größter Wichtigkeit
Viel wichtiger als die Abgaben ist aber die Frage, was mit den Rückflüssen geschieht. Braucht das Ehepaar die Ausschüttungen, weil die Rente knapp ist? Oder können die Ausschüttungen wieder angelegt werden, weil die Rückflüsse gar nicht benötigt werden? Diese Frage mag zwar für betuchte Senioren keine Bedeutung haben, doch für die Bewertung verschiedener Geldanlagen ist sie von größter Wichtigkeit. Daraus lassen sich die Kapitalstände der Zukunft berechnen, und der Vergleich mit anderen Investitionen weist den Weg in die richtige Richtung.
Werden zum Beispiel jährlich 6000 Euro für den Konsum benötigt, kann nicht viel Geld wieder angelegt werden. Daher beträgt das Kapital bei einem Wiederanlagezins von 1 Prozent in fünf und zehn Jahren nur noch 74.559 und 50.441 Euro. Können die Zuflüsse in voller Höhe zum selben Zinssatz wieder angelegt werden, werden in fünf und zehn Jahren aber 105.228 und 113.280 Euro herauskommen. In allen Fällen sind bei anderen Geldanlagen höhere Werte möglich.
Betrag bleibt erhalten
Bei offenen Immobilienfonds zum Beispiel werden ebenfalls 100.000 Euro investiert, doch dieser Betrag bleibt in der Regel erhalten. Dafür sind die Ausschüttungen niedriger. Bei guten Fonds winken 4,5 Prozent beziehungsweise 4500 Euro pro Jahr. Davon unterliegen etwa 70 Prozent der Abgeltungsteuer, so dass beim Anleger jedes Jahr noch 3669 Euro ankommen. Nun steht wieder die Frage der Entnahme oder Wiederanlage im Raum. Im ersten Fall muss das Ehepaar sein Konto überziehen, weil die notwendigen Ausgaben höher als die Einnahmen sind, und im zweiten Fall kann der Geldsack weiter gefüllt werden. Werden die vier Fälle mit gespitztem Bleistift berechnet, enden die Kapitalkonten bei 78.979 und 55.440 Euro und bei 113.461 und 132.865 Euro. Das heißt im Klartext: Der Immobilienfonds schlägt trotz eines Ausgabeaufschlages von 5 Prozent die Rentenversicherung.
Bei der Rechnung mit soliden Staatsanleihen kommen Ergebnisse heraus, die zwischen der Rentenversicherung und dem Immobilienfonds liegen. Die jährlichen Ausschüttungen betragen bei Laufzeiten von zehn Jahren etwa 3500 Euro. Davon bleiben nach Abzug der Abgeltungsteuer rund 2577 Euro übrig. Sie führen bei jährlichen Entnahmen von jeweils 6000 Euro in der Zukunft zu Endwerten von 79.918 und 50.441 Euro. Kann auf die Zuflüsse verzichtet werden, winken aber Guthaben von 113.145 und 126.960 Euro.
Mit großer Vorsicht zu genießen
Der Blick auf die Tabelle zeigt, dass die Police mit großer Vorsicht zu genießen ist. Das liegt nicht an der mangelhaften Qualität der Versicherung, sondern an dem Umstand, dass ein gutes Produkt an der falschen Stelle eingesetzt wird. Die beiden Anleger geben 100.000 Euro aus der Hand. Dafür erhalten sie Rückflüsse, deren Höhe aber noch lange kein Maß für die Rendite der Verträge ist. Entscheidend ist das verbleibende Kapital bei gegebener Entnahme. Außerdem ist die Frage zu klären, wie sicher die Rückflüsse sind.
Im vorliegenden Beispiel ist die Gefahr des Verlustes bei allen Vorschlägen gering, doch die hohen Rückflüsse der Rentenversicherung verstellen den Blick für deren Rendite. Günstiger ist die Investition in Immobilienfonds und Wertpapiere. Das bringt dem Verkäufer, wenn beide Anlagen zu gleichen Teilen erworben werden, zwar nur noch 2750 Euro, doch das ist besser als gar nichts. Das Ehepaar könnte auch auf den Gedanken kommen, beide Geschäfte über das Internet abzuwickeln. Da lassen sich die Gebühren auf 500 Euro drücken, und sollte das zur Regel werden, wird sich mancher Bankberater nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen müssen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.788,80 | +0,59% |
| FAZ-INDEX | 1.515,08 | +0,60% |
| TecDAX | 773,23 | −0,05% |
| MDAX | 10.356,30 | +0,39% |
| SDAX | 5.020,58 | +1,11% |
| REX | 421,13 | +0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.522,34 | +0,37% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,31 | +0,42% |
| Dow Jones | 12.903,80 | +0,15% |
| Nasdaq 100 | 2.563,92 | +0,71% |
| S&P500 | 1.349,96 | +0,22% |
| Nikkei225 | 9.002,24 | −0,15% |
| EUR/USD | 1,3290 | +0,31% |
| Rohöl Brent Crude | 118,49 $ | +0,54% |
| Gold | 1.746,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 137,20 € | −0,39% |