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Die Vermögensfrage Die richtigen Prioritäten für Berufsanfänger

01.10.2011 ·  In jungen Jahren geht es in erster Linie um Beruf und Karriere. Dann kommen Konsum und Eigenheim. Die Altersvorsorge ist das letzte Glied in der Kette der Prioritäten.

Von Volker Looman
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Der Start in das Berufsleben kostet junge Menschen in der Regel viel Lehrgeld. Sie neigen nicht nur zum Abschluss fragwürdiger Versicherungen, sondern ihnen fehlt die schlichte Erfahrung, dass auf Dauer nur Geld ausgegeben werden kann, das zuvor verdient worden ist. Die Aufzeichnung von Einnahmen und Ausgaben ist völlig aus der Mode gekommen. Statt dessen liegen Handys und Kreditkarten voll im Trend. Die Quittung für diesen modernen Umgang mit Geld kommt zum Teil erst Wochen nach dem Ereignis in Form von Bankauszügen auf den Tisch, und dann wird in manchen Fällen verzweifelt die Frage gestellt: Wo ist nur das Geld geblieben? Die Antwort liefert folgendes Beispiel.

Ein Anleger ist 25 Jahre alt. Der junge Mann hat seine Ausbildung flott über die Bühne gezogen. Nun sitzt er seit einem Jahr in der Computerabteilung eines Industrieunternehmens. Ein Blick auf die Konten des Ingenieurs verheißt nichts Gutes. Das Girokonto steht mit 1000 Euro im Soll. Auf einem Investmentkonto liegen 3000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch eine Versicherung mit einem Rückkaufswert von 1000 Euro. Der Saldo von 3000 Euro könnte der Auftakt zum Aufbau eines kleinen Vermögens sein, wenn da nicht ein belastender Kredit wäre. Der Informatiker konnte vor einem Jahr, wer will es ihm verdenken, der Versuchung nicht widerstehen und kaufte sich für 10.000 Euro ein Auto auf Pump. Die Restschuld liegt bei 9000 Euro, so dass der junge Mann per saldo mit 6000 Euro in der Kreide steht.

Eine Frage des Selbstbewusstseins

Das Ergebnis ist bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 3000 Euro kein Glanzstück. Die Gründe kommen bei der Gegenüberstellung der Einnahmen und Ausgaben ans Tageslicht. Von dem Einkommen fließen 500 Euro an die Staatskasse. Die Krankenkasse und die Pflegeversicherung fordern 350 Euro. Die Arbeitslosenversicherung und die Rentenanstalt lassen ebenfalls 350 Euro abbuchen. Folglich bleiben 1800 Euro übrig. Auch sie sind fest verplant.

Der größte Posten ist die Miete. Sie verschlingt 700 Euro. Dann kommen mit 400 Euro das Auto und der Kredit. Die Verpflegung kostet 300 Euro. Telefon und Urlaub belasten die Kasse mit weiteren 300 Euro. Investmentfonds und Versicherungen ziehen dem Mann jeden Monat rund 200 Euro aus der Tasche. Kleidung und Schuhe schlagen mit 100 Euro zu Buche, so dass von den Einnahmen unter dem Strich nichts übrig bleibt. Im Gegenteil! Derzeit fehlen jeden Monat ungefähr 200 Euro. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel Geld zu sein, weil die Kreditraten in naher Zukunft wegfallen werden, doch die Gefahr, dass das Finanzloch von Jahr zu Jahr größer wird, ist verhältnismäßig groß, weil sich die Tilgung des Kredites doch noch sechs Jahre hinziehen wird.

Um diesem Übel vorzubeugen, ist frühes Training notwendig, weil der Umgang mit Geld in erster Linie eine Frage des Selbstbewusstseins ist. Wer stark ist, den Verlockungen des Lebens widersteht und bewährte Lebensformen übernimmt, kann finanziellen Wohlstand kaum verhindern. Sonst droht aber der finanzielle Absturz. Im vorliegenden Fall stellen sich zum Beispiel drei Fragen. Erstens: Warum verwendet der Anleger seine Guthaben nicht zur Tilgung der Schulden? Ist die Police in der bestehenden Form sinnvoll? Drittens: Lassen sich die Ausgaben senken, frei nach dem Motto, dass auch Kleinvieh bekanntlich Mist macht?

Die einzelnen Fragen sind ohne Zweifel lästig, aber wer den Antworten aus dem Weg geht, wird kaum auf einen grünen Zweig kommen, weil Vermögen die Belohnung für Konsumverzicht ist. Die meisten Menschen, die nicht geerbt haben, sondern ihren Wohlstand erarbeitet haben, sind nur auf diese Weise zu Geld gekommen, und diese schlichte Regel können auch junge Leute nicht außer Kraft setzen.

Einfache und klare Strukturen

In vielen Fällen, auch in diesem Beispiel, bewirken nur kleine Veränderungen große Ergebnisse. Die bestehenden Anlagen können aufgelöst werden, so dass die Verbindlichkeiten sinken und innerhalb kurzer Zeit tilgbar sind. Bei der Wohnung sind kaum Einsparungen möglich. Weniger Spritztouren mit dem Auto können die Ausgaben aber erheblich senken. Die Kosten der Versicherungen lassen sich vermindern. Und auch bei Telefon und Urlaub sind Einsparungen möglich.

Voraussetzung dieser Erfolge sind einfache und klare Strukturen. Im vorliegenden Fall ist die Einsicht notwendig, dass bei den Geldanlagen, Krediten und Versicherungen einige Dinge dumm gelaufen sind. Dazu zählen zum Beispiel die anfängliche Anlage in Aktien, die spätere Aufnahme des Darlehens und der jüngste Einbruch der Aktienkurse. Profis betreiben solche Geschäfte nur auf lange Sicht, so dass für junge Leute der Umkehrschluss gilt, bei den ersten Geldgeschäften nach Möglichkeit auf Aktien zu verzichten.

Sicherheit und Verfügbarkeit

Bei den Versicherungen hat der junge Mann vor einem Jahr in gutem Glauben eine Kapitallebensversicherung auf den 67. Geburtstag abgeschlossen, weil an die Police eine Rente bei Berufsunfähigkeit angehängt worden ist. Hier wäre freilich die strikte Trennung von Geldanlage und Versicherung besser gewesen, weil die Rendite der Police bescheiden ist. Glücklicherweise lassen sich solche Scharten auswetzen. Bei dem jungen Mann bietet sich zum Beispiel als erster Schritt an, den Investmentfonds und die Lebensversicherung zu kündigen. Mit dem Guthaben wird der Autokredit gesenkt. Bei der Reduzierung von Ratenkrediten ist im Gegensatz zu Immobilienkrediten keine Entschädigung zu bezahlen, weil die meisten Autokredite Konsumentenkredite sind, bei denen die kostenfreie Ablösung jeden Tag möglich ist.

Der zweite Schritt sind die Vernichtung der Kreditkarte und die Ansammlung von drei Nettogehältern oder mindestens 5000 Euro in einer Kasse. Das Geld wird am besten auf einem Festgeldkonto oder in einem Geldmarktfonds angelegt. In beiden Fällen kommt es nicht auf Rendite, sondern ausschließlich auf Sicherheit und Verfügbarkeit ein. Die Rücklage ist eine Reserve für Notfälle. Das kann die Behandlung beim Zahnarzt sein. Oder die Rücklage bietet Hilfe beim Kauf einer Wohnungseinrichtung. Selbst wenn in den kommenden Monaten keine außergewöhnlichen Ausgaben auf dem Programm stehen, wirkt die Kasse vielfach Wunder, weil die Menschen im Laufe der Zeit ihre finanzielle Freiheit zu schätzen lernen.

Das Ende mit Schrecken

Der dritte Baustein sind die Versicherungen. Die private Haftpflichtversicherung ist in den meisten Haushalten vorhanden, und die Deckungssumme liegt in aller Regel bei zwei bis drei Millionen Euro. Das wird in vielen Fällen ausreichen, doch in einigen Situationen kann die niedrige Summe zum finanziellen Ruin führen. Vor allem bei Schäden, in welchen den Opfern lebenslange Renten zugesprochen werden, kann die Entschädigung schnell in die Millionen gehen, so dass es auf der Hand liegt, bei der Privathaftpflichtversicherung auf Deckungssummen von 10 Millionen Euro zu bestehen. Die großen Policen kosten im Vergleich zu den kleinen Verträgen höchstens 50 Euro im Jahr mehr, so dass der Mehraufwand im Verhältnis zur Leistung nicht der Rede wert ist.

Das größte Risiko des jungen Mannes ist die Invalidität durch Krankheit. In diesem Fall stehen viele Berufsanfänger im Regen, weil die staatliche Unterstützung niedrig ist. Aus diesem Grund war es richtig, dass der Computer-Fachmann gleich zu Beginn seiner Karriere eine entsprechende Versicherung abgeschlossen hat. Nur war die Wahl der Police unglücklich, weil die Kapitalpolice von 100.000 Euro, abgeschlossen auf das 67. Lebensjahr, und die monatliche Rente von 1500 Euro bei Berufsunfähigkeit ein Missgriff waren, dem Vermittler aber eine saftige Provision beschert haben. Hier gibt es nur eine Lösung: Kündigung des Vertrages und Umstieg auf eine selbständige Police. Das führt zwar auf den ersten Blick zu Verlusten, doch in diesem Fall ist das Ende mit Schrecken besser als der Schrecken ohne Ende, weil der Anleger die zukünftigen Prämien in Geldanlagen investieren kann, die ihm mehr Nutzen bieten.

Die Absicherung hoher Risiken

Nach der Absicherung der existenzgefährdenden Risiken geht es zurück zur Geldanlage und der Frage, was mit den künftigen Überschüssen passieren soll. Die Wahl der richtigen Geldanlage wird in erster Linie von den Zielen des Anlegers abhängen. Hier gilt die Regel: Je kürzer die Anlagedauer ist, desto eher kommen Rentenfonds in Frage, und je länger das Geld liegen bleiben kann, desto vorteilhafter sind Aktienfonds. Auf alle Fälle sollten junge Menschen nicht den fragwürdigen Hinweisen mancher Vermittler folgen, schon früh an später zu denken, und Sparverträge fürs Alter abschließen.

Es ist schon richtig, sich mit Geld zu beschäftigen, aber die Kirche sollte im Dorf stehen bleiben. Das bedeutet, dass es in jungen Jahren nicht um die Vorsorge fürs Alter geht. Stattdessen geht es um die Absicherung hoher Risiken, dann folgt das Ansparen für Konsumgüter, schließlich steht das Eigenheim auf dem Programm, und erst ganz am Ende kommt die private Altersvorsorge. Solche schlichten Sätze hören Verkäufer von Finanzprodukten, das liegt in der Natur der Sache, nicht besonders gerne, weil es da nicht viel zu verdienen gibt. Die Erträge für Haftpflicht- und Unfallversicherungen sind gering, und der Hinweis auf Konsumverzicht und Sparbücher wirft überhaupt keine Provision ab. Ist es da ein Wunder, dass die Vertreter die Werbetrommel für Investmentsparverträge und Kapitalversicherungen rühren?

Fortbildung und Karriere

Die langfristigen Sparverträge haben aber, um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen, bei jungen Leuten nichts verloren. Wenn zum Beispiel in fünf oder zehn Jahren der Traum vom Eigenheim verwirklicht werden soll, sind Aktiensparpläne fragwürdige Anlagen, weil denkbare Kursverluste nicht wettgemacht werden können. In diesem Fall sind und bleiben Banksparpläne und Bausparverträge die beste Lösung. Da können Kritiker nach Belieben über die Abschlussgebühren und Magerrenditen lästern. Es gibt zur Notwendigkeit, beim Einzug ins Eigenheim so viel Geld wie möglich auf der hohen Kante zu haben, keine Alternative, und mit Zins und Zinseszins ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Stattdessen sind Arbeiten, Sparen und Sicherheit angesagt.

Sobald aber Heirat, Familie und Eigenheim kein Thema sind, rücken Steuersparmodelle und Altersvorsorge in den Mittelpunkt. Für das erste Problem gibt es keine brauchbaren Lösungen, doch die zweite Schwierigkeit lässt sich mit Optimismus und Zuversicht meistern: Aktien, Aktien und noch einmal Aktien – allen Unkenrufen zum Trotz. Wichtig ist freilich die Bereitschaft, die Risiken zu tragen. Wer die extremen Kursschwankungen an der Börse nicht aushält, muss sich nicht schämen. Nur sollte er dann eben die Finger von Aktien lassen. Wer aber schon mit 20 oder 25 Jahren auf die Börse vertraut, sollte die Sparraten auf drei große Indexfonds verteilen und die Sache laufen lassen.

Die mit Abstand wichtigste Geldanlage in jungen Jahren ist und bleibt der Anleger selbst. Es hat keinen Zweck, heißen Tipps und hohen Renditen hinterherzurennen. Statt dessen sind Fortbildung und Karriere wichtiger. Dort ist mit Abstand am meisten Geld zu verdienen. Die Arbeitskraft ist für die meisten Menschen das mit Abstand größte Kapital. Bei Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit und Tod können Versicherungen einspringen und Geld zahlen. Gegen sinnlose Arbeit ist aber kein Kraut gewachsen. Daher sollte die Arbeitskraft wie ein kostbarer Schatz gehütet und gepflegt werden, weil sie in Verbindung mit Sparsamkeit die Basis des Wohlstandes bildet. Die Grundlage ertragreicher Arbeit ist nicht ein toller Job, wie viele Menschen meinen, sondern die Begeisterung für bestimmte Dinge und die Ausdauer, die Arbeit auch in schwierigen Zeiten ohne Murren zu erledigen, und das ist nur mit Leidenschaft möglich.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

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