16.04.2011 · Die Hoffnung auf eine reale Vermehrung des Kapitals allein durch Zins und Zinseszinsen erfüllt sich selten. Gier, Inflation, Kriege, Reformen und Steuern lassen Geld und Zinsen nie zur Blüte kommen. Doch viele Sparer lügen sich gerne in die Tasche.
Von Volker LoomanDer Traum, durch Zinsen und Zinseszinsen reich zu werden, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit uralt. Kostproben über die sagenhafte Auswirkung des Zinses gibt es in Hülle und Fülle. Wenn unsere Ahnen vor 2010 Jahren den Vorläufer eines Euro zu 1 Prozent pro Jahr angelegt hätten, müssten sich die Erben heute nicht über Riester und Rürup ärgern, sondern hätten 485 Millionen auf dem Konto. Oder hätten die Altvorderen mit der Geldanlage nicht wenigstens um 1510 herum beginnen und von ihrer Bank jährlich 3 Prozent bekommen können? Da sähe die Altersversorgung immer noch ordentlich aus, weil auch zwei Millionen sechs Hundert einundzwanzig Tausend acht Hundert siebenundsiebzig Euro kein Anlass zur Klage sind.
Beklagenswert ist allein, dass diese Träume nur selten in Erfüllung gegangen sind: Gier, Inflation, Kriege, Reformen und Steuern ließen Geld und Zinsen nie zur Blüte kommen, und damit werden sich auch die heutige Menschen abfinden müssen. Selbst in friedlichen Zeiten ist der Traum vom Reichtum dank Zinsen und Zinseszinsen eine Schnapsidee, wie die folgenden Beispiele aus dem Alltag zeigen.
Eigenheime als beste Geldanlage?
Staatsanleihen wie in Tabelle 1 bringen, wenn das Kapital auf zehn Jahre angelegt wird, ungefähr 3,5 Prozent pro Jahr. Von diesen Erträgen müssen jeweils am Jahresende die Abgeltungsteuer und der Solidaritätszuschlag – zusammen 26,375 Prozent – an die Staatskasse abgeführt werden. Wenn sich noch die Inflation mit einem Wert von jährlich 3 Prozent durch die Hintertür in die Rechnung schleicht, gerät Holland in Not. Man braucht von Finanzmathematik nicht viel zu verstehen, um zu erkennen, dass 3,5 Prozent, zuerst um 26,375 Prozent gekürzt, dann um 3 Prozentpunkte gesenkt, ins Minus führen. Die Liebhaber von Zahlen sollten trotzdem einen Blick in die zweite Tabelle werfen, weil die Rechenschritte für die Untersuchung komplexerer Finanzprodukte als Anleihen und Sparbücher von Nutzen sein können.
Der effektive Zahlungsstrom nach Steuern beginnt mit 50.000 Euro. Ihm folgen neun Ausschüttungen von jeweils 1288,44 Euro. Abgeschlossen wird die Zahlungsreihe durch 51 288,44 Euro. Hinter diesem Betrag verbergen sich die letzte Ausschüttung und die Rückzahlung des Kapitals. Wenn die Kaufkraft der Rückflüsse jedes Jahr um 3 Prozent sinkt, muss der Anleger noch nicht ernsthaft um sein Kapital bangen. Nur muss er die Hoffnung begraben, die eingesetzten 50.000 Euro vermehren zu können. Die Rendite des realen Zahlungsstroms liegt bei minus 0,41 Prozent pro Jahr. Das bedeutet in Zahlen: Der Anleger legt 50.000 Euro an und erhält in zehn Jahren rund 48.000 Euro zurück. In Worten lautet die Botschaft: Der Anleger ist mit einem blauen Auge davon gekommen, doch von Zins und Zinseszins kann keine Rede sein.
Etwas besser sieht die Lage bei Eigenheimen aus, die viele Deutsche für die beste Geldanlage halten. Das hängt mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem Wunsch zusammen, unter dem eigenen Dach zu leben. Wer spitzem Bleistift nachrechnet, wird bald auch in puncto Eigenheim schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In der dritten Tabelle stehen die Daten eines durchschnittlichen Hauses. Es kostet 300.000 Euro. Hinzu kommen die Nebenkosten. Dafür erspart sich der Besitzer die jährlichen Mieten. Sie beginnen bei 12.000 Euro, und wenn 2000 Euro für die Instandhaltung aufwendet werden, sinkt der erste Mietvorteil auf 10.000 Euro. Er möge in Zukunft um 2 Prozent pro Jahr steigen. Im selben Zeitraum soll der Wert des Hauses um jährlich 1 Prozent anwachsen.
Das Ergebnis ist in der vierten Tabelle zu sehen. Es geht mit dem Gesamtpreis von 315.000 Euro los. Danach folgen die Mietvorteile. Und am Ende stehen der letzte Mietvorteil und der künftige Wert des Hauses. Die Zahlenreihe ist vor und nach Abgaben gleich, weil bei diesem Geschäft keine Steuern anfallen. Nur die Inflation treibt die realen Zahlen wieder in den Keller. Bei einer jährlichen Geldentwertung von 3 Prozent verliert allein der Schlusswert rund ein Viertel seines Wertes. Dadurch beträgt die Verzinsung dieses Eigenheims rund 0,86 Prozent pro Jahr.
Unabhängigkeit vom Vermieter hat ihren Preis
Das Ergebnis erlaubt viele Interpretationen. Anhänger des Eigenheims werden das Ergebnis aus zwei Gründen ablehnen. Erstens beträgt die Nutzungsdauer lediglich zehn Jahre, und zweitens liegen die Miet- und Wertsteigerungen unter der Inflationsrate. Nur sollten die Kritiker nicht übersehen: Diese Zahlen geben die Realität wieder. Unabhängig von der Nutzungsdauer liegen die Miet- und Wertsteigerungen in der Regel unter den Inflationsraten, und das führt in manchen Fällen zu langen Gesichtern. Wer freilich seit 30 oder 40 Jahren im Eigenheim wohnt, weiß aus Erfahrung, dass die Unabhängigkeit vom Vermieter ihren Preis hat und mit selbstgenutzten Immobilien nicht viel Geld zu verdienen ist.
Die Hoffnung auf hohe Gewinne ist bei Liebhabern der Aktie erheblich ins Wanken geraten. Seit der Einführung der Abgeltungsteuer an der Börse sind die Renditen abgestürzt, und ein Blick in die Tabellen 5 und 6 verrät die Gründe. In der fünften Tabelle werden 100.000 Euro für die Dauer von zehn Jahren in Aktien angelegt. Der Anleger hofft, dass sich die Papiere mit jährlich 6 Prozent rentieren. Davon soll ein Drittel aus Dividenden bestehen, und zwei Drittel sollen auf Kursgewinne entfallen. Unabhängig von der Aufteilung sind die Ergebnisse ernüchternd, weil die Abzüge durch die Steuern und die Inflation heftig sind.
In der sechsten Tabelle beginnt die Zahlungsreihe mit 100.000 Euro. Danach kommen neun Dividenden. Sie betragen zwar 2000 Euro, aber bei dem Anleger kommen jedes Jahr wegen der Steuern nur 1473 Euro an. Richtig zur Kasse gebeten wird der Aktionär am Ende der Veranstaltung. Die letzte Dividende und die jährlichen Kursgewinne sorgen für einen steuerpflichtigen Ertrag von 50.000 Euro, und das bedeutet Abgaben von 13.000 Euro. Folglich endet die Zahlungsreihe mit einer Bewegung von 138.000 Euro, die wegen der Inflation auf 102.000 Euro schmilzt.
Die Wahrheit ist bitter
Ein Blick auf die vorletzte Spalte der sechsten Tabelle wird manchem Börsianer die Tränen in die Augen treiben. Anfangs wurden 100.000 Euro eingesetzt, letztlich fließen 102.000 Euro zurück, unterwegs plätschern Beträge zwischen 1400 und 1100 Euro in die Kasse, das verheißt nichts Gutes. Die Wahrheit ist bitter. Mehr als 1,32 Prozent pro Jahr kommen bei diesem Geschäft nicht heraus, und das bei Aktien, die über Jahrzehnte hinweg neben Immobilien als die Waffen im Kampf gegen die Geldentwertung galten.
Die stillen Kenner privater Geldgeschäfte werden über die Bemerkung lächeln. Sie wissen, dass Wohlstand nicht auf Zins und Zinseszins, sondern auf anderen Dingen beruht. Wer im Leben mit anständigen Mitteln zu Wohlstand gekommen ist, hat in der Regel mit Leistung, die besser als der Durchschnitt war, viel Geld verdient, und er hat sich bei den Ausgaben zurückgehalten. Die Überschüsse wurden im Bewusstsein angelegt, mit den Erträgen die Abgaben und Inflation zu decken. Folglich ging und geht es bei der Geldanlage weniger um die Vermehrung, sondern mehr um den Erhalt des Kapitals.
Mit diesem Ziel sollten sich die meisten Sparer zufrieden geben. Wer für das Alter spart, sollte sich von Zins und Zinseszinsen verabschieden, nach dem Motto: Ehrlichkeit zu sich selbst sorgt für den besten Schlaf. In der siebten und in der achten Tabelle kommt ans Tageslicht, was viele Menschen im Grunde wissen: Das Leben ist eine Wechselstube. Geld wird angespart, Geld wird ausgegeben. Mehr fällt in aller Regel nicht ab. Wer dieser Aussagen nicht traut, muss sich in die Niederungen der beiden Tabellen bemühen.
Keine Rücklagen fürs Alter
In Tabelle 7 beträgt die Inflation weiter 3 Prozent pro Jahr. Folglich wird der Anleger gut beraten sein, die monatlichen Sparraten von jeweils 1000 Euro jedes Jahr um 3 Prozent zu steigern. Das Ziel kann er mit der Hoffnung verbinden, dass die Löhne und Gehälter in ähnlichem Maße wie die Geldentwertung steigen. Sonst bleibt ihm nur der Ausweg, den Gürtel von Jahr zu Jahr ein Löchlein enger zu schnallen. Die Entwertung des Geldes wird – mit und ohne Steigerung der Einkommen – ihren Weg gehen.
In beiden Fällen sind für einen Sparplan, der zehn Jahre läuft, im Augenblick aber nicht mehr 3 Prozent pro Jahr zu bekommen. Das Ergebnis der Bemühungen steht in Tabelle 8. Der Anleger hat Raten zwischen 12.000 und 15.000 Euro eingezahlt, und nach zehn Jahren sind 136.000 Euro zu erwarten. Drastischer wird der Betrachter die vorletzte Spalte der Tabelle kommentieren. Insgesamt 105.000 Euro eingezahlt, 101.000 Euro ausgezahlt – das darf doch nicht wahr sein. Es sei dahin gestellt, ob es wahr sein darf, doch in vielen Fällen wird es so sein.
Die nüchternen Werte oder ernüchternden Zahlen werden manchen Verweigerer in seiner Haltung bestärken, keine Rücklagen fürs Alter zu bilden. Sie geben das Geld, das sie zurücklegen könnten, lieber zeitnah aus, wie es so schön heißt, und sie vertrauen darauf, dass ihnen die Allgemeinheit im Alter schon irgendwie unter die Arme greifen wird. Diese Haltung ist in vielerlei Hinsicht fragwürdig. Erstens ist sie ein Zeichen zweifelhafter Selbstverantwortung, und zweitens gibt es kein Garantie, dass es der Staat immer für die Alten richten wird.
Der geringe Zins ist erfreulich
Wer das Heft lieber in die Hand nimmt und bewusst auf Erträge verzichtet, weil er erkannt hat, dass Zinsen ein frommer Wunsch sind, wird auf seine Weise über die Runden kommen. In den Tabellen 9 und 10 geht es um einen Rentenplan. Angelegt werden 100.000 Euro mit dem Ziel, das Kapital in den nächsten 20 Jahren zu verbrauchen. Der Zins von 3,65 Prozent wird durch die Inflation von 3 Prozent fast aufgefressen. Vor diesem Hintergrund kann der Anleger – in diesem Fall ein siebzigjähriger Mann – mit einer realen Jahresrente von 5200 Euro rechnen. Die positive Rendite liegt in der geringen Besteuerung den Rentenplans. Abgabepflichtig ist nur der Ertragsanteil. Er liegt bei 14 Prozent der Rente. Der Wert ist mit dem persönlichen Steuersatz des Anlegers zu multiplizieren. Sind das zum Beispiel nur 20 Prozent, fallen die Abgaben kaum ins Gewicht.
Steuern und Inflation sind manchem Anleger ein willkommener Anlass, über die Aufnahme von Geld nachzudenken. Dahinter steckt die Idee, den Kredit durch die Inflation auffressen zu lassen und das Kapital in werthaltige Anlagen zu stecken. Der Ansatz sieht auf den ersten Blick toll aus, doch bei genauem Hinsehen stellen sich Fragen über Fragen. Der Kredit in Tabelle 11 kostet 4,5 Prozent pro Jahr. Unter Berücksichtigung der Inflation von 3 Prozent sinkt der Preis auf etwa 1,5 Prozent. Genau sind es 1,45 Prozent.
Der geringe Zins ist erfreulich. Nur stellt sich die Frage, in welche Anlagen das Kapital investiert werden soll, wenn deren Renditen ebenfalls niedrig sind. Die meisten Geldanlagen, auch klassische Aktien, kommen für diese Zinsdifferenzgeschäfte nicht in Frage. Das ist Wasser auf die Mühlen von Grundbesitzern. Sie begründen die Vorteilhaftigkeit ihrer Anlagen mit einem Verweis auf die Möglichkeit, bei den Hypotheken auch noch die Schuldzinsen auf das Finanzamt abwälzen zu können. So werde das Geld wie in Tabelle 12 praktisch zum Nulltarif aufgenommen. Nun müsse der Kredit nur noch in Immobilien gesteckt werden, deren Wert von Jahr zu Jahr steige. Wenn es so einfach wäre, dann wären Häuser und Wohnungen in der Tat der Schlüssel zum Paradies. Hier auf der Erde sieht es in vielen Fällen aber etwas anders aus.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
@Ulrich Pillmann
Alex Zunker (zunker)
- 17.04.2011, 17:00 Uhr
An den Autor
Alex Zunker (zunker)
- 17.04.2011, 17:13 Uhr
Dividenden steigen oft...
Sabine Zinke (Sabine.Zinke)
- 17.04.2011, 17:15 Uhr
Durchschnittswerte
Jenny Repanic (Jenny666)
- 17.04.2011, 18:49 Uhr
Analysen eines Finanzexperten
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |