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Die Vermögensfrage Anleihen mit Festzins wiegen in falscher Sicherheit

04.10.2008 ·  Wenn die Bonität des Schuldners ins Wanken gerät, können auch die Kurse der Anleihen im Sturzflug sinken. Was ist für Privatanleger sicher? Und wo verlieren sie ihr Geld schnell? Die Vermögensfrage.

Von Volker Looman
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Das schwere Gewitter auf den Finanzmärkten zeigt in brutaler Klarheit, dass die Unsicherheit bei Geldanlagen die einzige Sicherheit ist. Das gilt nicht nur für Aktien, sondern auch für Anleihen und Immobilien. Geldanlagen sind Geschäfte unter Menschen, und da kann im Laufe des Lebens viel passieren. Davon sind in erster Linie die Parteien betroffen, die Geld verliehen haben. Die Schuldner können mit Zinszahlungen in Verzug geraten, und sie können Konkurs anmelden. Genauso ist es auch möglich, dass die Preise für Geldanlagen in die Tiefe rauschen.

Die aktuelle Krise ist eine Mischung aus beiden Elementen. Zuerst kamen Privatleute in Zahlungsschwierigkeiten, dann sanken die Preise für Immobilien, schließlich gerieten die Banken, die den Schlamassel finanziert haben, ins Trudeln. Nun fragen sich viele Privatleute, wie sie ihr Geld in Zukunft anlegen sollen. Die Antwort muss lauten: Es wird auch in Zukunft keine Sicherheit geben, und daher muss das Kapital breit gestreut werden. Das kann aber wie im folgenden Fall zu weiteren Problemen führen.

Anleihen als beste Lösung?

Ein mittelaltes Ehepaar – er ist 50 Jahre alt, sie ist 48 Jahre jung – hat ein Vermögen von rund 900.000 Euro. Es besteht zu 10 Prozent aus Festgeld, 20 Prozent aus Anleihen, 25 Prozent aus Renten, 40 Prozent aus Immobilien und 5 Prozent aus Aktien. Vor einem Vierteljahr sind Anleihen im Wert von 50.000 Euro fällig geworden, und die beiden Anleger haben sich lange Gedanken darüber gemacht, wie das Kapital für vier bis fünf Jahre wieder angelegt werden soll. Aktien und Beteiligungen waren überhaupt kein Thema, Immobilien auf Pump kamen nicht in Frage, übrig blieben letztlich nur Anleihen mit festem Zins.

Die grobe Auswahl sieht auf den ersten Blick vernünftig aus. Doch auch Anleihen haben ihre Tücken, wie das Ehepaar in der Zwischenzeit weiß. Die Anleger haben das Geld in die Anleihe einer amerikanischen Großbank gesteckt, und die Investoren würden die Entscheidung am liebsten rückgängig machen. Das Papier wurde zum Kurs von 100 Prozent erworben. Es hat eine Laufzeit von drei Jahren. Der Nominalzins ist gestaffelt. Im ersten Jahr gibt es 5,5 Prozent, im zweiten Jahr sind 5,75 Prozent versprochen, und im dritten Jahr sind 6 Prozent zugesagt. Dann soll auch das Kapital zum Kurs von 100 Prozent zurückgezahlt werden, so dass sich der Laie zu Recht fragt, was bei diesem Geschäft, dessen Zinsen und Rückgabepreis fest sind – schiefgehen soll. Das Problem der Anleihe ist die Frage, ob es die Bank in drei Jahren noch geben wird.

Hohe Rendite - mit Risiko

Wer diese Frage vor drei Jahren gestellt hätte, wäre wegen des Mißtrauens ausgelacht worden. Heute ist der Argwohn zulässig, und das kommt auch in dem aktuellen Kurs der Anleihe zum Ausdruck. Der gegenwärtige Preis liegt bei 86 Prozent des Nominalwertes. Das heißt in nüchternen Zahlen: Innerhalb von zwei Monaten ist der Wert der Anleihe um 14 Prozent gefallen. Würde das Papier heute verkauft, müsste sich das Ehepaar mit 43.000 Euro begnügen. Der Verlust von 7000 Euro ist bei einem Vermögen von 900.000 Euro zwar kein Beinbruch. Doch es stellt sich die Frage, wie sich die Anleger verhalten sollen. Sollen sie die Geschichte aussitzen, egal wie die Sache endet, oder sollen sie aussteigen und ihr Glück in anderen Geldanlagen suchen?

Die Antwort hängt vom Vertrauen in die amerikanische Großbank ab. Wie hoch dieser Kredit noch ist, lässt sich an dem offenen Zahlungsstrom erkennen. Wer eine Anleihe für 86 Prozent kauft, drei Coupons bekommt, die zwischen 5,5 und 6 Prozent liegen, und am Ende die vereinbarten 100 Prozent erhält, erzielt eine Rendite von 11,5 Prozent je Jahre. Das mag für eine Laufzeit von drei Jahren toll sein. Viel wichtiger ist freilich die nüchterne Erkenntnis, dass das Vertrauen des Marktes in die Bank dahin ist. Wer eine Rendite von fast 12 Prozent bietet, hat seine Glaubwürdigkeit weitgehend verspielt, weil kein Mensch bereit ist, die entsprechenden Risiken auf sich zu nehmen.

Niedrige Erträge mit hoher Sicherheit sind rentabel

Vor diesem Hintergrund muss die Frage, die das Ehepaar zu beantworten hat, etwas deutlicher formuliert werden: Wo liegt die Schmerzgrenze? Kann das Geld in Erwartung der hohen Rendite in den Sand gesetzt werden. Oder ist es für Leib und Seele vorteilhafter, von den angelegten 100 Prozent wenigstens 86 Prozent zu retten und in Sparbriefe umzuschichten? Hier gibt es zwar auch keine totale Sicherheit, und der jährliche Zinssatz beträgt nur 4,4 Prozent, doch die Umschichtung kann eine Überlegung wert sein.

Pfandbriefe von Sparkassen und Volksbanken waren in den Augen vieler Anleger in den vergangenen Jahren regelrechte Langweiler. Doch in der Zwischenzeit hat sich der Wind gedreht. Die Privatleute haben gelernt, dass „niedrige“ Erträge und „hohe“ Sicherheit im Gegensatz zu „hohen“ Erträgen und „niedriger“ Sicherheit die rentablere Anlage sein können. Im vorliegenden Fall heißt das in Euro und Cent, dass ein Sparbrief mit Zinsansammlung, der für 43.000 Euro gekauft wird und einen jährlichen Zins von 4,4 Prozent bietet, nach drei Jahren für 48.929 Euro eingelöst werden kann. Aus der Sicht des Anlegers bedeutet der Endwert, dass es drei Jahre kaum Zinsen gibt, dafür der Verlust des Kapitals aber begrenzbar ist.

Anleihen und Aktien sind „schutzlose“ Anlagen

In Deutschland sind Sparbriefe durch die gesetzliche Einlagensicherung bis zu einem Betrag von 20.000 Euro geschützt. Für den Rest der Einlagen haften Privatbanken, Genossenschaftsinstitute und Sparkassen mit freiwilligen Entschädigungseinrichtungen. Bei Privatbanken greift der Einlagensicherungsfonds, bei Sparkassen wird die Institutssicherung bemüht, und Volksbanken und Raiffeisenbanken bieten Institutsschutz. Bei den Genossenschaften und Sparkassen gilt sogar die Regel, dass die Absicherung – anders als im privaten Bereich – nicht gedeckelt ist. Das bedeutet im Ernstfall, dass der ganze Verbund aufkommt, wenn ein Institut zusammenbricht.

Die einzelnen Solidargemeinschaften sind besser als nichts. Doch im Ernstfall werden auch diese Stricke nicht halten. Wenn es in Deutschland zu einer richtigen Bankenkrise kommt, falls also die Institute reihenweise über die Klinge springen, sind auch die Sicherungseinrichtungen am Ende. Außerdem fallen unter den Schutz der Sicherungen nur Girokonten, Termingelder, Sparbücher und Sparbriefe. Anleihen und Aktien sind „schutzlose“ Anlagen. Wenn es gut geht, geht es gut, und wenn es schiefgeht, geht es schief.

Staatsanleihen sind solide

Vor diesem Hintergrund sollten die Anleger festverzinsliche Wertpapiere in zwei Klassen teilen. Auf der einen Seite gibt es Sparbriefe, auf der anderen gibt es Anleihen. Die Sparbriefe sind mit fester Laufzeit und festem Zins ausgestattet. Die Zinsen werden entweder ausgeschüttet oder angesammelt. Die Papiere haben kein Kursrisiko, weil sie vor dem Fälligkeitstermin nicht zu verkaufen sind. Das sieht bei den Anleihen anders aus. Sie können täglich veräußert werden; dafür unterliegen sie vor der Rückzahlung entsprechenden Kursschwankungen. Wenn die Zinsen steigen, sinken die Kurse, und wenn die Zinsen sinken, steigen dagegen die Kurse.

Von diesem Auf und Ab wissen vor allem Anleger ein Lied zu singen, die sich Anleihen mit langen Restlaufzeiten gekauft haben und kaufen wollen. Der Zins ist zwar fest, und auch der Rückgabekurs bei Fälligkeit wird garantiert. Nicht fest ist aber der Kurs bis zum Ende der Laufzeit. Hier kann es – ausgelöst durch Bonitätseinbußen oder Zinsanstiege – zu gewaltigen Einbrüchen kommen. Die Kurse von Bankanleihen sind, sofern die Institute noch am Leben sind, im freien Fall gesunken, so dass für Anleger, die sichere Häfen für ihr Geld suchen, vorrangig solide Staatsanleihen in Frage kommen.

Solidität ist freilich ein hohes Gut, und wie lange sich Länder, die bis zur Halskrause verschuldet sind, noch über Wasser halten, steht in den Sternen. Daher kann der Rat nicht oft genug wiederholt werden, dass Unsicherheit die einzige Sicherheit ist und nur breite Streuung etwas Ruhe bieten kann.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Mehr zum Thema im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/vermoegensfrage

Quelle: F.A.Z.
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