18.06.2011 · Die Voraussetzung hoher Renten im Alter ist Konsumverzicht im Arbeitsleben. Doch der Hang zum Genuss ist für viele Zeitgenossen größer. Dies kann sich im Alter rächen.
Von Volker LoomanDie Altersvor-sorge ist ein Vorhaben mit vielen Fallstricken. Schon seit Jahren durchkämmen Heerscharen von Finanzberatern und Versicherungsvertretern das Land und mahnen zur Vorsorge im Alter. Trotzdem hält sich die Bereitschaft der meisten Menschen, die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes in die eigene Hand zu nehmen, in engen Grenzen, und es ist zweifelhaft, ob sich daran in den kommenden Jahren viel ändern wird. Die Haltung vieler Anleger, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht worden ist, mag in zahlreichen Fällen richtig sein, doch in der gegenwärtigen Diskussion über die Renten wird immer wieder die Entwicklung der Bevölkerung unter den Teppich gekehrt.
Deutschland ist ein „alterndes“ Land, und wenn die „Babyboomer“ – Menschen um die 50 – in 15 bis 20 Jahren in Rente gehen, wird der Kampf um die Renten erst richtig losgehen. Es fehlt einfach die Jugend, welche die Senioren unterstützen soll, und da helfen auch die Rufe nach anderen Einwanderungsgesetzen nicht viel. Die Alten fordern ihre Renten, und die Jungen verweigern den Tribut, so dass von dem alten Generationenvertrag, der nach dem Krieg geschlossen worden ist, nicht viel übrig geblieben ist.
Kaum Geld für den Aufbau des Vermögens
Die privaten Lebenspläne der jungen Generation haben sich in den letzten Jahren radikal verändert. Der Einstieg in die Arbeitswelt verzögert sich wegen beruflicher und persönlicher Selbstfindung um Jahre. Wer mit 25 oder 30 Jahren zum ersten Mal eigenes Geld verdient, träumt vom Auto. Wird zusätzlicher Konsum wie Urlaub und Wohnung mit Hilfe auf Pump bezahlt, summieren sich die monatlichen Ausgaben schnell auf 1000 Euro und mehr, so dass in normalen Haushalten kaum Geld für den Aufbau des Vermögens übrig bleibt.
Es wird – wenn überhaupt – spät geheiratet. Folglich rutschen auch Kinder und Eigenheime auf der Zeitachse nach hinten. Eltern sind heute zwischen 35 und 40 Jahre alt, wenn sie ein Eigenheim bauen oder kaufen. Die Kapitaldecke ist dünn, und die Finanzierung wird auf Grund knapper Kassen auf 20 bis 25 Jahre angelegt. Parallel dazu wird hier und da noch der zaghafte Versuch unternommen, etwas Geld für die private Altersversorgung auf die Seite zu bringen. Das ist aber nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Die Folgen dieser „neuen“ Wirtschaft werden erst in Jahrzehnten zu spüren sein, doch die Umrisse sind schon heute sichtbar. Die durchschnittliche Rente der deutschen Rentenversicherung beträgt zurzeit etwa 1200 Euro pro Monat. Wer in den letzten 45 Jahren jeweils den Höchstbeitrag – zurzeit fast 1100 Euro pro Monat – in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt hat, muss sich trotz des Arbeitgeberanteils in gleicher Höhe mit einer Altersrente von etwa 2200 Euro zufriedengeben.
Die Aussichten, dass die Beiträge zur Rentenversicherung in Zukunft stabil bleiben werden, sind äußerst düster. Der Beitragssatz hat sich seit 1950 verdoppelt. Damals lag er bei 10 Prozent. Heute beträgt er 20 Prozent. In den kommenden Jahren wird die Altersgrenze stufenweise auf 67 Jahre heraufgesetzt. Wer früher in Rente geht, muss Abschläge in Kauf nehmen. Studienzeiten werden nur noch begrenzt anerkannt. Die Anpassung der jährlichen Rentenerhöhungen an die Nettolöhne zeigt, dass das Sicherste an der gesetzlichen Rente die Versorgungslücke ist, und dieses Problem wird auch mit Hilfe der Rentenreform nicht gelöst werden.
Altersvorsorge ist zur Privatsache geworden
Die staatliche Förderung einzelner Geldanlagen mag ein erster Ansatz sein, doch der Glaube der Bürger, dank großzügiger Subventionen im Alter genug zum Leben zu haben, ist in vielerlei Hinsicht trügerisch. Der Kampf um die staatlichen Milliarden, die in Zukunft den Sparwillen der Menschen beflügeln sollen, wird die Taschen einzelner Unternehmen füllen, doch das Versprechen, dass die Renten auf diese Weise sicherer als bisher sein werden, ist in dieser Form nicht haltbar. Die Menschen werden sich damit abfinden müssen, dass die Altersvorsorge zur Privatsache geworden ist, und diese Entwicklung trifft in besonderer Weise den „mittelalterlichen“ Mittelstand.
Ein Bruttogehalt von 60.000 oder 70.000 Euro pro Jahr ist viel Geld, doch die Menschen, die solche Gehälter nach Hause bringen, werden ihre liebe Müh und Not haben, dieses Niveau im Alter zu halten. Eine monatliche Pension von 1500 Euro, ein bezahltes Reihenhaus und ein freies Vermögen von 100.000 Euro sind ohne Zweifel ein solides Fundament für den Lebensabend, doch die Hoffnung, dass die Leute im Alter genügsam werden, ist mit Vorsicht zu genießen. Das mag für die Rentner zutreffen, die Not durchlitten, Kriege überlebt und am eigenen Leib erfahren haben, was es bedeutet, nicht nur jeden Euro, sondern jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen. Die künftigen Senioren aber, die „Notzeiten“ nur aus dem Geschichtsbuch kennen, werden mit der Aussicht, gerade im Alter kürzer zu treten, große Probleme haben. Auto, Eigenheim, Konsum, Kinder, Enkel und Urlaub sind fast schon eine Garantie, dass auf dem Konto nicht viel Geld übrigbleiben wird. Folglich ist es kein Wunder, dass diese Menschen panische Angst vor dem sozialen Abstieg haben.
Eine heikle Rechnung
Die Kluft zwischen Realität und Wunsch gehört zu den heikelsten Problemen der privaten Altersvorsorge. Hier können wenige Parameter wie die Versorgungsdauer, die Inflation und die Steuer kleine Erdbeben auslösen. Aus der Sicht des Anlegers mag die staatliche Rente sicher sein. Was geschieht aber mit dem freien Vermögen? Hier stellen sich zum Beispiel die Fragen, wie lange der Anleger leben wird, wie hoch der Rentenzins ist und wie viel Geld vererbt werden soll. Nach den heutigen Sterbetafeln werden Männer etwa 85 Jahre alt. Wenn nach dem 65. Geburtstag beispielsweise 100.000 Euro nach Abzug von Gebühren und Steuern zu 3 Prozent angelegt und innerhalb von 20 Jahren vollständig aufgezehrt werden wird, beträgt die monatliche Zusatzrente etwa 550 Euro. Damit winkt eine monatliche Gesamtrente von rund 2000 Euro, so dass die Welt in Ordnung zu sein scheint.
Die erste Enttäuschung steht ins Haus, wenn diese Rente nicht ausreicht, und die nächste Frustration folgt, wenn die Rente einer Inflationsrate von 2 oder 3 Prozent ausgesetzt wird. Soll die Rente statt 2000 Euro vielleicht 2500 Euro betragen, ist ein freies Vermögen von 181.000 Euro notwendig. Ganz heikel wird die Rechnung, wenn die Inflation zuschlägt. Bei einer Geldentwertung von 3 Prozent pro Jahr sinkt die Kaufkraft von 2500 Euro innerhalb von 20 Jahren auf 1400 Euro. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Rente auf 4500 Euro steigen muss, um ihren heutigen Wert zu behalten. In Inflationszeiten besteht die berechtigte Hoffnung, dass die betrieblichen und gesetzlichen Renten in ähnlichem Maße steigen werden. Trotzdem wird sich die private Lücke vergrößern. Jetzt beträgt das notwendige Zusatzkapital schon 236.000 Euro.
Ein sorgenfreier Lebensabend
Die hohen Zahlen sind für viele Menschen kaum fassbar. Die psychische Wahrnehmung endet in der Regel beim doppelten Jahreseinkommen. Wer heute 75.000 Euro verdient, kann in Umrissen erkennen, wie viel 150.000 Euro sind. Wer allerdings 200.000 Euro pro Jahr nach Haus bringt, hat keine Vorstellung mehr, wie viel 600.000 Euro sind. Aus diesem Grund fängt bei großen Versorgungslücken die „stille“ Rückrechnung an: Es keimt die Hoffnung, dass alles doch nicht so schlimm werden wird wie angenommen. Die Wunschrente wird im Laufe des Berufslebens in Hundert-Euro-Schritten nach unten angepasst, und die Fatalisten flüchten sich in die Erkenntnis, dass es schon immer attraktiver war, kurz und heftig anstatt lang und mäßig zu leben.
Die Meinungen über die richtige Rente mögen im Einzelfall auseinandergehen. Unbestritten ist aber, dass die betriebliche und die gesetzliche Rente in vielen Fällen nicht ausreichen werden, um einen „sorgenfreien“ Lebensabend zu führen. Selbst das schuldenfreie Eigenheim ist keine Garantie für finanzielle Sicherheit. Wer heute mehr als 60.000 Euro verdient und den Lebensstandard im Alter aufrecht erhalten will, muss privates Zusatz-vermögen aufbauen und dafür gibt es nur eine Lösung: Arbeit, Konsumverzicht und Sparsamkeit.
Stetiger Konsumverzicht
Bei der Überlegung, wie das optimale Anlageprogramm fürs Alter aussieht, denken die meisten Anleger an die Rendite. Je höher die Verzinsung ist, so lautet die weitverbreitete Ansicht, desto vorteilhafter sei auch die Investition. Die Meinung ist vom Grundsatz her richtig. Noch wichtiger ist aber die Einsicht, dass mit normalen Zinsen und Zinseszinsen kaum Geld zu verdienen ist, weil die Erträge von Gebühren, Steuern und Inflation aufgefressen werden. Folglich geht es bei der Altersvorsorge in erster Linie um die Anlage von Überschüssen, und das bedeutet frühen und stetigen Konsumverzicht.
Das ist vielen Menschen nicht zu vermitteln, wie in folgendem Beispiel deutlich wird. Zwei Anleger sind jeweils 40 Jahre alt. Beide wollen keine Eigenheime, und beide könnten jeden Monat ungefähr 500 Euro auf die hohe Kante legen. Der kleine Unterschied ist die Anlagepolitik der beiden Herren. Der eine legt das Geld in Pfandbriefe und Aktien an, und der zweite investiert den halben Tausender in Autos, Frauen und Freizeit.
Wer zu spät spart, den bestraft das Leben
Der Investor hat begriffen, dass die Zeit das größte Kapital ist. Daher will er das Sparprogramm bis zur Pensionierung in 27 Jahren durchziehen. Er hofft auf eine Verzinsung von 3 Prozent, und wenn die Kalkulation aufgeht, wird aus dem Anleger im Alter ein Viertelmillionär. Die insgesamt 324 Monatsraten von jeweils 500 Euro führen durch Zinsen und Zinseszinsen zu einem Endwert von 248.000 Euro.
So weit denkt der Altersgenosse nicht. Er will das Leben weiter in vollen Zügen genießen und ist der Meinung, dass es völlig ausreiche, nach dem 50. Geburtstag mit dem Sparen zu beginnen. Die Auswirkungen dürften vielen Menschen, die ähnlich denken, kaum bewusst sein. 37 Prozent weniger Sparzeit kürzen das Endvermögen um 46 Prozent, weil 204 Sparraten à 500 Euro, angelegt zu 3 Prozent, nach 17 Jahren zu einem Vermögen von 132.000 Euro führen. Um nach dem 50. Geburtstag innerhalb der verbleibenden 17 Jahre ebenfalls noch auf ein Vermögen von 248.000 Euro zu kommen, sind bei einer Verzinsung von 3 Prozent monatliche Raten von jeweils 937 Euro notwendig. Selbst bei einer jährlichen Rendite von 6 Prozent – die Gier lässt grüßen – hat der „Spätzünder“ keine Chance mehr, den Kollegen einzuholen. 204 Sparraten à 500 Euro führen bei 6 Prozent zu einem Endguthaben von 175.000 Euro. Notwendig sind 10 Prozent, um die 248.000 Euro zu erreichen, doch die Gefahr, das Geld zu verlieren und im Alter mit leeren Händen dazustehen, ist unverhältnismäßig hoch.
Der Wert des Geldes wird nicht gleich bleiben
Der frühe Konsumverzicht wird mit Freiheit und Unabhängigkeit im Alter belohnt. Die 248.000 Euro können zum Beispiel 20 Jahre lang zu jeweils 3 Prozent angelegt und verzehrt werden. Dann bekommt der Anleger, wie ein Blick in jede Rententabelle zeigt, insgesamt 240 Raten von jeweils 1367 Euro. Im Vergleich dazu wird die Versorgung des lebenslustigen Kollegen blass aussehen. Die Verrentung der 132.000 Euro führt zu einer monatlichen Zusatzversorgung von 733 Euro.
Über diese Zahlen werden manche Investoren den Kopf schütteln und die Frage stellen, ob die private Zusatzversorgung wirklich so hoch sein muss. Hier gibt es weder richtige noch falsche Antworten, sondern nur die Einsicht, dass jeder Mensch frei ist, seine Altersversorgung in die eigene Hand zu nehmen. Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen, doch die Hoffnung, dass der Wert des Geldes in Zukunft gleich bleiben wird, ist eine Seifenblase. Es muss damit gerechnet werden, dass die Inflation das Kapital mit 2 bis 3 Prozent pro Jahr vernichten wird.
Die Haltung, heute zu leben und sich über die Altersversorgung keinen Kopf zu machen, ist durchaus verständlich. Es ist nur dumm, dass man mit 50 und 55 Jahren die Zeit nicht zurückdrehen kann. Es ist sinnvoll, vom ersten Einkommen an stets 10 bis 15 Prozent auf die Seite zu legen. Wohlstand im Alter besteht aus Konsumverzicht und der schlichten Erkenntnis, dass es bei der Geldanlage zunächst auf das Kapital, dann auf das Risiko und schließlich auf den Zinssatz ankommt.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
Was mich wundert ...
Eduardo Preuß (windei)
- 18.06.2011, 19:02 Uhr
Fahrzeuge, Frauen und Freizeit
H. Gebhardt (hgebhardt)
- 18.06.2011, 19:07 Uhr
Beamter müsste man sein
Erich Arnold (olderich)
- 18.06.2011, 19:55 Uhr
@Eduard Preuß 18.06. 17:02
Eberhard Stoeckel (Veridicus)
- 18.06.2011, 20:32 Uhr
Der letzte Gedankenschluss..
Johann Unsichtbar (johnnyInvisible)
- 18.06.2011, 20:40 Uhr
Analysen eines Finanzexperten
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