Home
http://www.faz.net/-gvg-tq72
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Vermögensfrage Altersvorsorge: Den Stier bei den Hörnern packen

23.12.2006 ·  Gute Vorsätze zum neuen Jahr sind gut. Wichtiger wären: Absicherung gegen Invalidität, Sparen fürs Eigenheim, Tilgung der Schulden, Schutz der Familie im Todesfall sowie Aufbau der Altersvorsorge mit Hilfe von Anleihen und Aktien.

Von Volker Looman
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Das Alterseinkünftegesetz wird in wenigen Tagen zwei Jahre alt. Ursache des Mammutwerkes war die Auflage des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, die Pensionen der Beamten und die Renten der Angestellten steuerlich gleich zu behandeln. Die Entscheidung des Gerichtes hat die deutsche Altersvorsorge auf den Kopf gestellt, und das Gesetz mag in juristischer Hinsicht ein Fortschritt sein. Für die meisten Privatleute ist das Regelwerk aber ein böhmisches Dorf.

Sie haben große Probleme, die einzelnen "Schichten der Altersvorsorge" zu durchdringen, und sie haben noch größere Schwierigkeiten, die vielfältigen Geldanlagen und Versorgungsbezüge so miteinander zu verknüpfen, daß die Altersvorsorge unter dem Strich eine runde Sache wird. Wer den Verlockungen der Banken und Versicherungen mit gesundem Menschenverstand widersteht und sich auf das Wesentliche konzentriert, kann wie im folgenden Fall schnell die Spreu vom Weizen trennen.

Die Spreu vom Weizen trennen

Ein Betriebswirt ist 30 Jahre alt und ledig. Der junge Mann verdient zur Zeit etwa 3.000 Euro brutto pro Monat. Er will in nächster Zeit heiraten und eine Familie gründen. In beruflicher Hinsicht setzt der Akademiker auf Fortbildung und Karriere. In zehn Jahren soll das Einkommen nach Möglichkeit bei 7.000 bis 8.000 Euro pro Monat liegen. Im Ruhestand soll die monatliche Rente, so die heutige Vorstellung, nach Abzug der Steuern etwa 5.000 Euro betragen. Das wird nach den neuen Spielregeln der Altersvorsorge, die nicht mehr auf drei Säulen ruht, sondern aus drei Schichten besteht, einige Arbeit machen.

In der ersten Schicht, der Basisversorgung, liegen die gesetzliche Rentenversicherung und die Rürup-Rente. Der erste Vertrag ist Pflicht. Der zweite Vertrag ist Kür, und von dem zweiten Vertrag sollte der Anleger die Finger lassen, weil die Rente im Augenblick nicht ins Konzept paßt. Aus der Bundesversicherungsanstalt werden dem jungen Mann nach dem 67. Geburtstag etwa 2.000 Euro pro Monat zufließen. Die Höhe der Rente wird in den nächsten 37 Jahren mit hoher Sicherheit steigen, doch vor dem Hintergrund, daß in diesem Zeitraum auch die Preise klettern werden, kann mit dickem Daumen und konstanten Zahlen gerechnet werden.

Die zweite Schicht - die Zusatzversorgung - enthält die Betriebsrenten. Hier gibt es zur Zeit fünf Arten, nämlich Direktzusage, Unterstützungskasse, Direktversicherung, Pensionskasse und Pensionsfonds. Außerdem gehört in diese Schicht die Riester-Rente. Die Beliebtheit dieser Rente ist in jüngster Zeit sprunghaft gestiegen, doch das ändert nichts an der Tatsache, daß die Riester-Rente für Berufseinsteiger ein fragwürdiges Geschäft ist, weil es in jungen Jahren um die Lösung anderer Probleme geht. Bei der Betriebsrente kann der Akademiker nach Auskunft des Arbeitgebers mit einer Betriebsrente von 1000 Euro rechnen, wenn er dem Unternehmen bis zum 60. Lebensjahr die Treue hält.

Private Altersvorsorge - in steuerlicher Hinsicht herrscht blankes Chaos

In die dritte Schicht fällt die private Altersvorsorge. Dazu zählen die Geldanlagen des Kapitalmarktes. Hier herrscht in steuerlicher Hinsicht blankes Chaos. Mieten und Zinsen müssen in voller Höhe versteuert werden. Dividenden fließen nur zur Hälfte in die Besteuerung. Bei privaten Renten wird der Ertragswert angesetzt, und die Rückflüsse aus Schiffsbeteiligungen bleiben von Abgaben verschont. Die geplante Abgeltungssteuer wird die Unordnung nicht beseitigen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter vergrößern.

Die gesetzliche Rente und die betriebliche Versorgung sind im Augenblick die einzigen zu erwartenden Bezüge des Mannes. Sie summieren sich im Alter auf 36.000 Euro pro Jahr. Davon sind nach heutiger Lage knapp 8.000 Euro steuerfrei, so daß der Rest - rund 28.000 Euro - steuerpflichtig ist. Er führt nach der Grundtabelle zu einer Belastung von etwa 5.000 Euro. Hinzu kommen die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung, so daß dem Rentner nach Abzug sämtlicher Abgaben schätzungsweise 2.500 Euro pro Monat bleiben werden.

Bei einer monatlichen Wunschrente von 5.000 Euro würde dem jungen Mann später folglich die zweite Hälfte fehlen. Die Lücke kann, wenn der Betriebswirt im Ruhestand munter und rüstig bleibt und nicht genügend Geld angehäuft haben wird, große Löcher in die Kasse reißen. Die Lebenserwartung der Männer liegt nach den neusten Sterbetafeln der deutschen Aktuare bei 85 Jahren, und Frauen bringen es auf 90 Jahre. Das führt bei schlichter Multiplikation der Versorgungslücken und Ruhestandsjahre zwischen dem 67. und 85. Geburtstag zu einem Betrag von 540.000 Euro.

Auf dem Papier ist das Sparziel schnell erreicht. Bei einem Anlagezins von 3 Prozent nach Steuern muß der Anleger monatlich 669 Euro auf den Tisch legen, und bei einem Anlagezins von 5 Prozent sind 431 Euro nötig, um das Ziel zu erreichen. Das setzt in beiden Fällen aber die Disziplin voraus, erstens: sofort mit dem Sparen anzufangen, und zweitens die Geschichte auch bis zum Ende durchzuhalten. Das ist für einen dreißig Jahre alten Mann, der im Moment brutto 3000 Euro verdient und von Frau und Kindern träumt, ein bißchen viel auf einmal.

Das Eigenheim ist keine Altersvorsorge, sondern purer Luxus

Vermutlich wird der Mann mit monatlichen Sparraten von 200 bis 300 Euro beginnen und die Sache in zehn Jahren, wenn der Wunsch nach einem Eigenheim besteht, in die Tilgung einer Hypothek umdrehen. Gegen diesen "Umweg" ist nichts einzuwenden, solange das Ziel nicht aus den Augen verloren wird. Das Eigenheim ist, selbst wenn die Schulden zügig getilgt werden, keine Altersvorsorge, wie Banken und Bausparkassen behaupten, sondern purer Luxus. Wer vom "mietfreien" Wohnen im Alter träumt, sollte sich bei Gelegenheit einmal bei Senioren erkundigen, wie teuer Eigenheime sind, wie hoch die Ausgaben für den Betrieb und die Pflege der Villa sind. Da wird schnell offenbar, daß monatliche Aufwendungen von 1.000 bis 2.000 Euro keine Seltenheit sind.

Angesichts dieser Zahlen wird die monatliche Wunschrente von 5.000 Euro wie Schnee in der Sonne schmelzen, so daß die 540.000 Euro im vorliegenden Fall mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr knapp bemessen sind. Ganz fatal wird die Sache vor dem Hintergrund, daß der Aufbau des freien Vermögens - falls überhaupt - frühestens in 20 Jahren in die Gänge kommen wird. Dadurch wird die Anlagedauer auf 17 Jahre verkürzt, so daß die Sparraten in die Höhe schnellen werden. Bei 3 Prozent werden dann 2.035 Euro fällig sein, bei 5 Prozent werden es 1.696 Euro sein.

Die großen Zahlen veranlassen viele Anleger zu heimlichen Korrekturen. Hier wird das Leben verkürzt, da werden die Ansprüche gesenkt, dort keimt die Hoffnung auf höhere Zinsen. Die einzelnen "Strategien" mögen im Einzelfall ans Ziel führen, doch in den meisten Fällen werden nur drei Dinge helfen: Denken, Arbeiten und Sparen. Für die private Altersvorsorge junger Leute heißt das im Klartext: Absicherung gegen Invalidität, Sparen fürs Eigenheim, Tilgung der Schulden, Schutz der Familie im Todesfall sowie Aufbau der Altersvorsorge mit Hilfe von Anleihen und Aktien. Vor diesem Hintergrund wird die Altersvorsorge zu einem Problem in normaler Größe. Wichtig ist nur die Bereitschaft, den Stier bei den Hörnern zu packen und mit den ersten Maßnahmen zu beginnen. Sonst bleibt es bei den guten Vorsätzen, die in den nächsten Tagen, zwischen Weihnachten und Neujahr, wieder besonders ins Kraut schießen.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen

Quelle: F.A.Z., 23.12.2006, Nr. 299 / Seite 25
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
10.02.2012
Tops & Flops Fonds Kurs Prozent

ESPA STOCK BIOTEC (T)

151,91 € +32,99 %

DWS Biotech Typ O

67,68 € +30,84 %

BNP PARIBAS L1 Equity World Biotechnology C

536,58 € +30,02 %

SEB Concept Biotechnology B

39,02 € +27,08 %

Julius Baer Biotech Fund (USD) B

129,08 $ +26,50 %

Earth Exploration Fund UI (EUR R)

48,99 € −34,97 %

Dexia Equities L Sustainable Green Planet N

36,03 € −35,24 %

Edmond de Rothschild China A

200,32 € −35,65 %

KEPLER Öko Energien (T)

47,67 € −36,16 %

LUXEMBOURG SELECTION FUND - Asian Solar & Wind Fund A1

53,60 € −50,62 %
10.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.692,96 −1,41%
 OK
10.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.692,96 −1,41%
FAZ-INDEX 1.495,13 −1,32%
TecDAX 769,89 −0,43%
MDAX 10.249,10 −1,04%
SDAX 4.985,13 −0,71%
REX 421,06 −0,02%
Eurostoxx 50 2.480,76 −1,65%
F.A.Z. EURO INDEX 80,01 −1,60%
Dow Jones 12.801,20 −0,69%
Nasdaq 100 2.547,32 −0,65%
S&P500 1.342,64 −0,69%
Nikkei225 8.947,17 −0,61%
EUR/USD 1,3195 −0,67%
Rohöl Brent Crude 117,61 $ −0,91%
Gold 1.711,50 $ −2,09%
Bund Future 138,62 € +1,01%