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Wichtiger Aktienindex : Der Commerzbank droht der Rauswurf aus dem Dax

Dunkle Wolken über der Zentrale in Frankfurt: Die Commerzbank könnte bald aus dem Dax fliegen. Bild: dpa

Gehört Deutschlands zweitgrößte private Bank bald nicht mehr dem bekanntesten Börsenbarometer an? Gut möglich. Das Unternehmen, das an ihre Stelle rücken könnte, zeigt den Umbruch in der Finanzbranche.

          Die neueste Rangliste der Deutschen Börse für ihre Auswahlindizes hält für die Commerzbank eine unangenehme Überraschung bereit: Stand jetzt würde sie ich nicht mehr für den Dax qualifizieren. Erstmals in der 30 Jahre währenden Historie des Index wäre das Gründungsmitglied Commerzbank nicht mehr dabei. Noch ist der Konjunktiv nötig, denn entscheidend ist die Rangliste, die am 5. September erscheint. Zwei Monate hat die Commerzbank also noch, um ihre Position zu verbessern.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Glaubt man den Aktienanalysten, hat dies keine große Aussicht auf Erfolg. Denn um das Ansehen der Commerzbank-Aktie ist es weiterhin nicht gut bestellt. Um ein Drittel ist der Kurs seit Jahresanfang abgerutscht auf nur noch gut 8 Euro. Und selbst auf dem Niveau rät nicht einmal ein Drittel der Analysten zum Kauf der Aktie. Ein Kursanstieg ist aber nötig, um die Position als Dax-Schlusslicht zu verlassen. Rund 7 Prozent liegt die Commerzbank im Börsenwert der frei handelbaren Aktien derzeit hinter Beiersdorf, dem zweitschwächsten Dax-Titel. Rund 20 Prozent beträgt schon der Rückstand zu RWE, Lufthansa, Merck, Thyssen-Krupp und Heidelberg Cement. Wichtig ist dabei zu wissen, dass es nicht ausreicht, Ende August einen Kurssprung hinzulegen, um sich zu retten. Die Börse legt ihrer Rangliste den Durchschnittskurs von 20 Handelstagen zugrunde.

          In die missliche Lage ist die Commerzbank auch nur geraten, weil sich mit Wirecard ein Unternehmen dem Dax derart stark aufdrängt. „Die Fast-Entry-Regel wurde geschaffen für Unternehmen, die sich schon soweit nach vorne gearbeitet haben, dass man ihnen die Tür zum Dax nicht mehr verschlossen lassen kann“, sagt Uwe Streich, Indexfachmann der Landesbank Baden-Württemberg. Aber genau das hat Wirecard getan: sich dem Dax geradezu aufgedrängt. Der Kursanstieg der vergangenen Jahre ist phänomenal, auch wenn die Aktie zuletzt ein wenig schwächelte. Bis auf Rang 24 ist Wirecard in der Börsen-Tabelle geklettert, nur noch einen Platz hinter der Deutschen Bank und eben weit vor der Commerzbank auf Rang 34.

          Wirecard hat im Börsenwert Dax-Reife

          Der Vergleich mit den Banken bietet sich an und ist für diese so schmerzhaft, weil es sich bei Wirecard um einen Branchenkollegen handelt. Ein Unternehmen aus Aschheim bei München, mit kaum mehr als 4000 Mitarbeitern und nur einem Bruchteil des Umsatzes. Aber anders als die beiden großen deutschen Privatbanken wächst Wirecard seit Jahren schnell und profitabel. Es ist ein Dienstleister für Zahlungsabwicklungen mit einem starken Standbein in Asien und renommierten Partnern wie Alipay und Wechat. Wirecard hat geschafft, was die deutschen Banken vermissen lassen: Ihr Geschäftsmodell überzeugend in eine digitale Bezahlwelt zu überführen und sich vom Vertrieb teurer Finanzprodukte in teuren Filialen ebenso unabhängig zu machen wie von den Launen des Investmentbankings.

          Betrachtet man wieder die Prognose der Analysten, dann sehen sie Wirecard noch längst nicht am Ende seiner Entwicklung. Zwei Drittel raten weiter zum Kauf der Aktie. Ende vergangener Woche tauchte jedoch erstmals seit langem eine Verkaufsempfehlung auf: Independent Research mahnt zur Vorsicht. Es ist jedoch nur eine Stimme von 30.

          Dass Wirecard im Börsenwert Dax-Reife hat, ist in interessierten Kreisen längst bekannt. Das Überraschende an der neuen Börsen-Rangliste ist aber das zweite Kriterium, dass die Deutsche Börse zur Bedingung für eine Dax-Mitgliedschaft macht: den Handelsumsatz in den Aktien. Hier liegt der Fokus auch dank vieler großer börsengehandelter Indexfonds (ETF) sehr stark auf den Dax-Titeln und nur selten gelingt es einem Außenseiter, in dieser Rangliste in die Phalanx der 30 Dax-Titel vorzustoßen. Wirecard hat es nun aber geschafft und ist hier bis auf Rang 25 geklettert – und das als aktueller Tec-Dax-Wert. Der Vorsprung hier ist knapp. 4 Prozent beträgt er auf Platz 26, wo sich Heidelberg Cement befindet. Das ist relevant, weil die Fast-Entry-Regel der Börse mindestens Platz 25 in beiden Kriterien verlangt, um dann das kleinste etabliertes Dax-Unternehmen zu verdrängen. Einfacher wird der Aufstieg in den Dax nur, wenn ein aktuelles Dax-Unternehmen auf Plätze schlechter als 35 zurückfällt. Das ist derzeit aber nicht in Sicht.

          Ausscheiden aus dem Dax wäre für Commerzbank ein herber Schlag

          Doch der knappe Vorsprung für Wirecard im Handelsumsatz könnte halten. Relevant ist hier der Handelsumsatz eines ganzen Jahres. Aus der aktuellen Statistik fallen noch die Monate Juli und August 2017 raus. „Hier kam Heidelberg Cement auf 2,2 Milliarden Euro Umsatz, Wirecard aber nur auf 1,2 Milliarden Euro, verliert also deutlich weniger“, sagt Streich. „Um vor Heidelberg Cement zu bleiben, reicht Wirecard damit sogar selbst ein um 1,5 Milliarden Euro kleinerer Umsatz in den Monaten Juli und August 2018.“

          Für die Commerzbank wäre ein Ausscheiden aus dem Dax ein herber Schlag, gehört das Institut doch seit Jahrzehnten zu den deutschen Großbanken. In der Finanzkrise verleibte sich die Commerzbank sogar die Dresdner Bank ein, die lange Zeit deutlich größer war. In der enttäuschenden Aktienkursentwicklung der Bank seit Jahresbeginn drückt sich keine Sorge der Börse um eine bevorstehende Krise der Bank aus. Vielmehr zeigt der Kursverfall, dass die Börse der Bank keine durchgreifende Verbesserung ihrer Ertragslage zutraut.

          Die Bank gilt unter Führung Martin Zielkes als gut geführt, die auf eine rasche Digitalisierung der Geschäftsbereiche Privat- und Firmenkunden zielende Strategie als sachgerecht. Ihre praktische Umsetzung kommt ordentlich voran. Aber es ist nicht zu sehen, wie die Bank mit ihren heutigen Ressourcen deutlich mehr verdienen will. Der Abschluss für 2017 ist symptomatisch gewesen: Mit einem Betriebsergebnis von 1,3 Milliarden Euro und einem Gewinn vor Steuern von 495 Millionen Euro erzielte die Bank in einem schwierigen Umfeld ein respektables Ergebnis, das aber nur wenig Phantasie für kräftige Steigerungen lässt.

          Nicht nur in der Commerzbank sieht es so aus. Daher nehmen in Europa die Spekulationen über Zusammenschlüsse großer Banken auch über Ländergrenzen zu. Im Umfeld Frankfurter Banktürme ist immer vernehmlicher die Idee eines Zusammenschlusses der Commerzbank mit der Deutschen Bank zu hören – sobald Christian Sewing das Investmentbanking der Deutschen Bank beschnitten und das Institut auf sein Kerngeschäft ausgerichtet hat. Die Deutsche Bank, die Commerzbank und die Postbank kämen zusammen im Geschäft mit Privat- und Firmenkunden auf einen annehmbaren Marktanteil, ist zu hören. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sei kein besseres Modell für die Beteiligten ersichtlich. Und eine solche Bank hätte sicherlich noch Format für den Dax und den Euro Stoxx 50, aus dem neben Eon die Deutsche Bank zu rutschen droht.

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