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Finanzmarktbericht Marktteilnehmer erleichtert über sinkenden Ölpreis

29.08.2004 ·  Die Europäische Zentralbank dürfte ihre Inflationsprognose anpassen. Die Weltwirtschaft hat insgesamt gelassen auf die schwache Konjunkturphase reagiert. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

Von Bettina Schulz, London
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Zum ersten Mal wird die Europäische Zentralbank (EZB) nun auch im September ihre Konjunktur- und Inflationsprognose veröffentlichen - und zwar im Anschluß an die Ratssitzung am kommenden Donnerstag.

Bisher wurden nur die Prognosen im Dezember und im Juni bekanntgegeben. Nach der zweimonatigen Sommerpause sieht die Welt für die EZB jedoch anders aus als davor. Vor dem Hintergrund des massiv gestiegenen Ölpreises wird mit Spannung die Einschätzung der EZB erwartet: Wie stark wird der Ölpreis die Inflationsgefahr schüren und das Wirtschaftswachstum schwächen?

Börsen reagieren erleichtert

Dabei scheint das Schlimmste überstanden zu sein. Die politische Entspannung und die wieder anziehende Ölproduktion im Irak sowie moderatere Zahlen über die amerikanischen Ölvorräte nahmen den Märkten vergangene Woche die Angst. Der Futures-Ölpreis der Sorte West Texas Intermediate (WTI) stagnierte am Freitag bei 43,18 Dollar je Barrel (159 Liter). Damit ist der Ölpreis innerhalb einer Woche massiv um 13 Prozent gesunken.

Die Börsen reagierten trotz der urlaubsbedingt schwachen Umsätze erleichtert, zumal amerikanische Zahlen über die Wirtschaftsentwicklung im zweiten Quartal (plus 2,8 Prozent) und europäische Wirtschaftsdaten wie der deutsche Ifo-Index etwas besser ausfielen als erwartet. Der Dax legte in der vergangenen Woche um 3,7 Prozent zu, der britische FTSE-100-Index stieg um 2,8 Prozent, und auch der Dow-Jones-Aktienindex lag mit allen anderen wichtigen amerikanischen Indizes im Plus. Er ging mit einem Zuwachs von 0,8 Prozent aus der Woche. Der Dollar setzte seine Aufwärtsbewegung aus der Vorwoche gegenüber dem Euro fort.

Erwartungshaltung muß sich ändern

Doch auch wenn der Ölpreis in den vergangenen Tagen deutlich zurückfiel, wird sich die Welt mit den sinkenden Überkapazitäten in der Ölproduktion und der stetig steigenden globalen Nachfrage auseinandersetzen müssen. "Es soll bloß niemand glauben, ein hoher Ölpreis gehöre der Vergangenheit an", warnt die Deutsche Bank. Thomas Mayer, Chefvolkswirt bei der Deutschen Bank in London, betont, daß es nicht so sehr darauf ankomme, daß der Ölpreis wieder falle, sondern ob die Produzenten und Verbraucher ihre Erwartungshaltung aufgrund des hohen Ölpreises geändert hätten.

Schließlich sei 2004 das dritte Jahr, in dem der Ölpreis die Erwartungen weit überschritten habe, und darauf würden die Produzenten und Verbraucher im Zweifel mit einer Anpassung ihrer Investitionspläne reagieren. Dies werde dann Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben.

Moderate Reaktionen bei Notenbanken und Arbeitnehmern

Die Weltwirtschaft reagiert heute allerdings moderater auf den Ölpreis, als dies in den früheren Ölkrisen der Fall war, betont John Llewellyn von Lehman Brothers. Die Notenbanken haben durch ihre erfolgreiche Inflationsbekämpfung an Glaubwürdigkeit gewonnen. Damit sinkt die Inflationsangst der Marktteilnehmer. Überreaktionen im Verhalten bleiben aus. Die Notenbanken können zudem entspannter reagieren, weil sie derzeit keinen verzweifelten Kampf gegen ausufernde Inflationsgefahren führen müssen - auch wenn sie eine restriktive Politik fahren, wie die Zinserhöhungen in der vergangenen Woche in Polen, Tschechien, Thailand und Mexiko zeigten. Kanada ist voraussichtlich am 8. September der nächste Kandidat.

Die Arbeitnehmer reagieren ebenfalls gelassener auf den Ölpreisanstieg und den realen Einkommensverlust. Es wird nicht wie früher eine eskalierende Preis-Lohn-Spirale in Gang gesetzt. Wichtig sei nur, daß es ausreichend Beschäftigung gebe, die Einkommen generiere, meint Credit Suisse First Boston. Daher werden die Märkte sehr auf die Veröffentlichung des amerikanischen Arbeitsmarktberichts am Freitag achten.

Ölpreisanstieg auch durch höhere globale Nachfrage

Der Ölpreisanstieg läßt sich nicht nur durch einen Engpaß im Angebot - also einen exogenen Schock - erklären, auch wenn Sorgen um Lieferungen aus dem Irak, Saudi-Arabien, Venezuela, Rußland und Nigeria zum jüngsten Preisschub beitrugen. Es war auch die steigende globale Nachfrage, vor allem aus China, die für den Preisanstieg sorgte.

Dies kann leichter verkraftet werden als ein rein exogener Schock, bekannt aus früheren Ölkrisen. Ein Teil der "Windfall profits" der ölproduzierenden Länder fließt dem Westen mittlerweile durch eine höhere Warenausfuhr in diese Regionen wieder zu. Auch dies war in früheren Ölkrisen anders, dämpft aber heute die wirtschaftlichen Auswirkungen.

Wachstum im Euroraum stabil

All dies erklärt die Reaktionen von Notenbankern in der vergangenen Woche. Es kamen mehrere Äußerungen aus dem FOMC-Kreis der Federal Reserve, die alle andeuteten, daß das schwächere globale Wirtschaftswachstum vorübergehend sei. In Europa betonte der Präsident der EZB, Jean-Claude Trichet: "Wenn man all dies berücksichtigt, also auch den Ölpreis, dann glaube ich nicht, daß es notwendig ist, die Prognose für das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone nach unten zu korrigieren."

Im Juni hatte die EZB ein Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent für dieses Jahr und 2,2 Prozent für 2005 vorhergesagt. Vielleicht werde am Donnerstag die Inflationsprognose für 2004 von 2,1 auf 2,2 Prozent und die für 2005 von 1,7 auf 1,8 Prozent heraufgesetzt, heißt es am Markt. Mit einem Zinsschritt sei nicht zu rechnen. Es mag auch sein, daß die Wachstumsprognose der EZB für den Euroraum für dieses Jahr angehoben wird.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2004, Nr. 201 / Seite 28
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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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