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Finanzmarktbericht : EZB muss auf niedrige Inflation antworten

Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Wende hin zu höheren Zinsen rückt in weite Ferne. Die Anleger erwarten stattdessen im Euroraum eine Lockerung der Geldpolitik.

          Rekordstände des Dax haben die zurückliegende Börsenwoche geprägt. Auch wenn die Zweifel an der Aktienhausse zunehmen, die Anleger haben wenig Alternativen. Denn die Zinsen bleiben niedrig. Hatten bis Mitte September noch Sorgen um eine Reduktion der geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen das Geschehen an den Märkten bestimmt und die Marktzinsen steigen lassen, drehen sich nun die Erwartungen um. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve schreckt weiterhin davor zurück, ihre monatlichen Anleihekäufe von 85 Milliarden Dollar zu reduzieren. In Europa weckt die sehr niedrige Inflation Zweifel an der konjunkturellen Erholung, insbesondere in den südeuropäischen Krisenländern.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am kommenden Donnerstag trifft sich der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB). An den Märkten sind die Erwartungen gestiegen, dass die Notenbank den Leitzins, der sich schon auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent befindet, noch einmal senken wird. Anlass dazu geben die Oktoberzahlen zur Teuerung im Euroraum. Mit 0,7 Prozent wurde die niedrigste Inflation seit vier Jahren gemessen. Der belgische Notenbankchef Luc Coene, der auch dem EZB-Rat angehört, hatte vor knapp zwei Wochen neue geldpolitische Maßnahmen gefordert, sollte die Inflation in der Währungsunion weiter fallen. Das ist nun eingetreten. UBS-Analyst Reinhard Cluse erwartet eine Leitzinssenkung auf 0,25 Prozent. Sollte die EZB noch am Donnerstag zögern, dann wird der Schritt seiner Ansicht nach im Dezember wahrscheinlich.

          Mindestreservesatz abschaffen und auf Tender verzichten

          Doch EZB-Präsident Mario Draghi wird sich fragen, ob eine Zinssenkung nahe der Nulllinie noch eine belebende Wirkung entfalten kann. Denkbar sind auch andere Maßnahmen, um einer deflationären Entwicklung und damit der Gefahr eines japanischen Stillstands zu entgegnen. Die Teuerung ließe sich auch anfeuern, indem den Banken abermals eine Liquiditätsspritze verabreicht wird. Das muss nicht über ein langfristiges Refinanzierungsgeschäft („dicke Bertha“) erfolgen. So warnt Bundesbankpräsident Jens Weidmann davor, dass die EZB-Liquidität von den Banken zur Bekämpfung ihrer Kapitalengpässe missbraucht werden kann. Das wäre ein schlechtes Signal vor den Bilanzprüfungen von 128 europäischen Banken, mit denen die EZB demnächst beginnen wird.

          Bild: F.A.Z.

          Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält zwei Alternativen für geeigneter, die das EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen ins Spiel gebracht hat. Zum einen könnte die EZB den Mindestreservesatz abschaffen. Dadurch schüfe sie Liquidität von 100 Milliarden Euro. Zum anderen könnte die Notenbank auf ihre Tender verzichten, mit denen sie den Banken die Liquidität entzieht, die sie ihnen zuvor durch die Käufe von Staatsanleihen zugeführt hat. Laut Krämer fällt der Liquiditätseffekt mit 188 Milliarden Euro sogar höher aus als durch die Abschaffung des Mindestreservesatzes.

          Die Diskussionen zeigen, dass die Märkte gegenwärtig weiterhin mit einer sehr expansiven Geldpolitik der Notenbanken rechnen. Das schlägt sich auch auf den Euro nieder, der zum Schluss der zurückliegenden Handelswoche unter Druck geraten ist. Lag er noch zu Wochenanfang über 1,38 Dollar, sank er am Freitag unter 1,35 Dollar. Als wesentlichen Grund dafür nennen die Volkswirte der Nord LB die Debatte um weitere Lockerungsmaßnahmen der EZB.

          Aktien halten vermutlich weiter ihr hohes Kursniveau

          Damit hat Draghi aber schon einen wichtigen Effekt erreicht. Denn ein Euro-Kurs nahe der Marke von 1,40 Dollar schwächt die Wettbewerbsfähigkeit von Euroländern wie Frankreich, Spanien oder Italien zusätzlich. Selbst die deutsche Exportwirtschaft dürfte damit Probleme bekommen. Ein weiterer Effekt, den Draghi begrüßen dürfte, sind die Kursgewinne von Staatsanleihen aus den Krisenländern, die ebenfalls eine Folge der Debatte über weitere Lockerungen sind. Damit verbunden sanken die Renditen Italiens, Spaniens, Portugals und Griechenlands. Die zehnjährige Rendite der griechischen Staatsanleihe unterschritt am Freitag erstmals seit Juni 2010 die Marke von 8 Prozent.

          Die Zinswende ist erstmal aufgeschoben. Damit stehen die Chancen gut, dass Aktien weiterhin ihr hohes Kursniveau halten. „Warum es in den kommenden Wochen zu Enttäuschungen am Aktienmarkt kommen soll, ist momentan schwer auszumalen“, schreiben die Analysten der DZ Bank. In den kommenden Tagen veröffentlichen viele deutsche Unternehmen ihre Berichte zum dritten Quartal. Am Dienstag legt BMW Zahlen vor. Am Donnerstag stehen die Berichte der Deutschen Telekom, der Commerzbank, der Münchener Rück und des Reifenherstellers Continental an. Bislang sind nach Ansicht der DZ-Bank-Analysten die Gewinne der Unternehmen wenig überraschend, aber auch nicht enttäuschend ausgefallen. Das spreche nicht für eine nahende Korrektur. Weil die Zinsen vorerst niedrig bleiben, steht einer Jahresendrally bislang nichts im Weg.

          Quelle: F.A.Z.

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