28.03.2004 · Die niedrigen Inflationsraten eröffnen Spielräume für die EZB. Besonderes Augenmerk gilt dem Ölpreis. Vor dem Opec-Treffen am Mittwoch geriet er unter Druck. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.
Von Benedikt FehrNach dem unerwartet kräftigen Rückgang des Ifo-Konjunkturbarometers stellen sich die europäischen Zinsmärkte auf eine Senkung des Euro-Leitzinses im zweiten Quartal ein. Die Mehrheit sowohl der Bankenvolkswirte als auch der Zinsspekulanten rechnet mit einem solchen Schritt allerdings erst im Mai oder Juni. Doch hat Gertrude Tumpel-Gugerell vom Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) am Freitag mit skeptischen Äußerungen zur Konjunktur aufhorchen lassen.
Eine Überraschung bei der nächsten Sitzung des EZB-Rats scheint möglich. Würde die EZB schon am kommenden Donnerstag eine beherzte Senkung des Leitzinses um 0,50 Basispunkte auf dann 1,5 Prozent beschließen, würde dies an den Finanzmärkten sicherlich auch weiter gehend interpretiert: nämlich als Signal, daß die EZB unter ihrem neuen Präsidenten Jean-Claude Trichet gewillt ist, sich öffnende Spielräume zur Stimulierung der Konjunktur "proaktiv" - also nicht reagierend, sondern agierend - zu nutzen.
„Einschätzung dementsprechend ausarbeiten"
Schon vor einigen Tagen hatte Trichet erkennen lassen, daß die EZB derzeit ihr Szenario eines fortgesetzten moderaten Aufschwungs in der Euro-Zone überprüft. "Sollten sich unsere Erwartungen eines stärkeren Konsums der privaten Haushalte und der gesamten Inlandsnachfrage nicht erfüllen, würden wir unsere Einschätzung dementsprechend ausarbeiten", sagte er dem "Handelsblatt".
Am Freitag hat nun das Ifo-Institut berichtet, daß sich das Konjunkturklima in Europas größter Volkswirtschaft deutlich eingetrübt hat, dabei insbesondere die Indikatoren für den konsumnahen Einzelhandel, in dem sich sowohl die Einschätzung der aktuellen Lage als auch die Erwartungen für das Geschäft in den kommenden Monaten verschlechterten. Das könnte für Trichet den Ausschlag geben, nicht länger zuzuwarten.
Ölpreise bergen Inflationsrisiken
Was die Inflationsgefahr anbelangt, hat die EZB ohnehin Spielraum für eine Zinssenkung. Mittelfristig erwarten die Währungshüter für den Euro-Raum eine Teuerungsrate von 1,5 Prozent; das ist weniger als die angestrebte Rate von 1,7 bis 1,9 Prozent. In Deutschland liegt die gemessene Inflationsrate sogar nur bei etwa 1 Prozent jährlich. Der Realzins liegt deshalb in Deutschland über dem Durchschnitt im Euro-Raum; das dürfte dazu beitragen, daß die Unternehmen hierzulande vergleichsweise wenig neue Kredite aufnehmen, um im Inland zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen.
Das größte Risiko für die Preisstabilität geht derzeit vom kräftigen Anstieg der Rohstoffpreise aus, dabei vor allem auch der Ölpreise. Vor einigen Tagen ist der nächstfällige Terminkontrakt auf Rohöl in New York auf 38,18 Dollar je Faß gesprungen; so teuer war Öl seit dem ersten Golfkrieg 1990/91 nicht mehr. Doch hat sich die Lage seither etwas entspannt. Wohl nicht zuletzt auf Druck der amerikanischen Regierung hin haben einige Opec-Länder ihre Bereitschaft erklärt, die für April angekündigten Produktionskürzungen bis Juni zu verschieben. Zum Wochenschluß kostete das Faß Öl daraufhin nur noch 35,73 Dollar.
Amerikanische Teuerung beschleunigt sich
Die Mitglieder des Opec-Kartells tagen am kommenden Mittwoch. Vor allem der größte Ölproduzent Saudi-Arabien wird dabei im Auge haben, daß die Benzinpreise in Amerika unlängst auf Rekordniveau gestiegen sind. Das ist in Amerika ausgesprochen unpopulär - und mindert die Wiederwahlchancen von Präsident George W. Bush, dem wichtigsten Verbündeten der saudischen Führung.
Abgesehen davon mehren sich die Anzeichen, daß Dollar-Schwäche, steigende Rohstoffpreise und kräftiges Wirtschaftswachstum beginnen, die Preise in Amerika nach oben zu drücken. So hat das Wirtschaftsministerium den Deflator für das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal von 1,2 auf 1,5 Prozent nach oben revidiert. Am Freitag signalisierte auch der Preisindex für die privaten Konsumausgaben (ohne Nahrungsmittel und Energie), daß sich die Teuerung, freilich von sehr niedrigem Niveau aus, wieder etwas beschleunigt.
Rauheres Umfeld an den Aktienmärkten
Steigende Preise könnten die Strategie der amerikanischen Notenbank durcheinanderbringen. Bisher hatte sie geplant, mit Leitzinserhöhungen geduldig zu warten, bis die Unternehmen beginnen, in großem Stil neue Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Verfestigung des Preisauftriebs könnte sie in Zugzwang bringen, die geldpolitischen Zügel schon vorher anzuziehen. Auf diese Aussicht hin sind die Renditen amerikanischer Staatsanleihen zum Wochenschluß kräftig nach oben gegangen. Zehnjährige Papiere rentierten wieder mit 3,83 Prozent, 9 Basispunkte mehr als am Tag zuvor.
Für die Aktienmärkte wird damit das Umfeld rauher: Im Euro-Raum nehmen die Konjunktursorgen zu, in Amerika - wenn auch nur verhalten - die Inflationssorgen, über allem lastet die Sorge vor weiteren Terroranschlägen.
Im Vordergrund werden in den nächsten Tagen die Berichte über die Gewinnentwicklung im ersten Quartal stehen. Das starke Ergebnis, das die Investmentbank Goldman Sachs vorgelegt hat, hat die Optimisten in ihrer Zuversicht bestärkt, daß das kräftige Wirtschaftswachstum auf die Ertragslage positiv durchgeschlagen hat. Der Gesamtmarkt ließ sich davon freilich nicht aus der Reserve locken. Im Wochenvergleich traten die großen Indizes in Wall Street auf der Stelle. Der Risikoappetit, so scheint es, ist vorerst begrenzt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.738,47 | +0,68% |
| FAZ-INDEX | 1.504,02 | +0,59% |
| TecDAX | 775,33 | +0,71% |
| MDAX | 10.290,00 | +0,40% |
| SDAX | 5.011,74 | +0,53% |
| REX | 421,76 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.491,54 | +0,43% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,48 | +0,59% |
| Dow Jones | 12.874,00 | +0,57% |
| Nasdaq 100 | 2.569,49 | +0,87% |
| S&P500 | 1.351,77 | +0,68% |
| Nikkei225 | 9.044,50 | +0,50% |
| EUR/USD | 1,3153 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 117,20 $ | −0,50% |
| Gold | 1.727,00 $ | +0,91% |
| Bund Future | 138,32 € | −0,22% |