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Zertifikate-Branche : Anleger nehmen das Risiko heute anders wahr

  • -Aktualisiert am

Mitte September 2018: Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers packt seine Sachen nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank. Bild: AFP

50.000 deutsche Anleger verloren in der Folge der Lehman-Pleite viel Geld - weil sie in Produkten der Zertifikate-Branche investiert waren. Wie sieht es zehn Jahre nach diesem Finanzschock aus?

          Zehn Jahre nach dem Imageschaden durch die Lehman-Pleite hat sich die deutsche Zertifikate-Branche in der Nische eingerichtet. Informierte Anleger können bei mehr als einem Dutzend Anbieter Produkte finden, die sich in Zeiten niedriger Zinsen noch einigermaßen rentieren. Viele Anleger haben aus der Lehman-Insolvenz gelernt und auch die Branche selbst.

          „Der Markt für strukturierte Wertpapiere hat sich heute auf einem niedrigeren Niveau als vor der Finanzkrise etabliert. Mit gegenwärtig rund 70 Milliarden Euro Volumen zählen Zertifikate und Hebelprodukte sowohl im Anlagebereich für Beratungskunden als auch im Handel für gut informierte Selbstentscheider zu vollkommen normalen Kapitalmarktprodukten. Sie dienen der sinnvollen Allokation individueller Depots, in dem sie das Portfolio absichern können und/oder die Chance auf einträgliche Rendite beinhalten“, so Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivate-Verbands (DDV).

          50.000 Anleger in Deutschland betroffen

          Das Thema Risiko wird heute seitens der Anleger anders wahr genommen als noch vor zehn Jahren. Das Risiko, dass Zertifikateanbieter in die Zahlungsunfähigkeit rutschen, wurde lange als rein theoretisch wahrgenommen - bis es dann m 15. September 2008 mit der Insolvenz von Lehman Brothers eintrat. Es war ein Schock über die Finanzwelt hinaus. „Too big to fail“ wurde Vergangenheit. Mit der Lehman-Pleite zeigte sich, dass eine Insolvenz systemrelevanter Unternehmen, die augenscheinlich eine so große wirtschaftliche Rolle spielen, dass ihre vom Staat nicht hingenommen werden kann, geben kann.

          In Folge der Pleite verloren allein deutsche Investoren schätzungsweise bis zu einer Milliarde Euro, weil eine niederländische Tochtergesellschaft der amerikanischen Investmentbank ihre Zertifikate-Anleger plötzlich nicht mehr auszahlen konnte. Finanzinstitute in Deutschland hatten schätzungsweise knapp 50.000 Anlegern Lehman-Zertifikate verkauft.

          Deren Geld war erst einmal weg, weil das Finanzprodukt Zertifikat nicht wie ein Investmentfonds ein geschütztes Sondervermögen ist, sondern eine Inhaberschuldverschreibung. Und wie Anleihen können Zertifikate bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten komplett ausfallen. Die Lehman-Geschädigten mussten über Jahre den mühsamen Weg durch die Gerichtsinstanzen gehen und auf individuelle Teilentschädigungen hoffen.

          Nur noch der halbe Markt

          Die Causa Lehman traf die deutsche Zertifikate-Branche hart. Das Marktvolumen brach in Deutschland von 139 Milliarden Euro im September 2007 auf 78 Milliarden Euro im Februar 2009 ein. Heute liegt das Marktvolumen bei 70 Milliarden Euro und damit sogar noch tiefer als in den Monaten unmittelbar nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Zum Vergleich: In offenen Publikumsfonds stecken in Deutschland derzeit gut eine Billion Euro.

          Die Branche hat sich auf diese Situation eingestellt. Lehman sei im Tagesgeschäft kein Thema mehr, so Brandau. „Die Zertifikate-Produzenten waren immer serviceorientiert und haben Produkte auf den Markt gebracht, die von Kunden nachgefragt wurden. Unstrittig ist jedoch, dass die Anleger heute deutlich genauer hinschauen. Wer ein Produkt nicht versteht, der kauft es im Zweifel eben auch nicht. Beratungsaffine Kunden erwerben überwiegend einfache Kapitalschutz- oder Teilschutzprodukte als Zinsersatz.“ Auf der anderen Seite seien Selbstentscheider nach wie vor bereit, für eine höhere Rendite auch höhere Risiken in Kauf zu nehmen. Sie beschäftigen sich allerdings auch deutlich intensiver mit dem aktuellen Marktgeschehen und den für sie passenden Produkten, so Brandau weiter.

          Niedrigzinsen machen Kapitalschutzprodukte unattraktiv

          Der jüngste Rückgang des Marktvolumens ist weniger Ausdruck der Sorge vor einer weiteren Bankenpleite, sondern eher eine Folge der Niedrigzinsen: Zertifikate bilden die Entwicklung einer Aktie oder eines Index' ab, indem sie Absicherungsinstrumente einsetzen. In der Vergangenheit ließen sich damit insbesondere risikoscheue Anleger zum Kauf sogenannter strukturierter Anleihen animieren. Diese schützen das Kapital, indem sie zumindest die Rückzahlung des eingezahlten Geldes zum Laufzeitende garantieren.

          Hinzu kommen Zinszahlungen in Abhängigkeit von der Entwicklung eines Basiswertes wie etwa des Aktienindex’ Dax. Angesichts der seit Jahren ultraniedrigen Zinsen stößt auch die höhere Finanzmathematik der Branche an ihre Grenzen. Bei Produkten mit Kapitalschutz bleibe derzeit wenig bis gar kein Spielraum, um eine Zusatzrendite zu erwirtschaften, sagte Analyst Harald Berlinicke von der Ratingagentur Scope. So geriet der einstige Verkaufsschlager der Branche immer mehr ins Hintertreffen.

          Über die Jahre hinweg gefragt blieben riskantere Anlageprodukte, wie etwa Discountzertifikate. Mit ihnen kann ein Basiswert zwar mit einem Abschlag (Discount) gekauft werden, allerdings sind die möglichen Kursgewinne begrenzt. Dafür bieten sich aber vor allem Discount-Zertifikate zur Portfoliobeimischung an, da der Anleger mit diesen Produkten auch bei seitwärts oder leicht fallenden Kursen an den Aktienmärkten eine Rendite erzielen kann.

          Eines hat sich in den vergangenen Jahren allerdings klar herausgestellt: Die Anleger wollen einfache und verständliche Anlageprodukte und der Kostenfaktor spielt eine wichtige Rolle. Letzteres ist „ein Aspekt, der mitunter für die Anlage in Zertifikate sprechen könnte“, so DDV-Geschäftsführer Lars Brandau. Seitens der Verbraucherzentralen wird das Thema Zertifikate zehn Jahre nach Lehman ebenfalls anders behandelt: Es wird nicht mehr grundsätzlich vor Zertifikaten gewarnt. Allerdings mahnen die Verbraucherschützer, möglichst keine exotischen Produkte zu kaufen. Ihr Fazit: „Je einfacher die Struktur, desto verständlicher ist ein Zertifikat - und desto fairer ist in der Regel auch der Preis.“

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