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Banken-Fusionen : Zu früh für eine europäische Bank

Wolfgang Fink über Fusion: „Der europäische Bankenmarkt braucht eine Konsolidierung – aber ich glaube, für eine wirklich europäische Bank ist es noch zu früh.“ Bild: Frank Röth

Der neue alleinige Deutschlandchef von Goldman Sachs plädiert für Bankenfusionen. Er ist aber der Meinung, eine Konsolidierung des europäischen Bankenmarktes müsse zunächst auf nationaler Ebene angegangen werden.

          Die Investmentbank Goldman Sachs hat wieder einen alleinigen Deutschlandchef – und der meldet sich jetzt mit klaren Vorstellungen für die Zukunft des deutschen Bankenmarktes zu Wort. Wolfgang Fink, Jahrgang 1966, leitet die deutsche Dependance der amerikanischen Investmentbank allein, seit Jörg Kukies, Jahrgang 1968, als Staatssekretär für Europapolitik und Bankenregulierung ins Finanzministerium von Olaf Scholz (SPD) gewechselt ist.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der gebürtige Wiener, dem man das Österreichische noch anhört, kommt aus dem Geschäft mit Übernahmen und Fusionen („M&A“). Er hatte in dieser Hinsicht bislang Kukies ergänzt, der gleichsam von der anderen Seite des Investmentbankings kam, vom Geschäft mit Aktien und Anleihen. Am Mittwoch erläuterte Fink anlässlich des „M&A“-Roundtables oben im 60. Stock des Frankfurter Messeturms nicht nur seine Sicht auf den M&A-Markt. Er äußerte sich auch zu der Frage, ob auch die Deutsche Bank irgendwann Gegenstand einer Übernahme oder Fusion werden könnte. „Der europäische Bankenmarkt braucht eine Konsolidierung – aber ich glaube, für eine wirklich europäische Bank ist es noch zu früh“, sagte Fink. Vor allem müsse die Politik dafür die regulatorischen Rahmenbedingungen schaffen: „Von daher sehe ich eher Konsolidierung auf nationaler Ebene – um dann mit starken nationalen Instituten in die europäische Konsolidierung gehen zu können.“

          In Deutschlands Bankgeschäft gibt es ein Kostenproblem

          Die Argumentation geht so: Eine europäische Konsolidierung des Bankenmarktes würde schon Sinn machen. Allerdings kann man Zweifel daran haben, ob die staatlichen Regulatoren schon so weit sind. Die Bankenunion in Europa ist zwar auf dem Weg, aber im Moment ist es noch zu früh für die Entstehung einer großen europäischen Bank. Deshalb hält Fink es für sinnvoll, dass als erster Schritt eine Konsolidierung der Banken auf nationaler Ebene stattfindet. Das Bankgeschäft in Deutschland sei in vielen Bereichen durchaus profitabel. „Aber es gibt ein Kostenproblem.“ Die hohe Dichte der Filialen mache das Bankgeschäft in Deutschland teurer als in Europa. Durch das  Drei-Säulen-System gebe es wenig Möglichkeiten zur Konsolidierung. „Die großen Privatbanken können nicht im Sparkassen und Genossenschaftssektor konsolidieren.“  

          Vor rund zwei Wochen hatte Goldman Sachs exakt zu diesem Thema Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) zu Gast. In der Vergangenheit hatten SPD-Politiker durchaus schon die Idee eines „nationalen Champions“ der Banken propagiert: Bundeskanzler Gerhard Schröder seinerzeit etwa, aber auch Peer Steinbrück verwendete als Finanzminister zumindest das Wort gern. Scholz äußerte sich vorsichtig – aber man konnte ihn durchaus auch in diese Richtung interpretieren: „Wir brauchen starke, global aktive deutsche Banken.“

          Gerade kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland, die international arbeiteten, benötigten Bankdienstleistungen, die so international seien wie sie selbst: „Sie brauchen Partner bei den Banken, die ihre Art, Geschäfte zu machen, verstehen und begleiten.“ Was die Bundesregierung über die Bankenkonsolidierung denkt, dürfte dabei alles andere als unwichtig sein; und zwar nicht nur, weil der Bund noch mit mehr als 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt ist. Auch über die Regulierung gibt es erheblichen Einfluss der Politik.

          Von London nach Frankfurt

          Goldman Sachs selbst sieht sich in Frankfurt sehr gut aufgestellt und will stark wachsen. Das M&A-Volumen in Deutschland sei seit Anfang des Jahres „um mehr als 200 Prozent gestiegen“, sagte Fink. Im sogenannten League Table, dem Ranking der Investmentbanken für das M&A-Geschäft in Deutschland und Österreich, liege die Bank auf dem ersten Platz – vor Morgan Stanley, JP Morgan, der Credit Suisse und der Deutschen Bank (siehe Grafik). Bei Aktiengeschäften liege sie auf dem zweiten Platz hinter JP Morgan und bei Anleihegeschäften immerhin auf dem dritten Platz hinter der Deutschen Bank und Unicredit.

          Zudem baut Goldman das Geschäft in Frankfurt erheblich aus. „Wir haben einen Teil der Finanzierungsgruppe aus London nach Frankfurt geholt und wollen auch mit dem Privatkundengeschäft ,Marcus’ nach Frankfurt kommen, auch wenn es hierfür noch keinen Zeitplan gibt“, sagte der Goldman-Deutschlandchef. „Wir haben für den Ausbau bereits Flächen im Hochhaus Marienturm angemietet.“ Derzeit beschäftige Goldman in Frankfurt etwa 200 Mitarbeiter, im Zuge des Brexit sollten rund 500 Kollegen auf den Kontinent ziehen. Für Frankfurt geht Fink aktuell von einer Verdopplung aus.

          Im neuen Frankfurter Marienturm wäre aber auch Platz für 800 bis 900 Mitarbeiter, das gebe der Bank auch auf lange Sicht genug Flexibilität: „Wie schnell wir mit Verlagerungen von Geschäften aus London reagieren, hängt von der Politik ab; wir bereiten uns darauf vor, unseren Kunden auch nach März 2019 den gewohnten Service zu bieten.“ Allerdings ist Fink der Meinung: „Eine Übergangsfrist bis Ende 2020 würde sicherlich zu besseren Ergebnissen für alle Beteiligten führen.“

          Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hatten wir berichtet, Fink plädiere für eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank. Das entspringt einem Missverständnis. Wir haben den Satz gestrichen.

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