http://www.faz.net/-gv6-93jq0

Union-Investment-Anlagechef : „Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen“

Jens Wilhelm sitzt im Vorstand der Fondsgesellschaft Union Investment. Bild: Frank Röth

Jens Wilhelm entscheidet darüber, wie viele Milliarden Euro an den Kapitalmärkten angelegt werden. Er erklärt, wieso er zuversichtlich ist für Europa und China, was in Deutschland fehlt - und wo gute Chancen auf Rendite liegen.

          Die Europäische Währungsunion befindet sich in einem „Mini-Boom“, Chinas Wirtschaft wächst weiter stabil und die Vereinigten Staaten haben Vollbeschäftigung erreicht. „Das ökonomische Umfeld ist robust und das wird auch im kommenden Jahr so sein“, sagte Jens Wilhelm, im Vorstand der Fondsgesellschaft Union Investment für die Kapitalanlage zuständig, während einer Investorenkonferenz in Mainz: „Der synchrone Aufschwung geht weiter auf der Welt.“

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In diesem Umfeld gehören aus seiner Sicht Aktien europäischer und mancher japanischer Unternehmen zu den vergleichsweise attraktiven Anlagen, außerdem Schwellenländeranleihen sowohl in lokaler Währung als auch in harter Währung (Dollar oder Euro), Hochzinsanleihen und Unternehmenskreditverbriefungen zumal in Europa.

          Risiko Steuerreform

          Unterstützend auswirken werde sich weiterhin die Geldpolitik diesseits wie jenseits des Atlantiks. Auch wenn die Führung der Europäische Zentralbank unlängst beschlossen hat, die monatlichen Anleihekäufe ab Januar zu verringern, werde die erste Zinsanhebung noch länger auf sich warten lassen – Wilhelm rechnet nicht vor dem Jahr 2019 damit. In den Vereinigten Staaten werden die Währungshüter seiner Ansicht nach weiter vorsichtig die Zinsen anheben, er selbst sagt wie die Anleger im Schnitt drei Leitzinserhöhungen im kommenden Jahr voraus. Der Wechsel an der Spitze der Notenbank von der derzeitigen Amtsinhaberin Janet Yellen auf den gerade von Donald Trump ausgewählten Zentralbankdirektor Jerome Powell spreche dafür. Wenngleich Powell nach einhelliger Auffassung eher dieselbe geldpolitische Linie wie Yellen verfolgen wird, machte Wilhelm eine Einschränkung: „Wir wissen bislang nicht, wie er mit neuen Nachrichtenlagen umgehen wird.“

          Für ihn liegt ein mögliches Risiko dabei in der von Donald Trump geplanten Steuersenkung. Angesichts des andauernden Wirtschaftsaufschwungs brauche es derzeit keine Impulse von dieser Seite, so Wilhelm, und ohnehin: „Steuerreformen im Aufschwung bringen historisch betrachtet nur geringe Impulse, und führen oft nur zu mehr Schulden.“ Je nach Umfang könne es aber sein, dass sich das angesichts der Vollbeschäftigung in Amerika möglicherweise stärker auf den Preisauftrieb auswirke.

          „Das hat Amazon noch nie geschafft“

          Für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt China ist Wilhelm, der für die Anlage hoher Milliardenbeträge zuständig ist, durchaus zuversichtlich. Die gestärkte Machtposition des Staatspräsidenten Xi Jinping durch den gerade zu Ende gegangenen Kongress der Kommunistischen Partei könne sich wirtschaftlich durchaus positiv auswirken. „China könnte nun Reformen einleiten, die das Land dringen benötigt.“ Hinweise, so Wilhelm, gebe es durch aktuelle Äußerungen etwa der chinesischen Bankenaufsicht, wonach die hohe Verschuldung gerade der chinesischen Unternehmen stärker adressiert werden soll. An den Kapitalmärkten könnten sich solche Reformen – durchaus üblich – kurzfristig negativ auswirken, langfristig seien die Vorteile aber unbestreitbar.

          Als ein Beispiel für die Stärke chinesischer Konzerne nannte er das Internetunternehme Alibaba und verwies auf den am 11. November anstehenden „Singles Day“ im Reich der Mitte: Im vergangenen Jahr wurden auf der Plattform an diesem Tag 18 Milliarden Dollar umgesetzt. „Amazon hat das noch nie geschafft, und ich wette, dass diese Marke dieses Jahr gerissen wird.“

          „Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen“

          Zu Europa äußerte er sich ebenfalls konstruktiv. Seine Schätzung für die Wachstumsrate der Wirtschaft der Währungsunion in diesem Jahr hat er auf 2,2 Prozent heraufgesetzt. Für die wirtschaftliche Stabilität ist aus seiner Sicht gleichwohl erforderlich, dass EU und Währungsunion die durch die jüngsten Wahlen entstandene Chance nutzen zu Reformen. „Den ESM zu einem Notfall-Schattenhaushalt zu machen, das wird nicht reichen, denke ich.“

          Entwarnung gab er indes im Hinblick auf die im kommenden Jahr anstehenden Wahlen in Italien und die Möglichkeit, dass eine den Euro ablehnende Partei vielleicht die meisten Stimmen bekommt. Eine Partei könne durch die Verfassung nicht genügend Macht haben, um so eine Entscheidung zu treffen. Auch wenn es dann vielleicht wieder einmal solche Diskussionen geben werde, wird „der Italexit nicht passieren, lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen“.

          Für Deutschland schließlich äußerte er sich auch zuversichtlich. Allerdings bemängelte er die schleppende Regierungsbildung in Berlin, was gerade angesichts der langfristigen Herausforderungen ärgerlich sei. Hier hat er vor allem die Technologie und Digitalisierung im Blick. „In Deutschland stagnieren die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemessen am Bruttoinlandsprodukt.“ Er wies beispielhaft darauf hin, dass weder in Deutschland nach in der Währungsunion ein „Wachstumsoligopol“ existiert und meint damit Technik-Unternehmen wie Microsoft, Google, Tencent oder Alibaba.

          Aber auch das werde das Kapitalmarkumfeld und die konstruktiven Bedingungen weder in diesem noch im kommenden Jahr beeinträchtigen, was ihn zumindest mit Blick auf die Geldanlage das Fazit ziehen ließ: „Das größte Risiko ist, dass es keinen Grund gibt, bärisch zu sein.“

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Das bringt der Freitag

          Der Tag : Das bringt der Freitag

          Die Weltklimakonferenz endet. Ein belgischer Richter hört den entmachteten Katalanen-Präsidenten an. Ein EU-Gipfel will die sozialen Rechte der Europäer stärken. Das „Jugendwort des Jahres“ wird bekanntgegeben.

          Auch Geld der Queen in Steueroase angelegt Video-Seite öffnen

          „Paradise Papers“ : Auch Geld der Queen in Steueroase angelegt

          Nach den „Panama Papers“ sind neue Datensätze zu Steuerenthüllungen veröffentlicht worden. In den knapp 13 Millionen Dokumenten werden auch das englische Königshaus, hochrangige Politiker und Banken genannt. Sie alle sollen Geld in Steueroasen angelegt haben.

          Best of Switzerland

          Geldanlage : Best of Switzerland

          Schweizer Aktien wie die von Nestlé oder Roche sind für viele Anleger ein fester Bestandteil des Depots. Der Aktienmarkt der Eidgenossenschaft hat aber viel mehr zu bieten, glaubt ein Vermögensverwalter.

          Topmeldungen

          Ernennung neuer Bundesrichter : Wie Trump Amerikas Justizsystem umbaut

          Von seinen Wahlversprechen hat Donald Trump noch nicht allzu viel erreicht. Aber seine Regierung verändert das Land schon tiefgreifend. Ein mächtiger Hebel ist besonders nachhaltig – und wird noch andere Präsidenten beschäftigen.

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.