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Jenseits von Gut und Böse : Liebt die Börse Autokraten?

Jair Bolsonaro nach seiner Stimmabgabe. Bild: AFP

Brasiliens nächster Präsident wird wohl ein Ultrarechter. Die Börse feiert ihn. Wieso feiert die Börse ausgerechnet einen Typen wie Bolsonaro?

          Das Schöne an den Börsen dieser Welt ist, dass man bei ihnen immer weiß, woran man ist. Gefällt ihnen etwas, steigen die Kurse. Sagt ihnen etwas nicht zu, fallen die Kurse hingegen. Nun ist diese Darstellung ein wenig vereinfacht: Ist es doch manchmal schwierig, festzustellen, auf welches Ereignis genau die Börse in einem bestimmten Fall reagiert.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Brasilien allerdings war dies keine Frage, als am vergangenen Montag der brasilianische Aktienindex Bovespa um sechs Prozent nach oben schoss (siehe Grafik). Die Börse in São Paulo feierte das klare Ergebnis der brasilianischen Präsidentschaftswahlen. In der ersten Runde hatte Jair Messias Bolsonaro, ein 63-jähriger bisheriger Hinterbänkler, geschafft, was vor einigen Monaten noch niemand für möglich gehalten hatte: Mit 46 Prozent der Stimmen ließ er alle anderen Konkurrenten weit hinter sich. In der Stichwahl in zwei Wochen, in der er gegen den zweitplazierten Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei PT antritt, wird Bolsonaro der Sieg vermutlich nicht mehr zu nehmen sein.

          Nun könnten es Unbedarfte für einen freundlichen Zug der Finanzakteure halten, dass sie sich mit dem Überraschungssieger freuen. Wer genauer hinschaut, kann jedoch auch kaltes Grauen oder mindestens große Irritation empfinden. Denn die Anleger feiern mit Bolsonaro einen Politiker, der sich um liberale Werte nicht schert. Er ist offen homophob und begeisterter Anhänger der brasilianischen Militärdiktatur der Jahre 1964 bis 1985, die er als „glorreiche Epoche“ verharmlost. Geradezu menschenverachtend war einst sein Wutausbruch gegenüber einer linken Abgeordneten vor laufender Kamera: „Du verdienst es nicht einmal, von mir vergewaltigt zu werden.“

          Wieso feiert die Börse ausgerechnet einen Typen wie Bolsonaro?

          Dies bedient, oberflächlich betrachtet, nicht nur alle Vorurteile, die gewöhnliche Menschen schon immer gegen Finanzprofis ins Feld führten: Kalt sei das Kapital, heißt es dann gerne, zynisch und unmoralisch. Der Eindruck verstärkt sich, wenn man darüber nachdenkt, welche Politiker sonst noch von den Börsen mit Applaus begrüßt wurden. Donald Trump, Amerikas Präsident und nicht bekannt als Vorkämpfer demokratischer Grundwerte, wurde von den Finanzmärkten kurz nach seiner Wahl im November 2016 ähnlich euphorisch willkommen geheißen. Wie erklärt sich eine solche Zustimmung?

          Dazu muss man verstehen, wie insbesondere die professionellen Anleger dieser Welt ticken. Täglich wägen sie ab, wie sich neue Informationen wie beispielsweise die Wahl eines neuen Präsidenten auf die wichtigste Kennziffer auswirken, die es an den Aktienmärkten gibt – die Entwicklung der Firmengewinne. Hat die neue Regierung ein ähnliches Programm wie die alte, passiert an den Märkten so gut wie gar nichts.

          Anders ist es dann, wenn das Programm des neuen Regierungschefs positive Auswirkungen auf die Firmengewinne erwarten lässt. Dann steigen die Kurse. „Marktteilnehmer wissen, dass es einen perfekten Zustand ohnehin nicht geben kann“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. „Ihnen reichen darum verhältnismäßig kleine, relative Veränderungen zum vorherigen Zustand für eine positive Reaktion.“

          Guedes will das Investitionsklima verbessern

          Das erklärt, warum die Börse im Falle Bolsonaros über dessen illiberales Menschenbild hinwegsieht. Denn der Oberst der Reserve, der freimütig bekennt, von Wirtschaft „keinen Schimmer“ zu haben, hat sich einen gestandenen Investmentbanker an seine Seite geholt: Paulo Guedes soll eine Art Superminister für Finanzen und Wirtschaft werden. Guedes, ausgebildet an der Kultstätte des Marktliberalismus, der University of Chicago, will beispielsweise Staatsunternehmen privatisieren und öffentliche Ausgaben kürzen. In der Sprache des Marktes ausgedrückt: Guedes will das Investitionsklima verbessern. Selbstredend gefällt das Investoren, zumal dies in Brasilien bitter nötig ist. Das Land erholt sich nur mühsam von der schwersten Rezession seiner Geschichte: Das Haushaltsdefizit liegt mit acht Prozent der Wirtschaftsleistung bei einem Rekordwert.

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