http://www.faz.net/-gv6-92mb8

Börse in Tokio : Japans Krieg gegen die Barreserven hilft den Aktionären

Oktober in Tokio: Eine Frau geht an einer Anzeige, die den Aktienkurs anzeigt, vorbei. Bild: dpa

Die bevorstehende Unterhauswahl in Japan beunruhigt die Anleger in keinster Weise. Der Markt scheint stabil. Doch wieso bleiben die Kurse auf den Inseln so ruhig?

          Japan wählt. Für den 22. Oktober hat Ministerpräsident Shinzo Abe die Neuwahl des Unterhauses ausgerufen. In der Hoffnungspartei der Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, ist dem Konservativen eine formidable Opposition erwachsen. Manche Kommentatoren spekulieren darauf, dass Abe die Mehrheit im Unterhalt verlieren könnte. Am Aktienmarkt, der in den vergangenen Jahren erheblich von der lockeren Geldpolitik und der Wirtschaftspolitik der „Abenomics“ profitiert hat, scheint diese Sorge nicht weit verbreitet. Auch die geopolitischen Spannungen um die atomare Bedrohung durch Nordkorea haben die Anleger in Tokio bisher nicht sonderlich beeindruckt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die vergangene Woche schloss der Nikkei-225-Index mit 1,6 Prozent im Plus bei 20.690,7 Punkten. Am Montag war die Börse wegen des nationalen Tags des Sports geschlossen. Seit September hat der Nikkei-Index sich über der Marke von 20.000 Punkten etabliert und liegt nun fast auf dem Hoch des Juni 2015, bevor damals im August globale Sorgen über den Zustand der chinesischen Wirtschaft die Aktienkurse drastisch absacken ließen.

          NIKKEI

          -- -- (--)
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Für die kommenden Monate erwarten Marktbeobachter weitere Kurssteigerungen, gestützt auf die robuste Weltkonjunktur und auf einen sich wohl weiter abschwächenden Yen. Am Jahresende könnte der Nikkei-Index um 21.000 Punkte und zur Jahresmitte 2018 um 21.150 Punkte gehandelt werden, prognostizieren Analysten und Fondsverwalter durchschnittlich in einer aktuellen Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Damit würde der Aktienmarkt schon Ende Dezember ein 21-Jahres-Hoch erreichen.

          Nachhaltig positiven Schub für die Aktienkurse

          Die Prognosen gründen auf eher kurzfristige Sicht in der Erwartung, dass der japanische Yen in den kommenden Monaten mit weiteren Zinserhöhungen in den Vereinigten Staaten weiter an Wert verlieren wird. Die Bank von Japan macht demgegenüber keine Anstalten, ihre Geldpolitik zu straffen. Derzeit wird der Yen gegenüber dem Dollar etwa 10 Prozent schwächer gehandelt als vor einem Jahr. Das treibt die Gewinne der exportorientierten Unternehmen in Japan.

          Mindestens so wichtig für den positiven Aktienausblick aber sind fundamentale Gründe. Japans Unternehmen haben seit der globalen Finanzkrise 2008/09 große Barreserven angesammelt. Nach der jüngsten Auswertung der Unternehmensbilanzen beziffert das japanische Finanzministerium die Barreserven der Unternehmen (ohne Finanzwirtschaft) Ende Juni auf den Rekordwert von 192 Billionen Yen (1,5 Billionen Euro). Dahinter verbergen sich zum Teil fehlende oder nicht erkannte Investitionsmöglichkeiten in Japan, aber auch der unbedingte Wille der Unternehmen, sich vor dem Risiko abermaliger Finanzkrisen abzusichern. Zugleich haben die Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren durch Rationalisierungen ihre Profitquote gehörig verbessert. Im zweiten Quartal des Jahres erreichte die durchschnittliche Gewinnmarge vor Steuern nach den Statistiken des Finanzministeriums 6,8 Prozent. Das ist fast doppelt so hoch wie während der „Blasenwirtschaft“ Ende der achtziger Jahre.

          Die großen Barreserven erregen den Unmut der Regierung in Tokio, die mehr Investitionen der Unternehmen wünscht. Die Reserven erwecken aber auch die Phantasie von Anlageratgebern. Von einem „Krieg gegen die Barreserven“ spricht Udo von Werne von Nikko Asset Management, der aus London für das japanische Unternehmen die Regionen Europa, den Mittleren Osten und Afrika verwaltet. „Regierung und Aufseher machen Druck, dass das Horten von Cash keine Option mehr ist“, sagt von Werne. Er erwartet, dass der Trend zu höheren Dividenden und mehr Aktienrückkäufen weiter andauern wird. Auch mehr Investitionen seien wünschenswert, weil aus Aktionärssicht das Ergebnis höherer Renditen positiv sei.

          Von Werne führt die seit Amtsantritt Abes steigenden Aktienkurse in Japan nicht nur auf die expansive Geldpolitik zurück, sondern auch auf strukturelle Reformen wie den Druck der Finanzaufsicht, Überkreuzbeteiligungen der Unternehmen zu verringern. Einen besonderen Einfluss spricht er den im Zuge der Abenomics eingeführten Kodizes für eine gute Unternehmensführung und für die treuhänderischen Pflichten institutioneller Investoren zu.

          Im Mai erst wurde der Verhaltenskodex über die treuhänderischen Pflichten überarbeitet. Institutionelle Anleger werden darin angehalten, auch bei passiven Beteiligungen stärker auf die Aktionärsinteressen zu achten und mehr als zuvor ihr Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen offenzulegen. Nikko Asset Management erwartet davon einen nachhaltig positiven Schub für die Aktienkurse.

          Anhängerin eines stärker marktwirtschaftlichen Kurses

          Der Krieg gegen die Barreserven der Unternehmen gipfelt im Wahlkampf derzeit in der Forderung der Partei der Hoffnung von Koike, die Reserven mit einer Steuer zu belegen. Wie stark die neue Partei die Wirtschaftspolitik Japans beeinflussen wird, ist zwei Wochen vor der Wahl weitgehend offen. Die Parteienlandschaft ist mit Neugründungen und Abspaltungen in Bewegung geraten. Den Liberaldemokraten von Abe wird derzeit ein Vorsprung prognostiziert.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Koike will – im Gegensatz zu Abe–auf die für 2019 geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer vorerst verzichten, was für die Aktienmärkte eher positiv wäre. Generell gilt die Gouverneurin von Tokio, die noch bis zum Sommer den Liberaldemokraten angehört hatte, eher als Anhängerin eines stärker marktwirtschaftlichen Kurses. Ein starkes Abschneiden der Partei der Hoffnung würde den reformfreundlichen Flügel in der LDP von Abe stärken, analysiert deshalb Robert Feldman von Morgan Stanley MUFG. Vielleicht ist das der Grund, warum die bevorstehende Unterhauswahl die Anleger in Tokio bislang nicht sonderlich beunruhigt.

          Weitere Themen

          Aktienanlage in rauheren Zeiten

          Börsenausblick 2019 : Aktienanlage in rauheren Zeiten

          Wohin steuert die Börse im kommenden Jahr? Die Chef-Anlagestrategen zweier großer Banken wagen schon einen Ausblick und haben Ratschläge für Aktien-Anleger parat.

          Finanzinstitute sollten Abwehrkräfte stärken

          Bundesbank : Finanzinstitute sollten Abwehrkräfte stärken

          Die gestiegenen Risiken für die Konjunktur gefährden auch die deutsche Bankenwelt, warnt die Bundesbank. Eine unerwartet starke Eintrübung der wirtschaftlichen Lage könnte "Verwundbarkeiten" aufzeigen.

          Topmeldungen

          Jens Spahn greift an : Mit Dolch und großem Kaliber

          Im Rennen um den CDU-Parteivorsitz liegt Gesundheitsminister Jens Spahn inzwischen deutlich hinter Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Ihm bleibt nur eine Chance.

          Israels Verteidigungsminister : Darum springt Liebermann ab

          Ministerpräsident Netanjahu wollte durch seinen Deal mit der Hamas Zeit und Ruhe erkaufen. Der Rücktritt seines Verteidigungsministers trifft ihn hart. Neuwahlen sind möglich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.