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Unruhige Finanzmärkte : Explosives Potential an den Börsen

Bald ist der Computer alleine hier. Bild: dpa

Auch wenn die Crash-Rufe vom Dienstag verfrüht waren: Die Vorgänge haben den Blick auf eine beliebte Strategie gelenkt. Und die kann noch richtigen Schaden anrichten.

          Eine der wichtigsten Regeln im Wirtschaftsleben ist ebenso wie bei der Geldanlage: Wenn alle eine lukrative Anlage entdecken, ist es bald damit vorbei. Am Anfang sind die Renditen hoch. Mit der Zeit drängt immer mehr Geld in dasselbe Feld. Preise steigen, Renditen sinken, mit mehr Krediten wird versucht, die Eigenkapitalrendite zu hebeln.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Irgendwann kühlt sich die Euphorie ab und es setzen Flucht und Panik ein. Je nachdem wie bedeutend die Investmentstrategie war, desto stärker sind die Rückwirkungen auf andere Bereiche der Finanz- und Wirtschaftswelt.

          Massenhaft haben Marktteilnehmer in den vergangenen Jahren auf eine sinkende Volatilität („Short Vola“) gesetzt, ausgehend einmal von Studien, die feststellten, dass Aktien mit geringer Volatilität höhere Erträge bringen.

          Um das Zehnfache ist, Stand Ende Januar, die Zahl der Kontrakte auf den Volatilitätsindex VIX an der Börse in Chicago in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Die Societe Generale schätzte den Markt für direkt auf den VIX bezogene Produkte zuletzt auf 8 Milliarden Dollar.

          Wetten auf eine Rechengröße

          Doch Volatilität kann nicht ewig sinken. Derivategeschäfte auf Kursschwankungen werden zur Bombe, wenn die Volatilität steigt. Jes Staley, Vorstandschef der Barclays Bank, ein großer Emittent von Volatilitätsprodukten, hatte noch dieses Jahr auf dem World Economic Forum in Davos gewarnt. Wenn der Wind drehe, müssten sich Anleger warm anziehen.

          Am Montag verzeichnete die Volatilität den größten Tagesanstieg seit dem „Schwarzen Montag“ am 19.10.1987 und lag auch am Dienstagabend bei Börsenschluss noch 60 Prozent über dem Wert zur Börsenöffnung am Montag.

          Die ETFs und Zertifikate, die auf eine inversen Volatilitätsindex setzten, wurden mit einem Schlag nahezu wertlos. Die Logik ist einfach: Die Produkte bauen auf einem Index auf, der die Volatilität umkehrt. Sinkt diese, steigt der Index.

          Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass ein starker Anstieg der Volatilität den Index gegen null tendieren lässt. Beispiel: Der ProShares Short VIX Short-Term Futures wurde am 1. Februar noch mit 125,57 Dollar gehandelt. Am Dienstag kostete der Anteil noch 12,24 Dollar.

          Denn Volatilität hat keine Substanz. Hinter ihr stehen keine Vermögenswerte wie Maschinen oder Marken und Marktanteile, noch nicht einmal eine Technik mit möglichen Potential. Sie ist bloß eine Rechengröße und kann sich sprunghaft ändern. So wie am Montag, als sie um mehr als 115 Prozent stieg.

          Noch tun sich die Analysten mit den Auslösern schwer. Steigende Zinsen in Kombination mit dem Einbruch zinssensitiver Aktiensegmente hätten offenbar eine Trendwende ausgelöst, heißt es von Goldman Sachs AM. Dabei habe sich die Wirkung selbst verstärkt, weil Short-Vola-Produkte bei steigender Volatilität gezwungen seien, weitere Volatilität zu kaufen. Sie treten ja als Leerverkäufer von Volatilität auf, was die Substanzlosigkeit dieser Geschäfte verdeutlicht.

          Die Nachfrage nach Volatilität sei auf der Gegenseite wieder durch Aktienverkäufe abgesichert worden. Darüber hinaus sei es wohl zu systematischen Umschichtungen gekommen. Risk-Parity-Strategien etwa sähen bei steigender Aktienvolatilität eine  Umschichtung aus Aktien vor.

          Die Volatilitätsprodukte haben auf Dauer das Potential, den Markt zu vergiften. Denn es ist unklar, wie viel Geld in sie investiert wurde. Volatilität sei zu einer eigenen Anlageklasse geworden, sagt etwa Michael Schmanske, Gründer des auf solche Produkte spezialisierten Investmenthauses Glenshaw Capital.

          Für Prognosen zu früh

          Tatsächlich ist die Frage dieselbe wie sie etwa bei den CDOs und all den strukturierten Hypothekenprodukten der Finanzkrise war: Wer ist wie stark investiert und bekommt er dadurch Probleme?

          Letztlich kann alles auch gut ausgehen. Wenn die Volatilitätsprodukte als Absicherungsgeschäfte funktioniert haben und jetzt abgewickelt werden, hätten sie funktioniert. Doch angesichts des starken Anstiegs der Kontrakte ist zu befürchten, dass sie tatsächlich vor allem eine Anlageklasse waren.

          Der Wert von ETFs und Zertifikaten, die auf eine sinkende Volatilität spekulierten, belief sich im Januar noch 3,7 Milliarden Dollar, jetzt sind es noch 525 Millionen. Rund 2,3 Milliarden Dollar stecken in Produkten, die auf eine steigende Volatilität spekulieren. Am Mittwoch sollten die neuen wöchentlichen Daten zur Zahl der offenen Kontrakte auf den VIX veröffentlicht werden. Man darf auf die Entwicklung gespannt sein.

          Spekulieren lässt sich auch nur, wie es mit den Volatilitätsprodukten ausgeht. Möglicherweise müssen einige Marktteilnehmer nur ein paar Verluste verkraften. Aber noch weiß das niemand.

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