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Notenbank Fed : Anleger, schaut auf diesen Mann!

Der 64-jährige Jurist Jerome Hayden Powell, genannt „Jay“, soll vom kommenden Februar an Amerikas Notenbank Fed leiten. Bild: Bloomberg

Der Jurist Jerome Powell wird neuer Chef der amerikanischen Notenbank. Er ist Investoren nicht unbekannt. Was hat Powell im neuen Amt vor?

          Als Donald Trump am vergangenen Donnerstag im Rosengarten des Weißen Hauses zur Pressekonferenz empfing, konnte sich die Welt ein weiteres Mal die Frage stellen, ob Amerikas Präsident noch ganz bei Trost sei. Bei oberflächlicher Betrachtung ließ sich der Eindruck nicht ganz von der Hand weisen. Gerade hatte Trump verkündet, dass von Februar 2018 an Jerome Powell, ein 64-jähriger Jurist und Multimillionär, die wichtigste Notenbank der Welt leiten würde – die amerikanische Notenbank Fed. Das wirkt auf den ersten Blick in etwa so, als würde man ausgerechnet einem Ökonomen und eben keinem Juristen die Führung des Obersten Gerichtshofs des Landes anvertrauen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer die Geschichte der Fed studiert, stößt auf einen vergleichbaren Fall aus dem Jahr 1978, der wenig Mut macht: Damals ernannte Präsident Jimmy Carter den Rechtsanwalt G. William Miller zum Chef der Notenbank. Er hielt sich gerade einmal ein Jahr an der Spitze, weil es ihm nicht gelang, die hohe Inflation im Zaum zu halten. Seine kurze Amtszeit war ein Desaster. Hätten die stets hypersensiblen Finanzmärkte die Befürchtung, Trumps Kandidat Powell könnte auf ähnlich spektakuläre Weise versagen, wären am Donnerstag wohl die Börsenkurse in aller Welt abgestürzt. Doch nichts dergleichen geschah, die Aktienkurse stiegen sogar leicht. Ist die Entscheidung Donald Trumps also womöglich sogar eine gute Wahl?

          Viel spricht dafür, auch wenn leichte Zweifel bleiben – was nicht ungewöhnlich ist, wenn ein Amt neu besetzt wird, das mit großer Verantwortung einhergeht. Doch angesehene Wirtschaftswissenschaftler wie Clemens Fuest, Leiter des Münchner ifo-Instituts, bescheinigen dem amerikanischen Präsidenten, eine kluge Wahl getroffen zu haben. „Das war eine sehr überlegte Entscheidung von Trump, ganz anders, als es sein sonstiger Politikstil oft suggeriert.“ Die Einschätzung mag überraschen, wird aber plausibel, wenn man sich ein wenig mit dem Wesen der Börse auseinandersetzt.

          Steht Powell für Berechenbarkeit?

          Finanzmärkte werden üblicherweise nicht gerne in ihren routinierten Abläufen gestört, sie bevorzugen es, wenn alles so bleibt, wie es ist –  ist ein Lieblingswort vieler Investoren. Powell ist zumindest kundigen Investoren nicht unbekannt. Er ist nämlich bereits seit dem Jahr 2012 Mitglied im Direktorium der Fed und hat in dieser Zeit so gut wie alle Entscheidungen der jeweils amtierenden Notenbankchefs mitgetragen. Zunächst war dies bis 2014 Ben Bernanke, dann folgte Janet Yellen. „Es ist darum nicht vorstellbar, dass Powell sich im neuen Amt gegen die Geldpolitik stellen wird, die er bislang unterstützt hat“, sagt Andrew Bosomworth von der einflussreichen Fondsgesellschaft Pimco.

          Bei aller Kritik, die die Politik außerordentlich niedriger Zinsen bis heute hervorruft: In der Amtszeit Janet Yellens sind Aktienanleger bislang hervorragend damit gefahren. Amerikas Börsen erreichen in diesen Wochen ständig neue Rekordhochs, gleichzeitig ist die Konjunktur in bester Verfassung, und die Arbeitslosenquote liegt mit 4,1 Prozent auf dem niedrigsten Wert seit 17 Jahren. Was können Anleger mehr wollen, als dass sich dies auch unter dem neuen Notenbankchef so fortsetzt?

          Man muss sich klarmachen, was es bedeutet hätte, wenn nicht der Jurist Powell, sondern Starökonom John Taylor an die Spitze der Fed berufen worden wäre, wonach es einige Zeit aussah. Taylor ist genau wie Bernanke und Yellen ein hochdekorierter Forscher. Er hat sogar eine berühmte, nach ihm benannte Regel aufgestellt, womit sich unter gegebenen Bedingungen der jeweils optimale Leitzins für eine Zentralbank berechnen lässt. Taylor hat zwar nie gefordert, dass man sich sklavisch daran halten müsse, aber zurzeit ergäbe seine Regel einen Leitzins von vier Prozent. Tatsächlich liegt der Leitzins in Amerika derzeit in der Bandbreite zwischen 1 und 1,25 Prozent. Angesichts dieser Diskrepanz wäre mit einem Notenbankchef Taylor ein deutlich stärkerer Anstieg der Leitzinsen zu erwarten gewesen, als es unter Powell wahrscheinlich ist. Man darf annehmen: Taylors Ernennung hätte die Anleger verunsichert und die Börsen erschüttert.

          Fehlende ökonomische Ausbildung

          Die fehlende ökonomische Ausbildung Jerome Powells, der noch vom Senat bestätigt werden muss, sieht dagegen kaum ein Experte als ein großes Problem an. „Es kommt in Powells Fall weniger auf das Studienfach an, sondern mehr auf Erfahrung. Und die kann er vorweisen“, sagt ifo-Leiter Fuest. Juristen sind in der Lage, große Institutionen der Weltwirtschaft überzeugend zu leiten, wie das Beispiel von Christine Lagarde zeigt. Die einstige Rechtsanwältin steht seit 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds IWF.

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