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Hohe Zinsen und Inflation : Die türkische Wirtschaft ächzt unter der Lira-Krise

Verliert seit Monaten an Wert: Die türkische Lira Bild: Reuters

Immer mehr türkische Unternehmen beantragen Umschuldungen. Dabei stehen die großen Firmengruppen mit circa 24 Milliarden Dollar in der Kreide. Die Banken stemmen sich gegen Ausfälle.

          Es ist schwierig, in der Türkei nicht Kunde von Doguş zu sein. Die Gruppe zählt zu den größten Privatkonzernen des Landes und ist in mindestens neun Branchen tätig. Im Bau etwa, im Auto- und Einzelhandel, in der Energiewirtschaft, im Tourismus, in den Medien, im Nahrungsgeschäft.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Autokäufer einer Volkswagen-Marke gehen gern zu Doguş Automotive. Wer im Park Hyatt in Istanbul logiert, schläft in einem Doguş-Hotel. Wer in der Fastfood-Kette Nusr Et – nach dem Chefkoch auch Salt Bae genannt – Steaks verspeist, ist ebenfalls Gast des Imperiums. Die Magazine „Vogue“ und „GQ“ gehören genauso zur Gruppe wie die Sender „NTV“ und „Star“.

          Selbst die Garanti-Bank, eines der größten Geldhäuser der Türkei, war lange Teil des Konglomerats, bevor sie an die spanische BBVA ging und den Doguş-Eigentümern viel Geld einbrachte. Profitiert hat vor allem Ferit Şahenk, der Sohn des Konzerngründers, der die Geschäfte der Holding lenkt. Er ist einer der reichsten Männer der Türkei, „Forbes“ gibt sein Nettovermögen mit 2,4 Milliarden Dollar an. Gleich dahinter rangiert seine Schwester Filiz mit 2,3 Milliarden.

          Fehlbetrag von 2,3 Milliarden Lira

          Doch die Geschäfte der Familie Şahenk laufen nicht gut. Der Umsatz von Doguş ist 2017 zwar auf 20,3 Milliarden Lira gestiegen (nach heutigem Kurs 4,3 Milliarden Dollar), und der operative Gewinn verdoppelte sich sogar. Weil die Beteiligungen aber hohe Verluste einfuhren und weil die Finanzierungskosten aus dem Ruder liefen, steht unter dem Strich ein Fehlbetrag von 2,3 Milliarden Lira (490 Millionen Dollar).

          Am meisten setzen dem Konzern seine Schulden von umgerechnet 5 Milliarden Dollar zu. Besonders stark drücken die Devisenverbindlichkeiten, denn Doguş erwirtschaftet, den größten Teil seiner Einnahmen in heimischer Währung, und die Lira verliert immer mehr an Wert. Der Rückgang gegenüber dem Dollar beträgt seit Jahresbeginn fast 20 Prozent.

          Große Firmengruppen müssen Verbindlichkeiten von 24 Milliarden restrukturieren

          Deshalb hat die Holding ihre Banken um eine Umschuldung von etwa 2,5 Milliarden Dollar ersucht. Doch selbst Lira-Schulden werden immer teurer, seit die Zentralbank die Leitzinsen zuletzt mehrfach angehoben hat, um die Inflation, den Kapitalabzug und den Lira-Verfall abzubremsen.

          Doguş ist wie weitem nicht das einzige Unternehmen, das in die Bredouille geraten ist. Der Süßwarenkonzern Yildiz teilte mit, 5,5 Milliarden Dollar umgeschuldet zu haben. Der größte türkische Telefonbetreiber Otas hat bereits Teile seiner Schulden von 4,8 Milliarden Dollar nicht bedient; er hatte sich beim Kauf von Turk Telekom überhoben. Bevor der Schuldner ausfällt, wollen ihn die Gläubiger jetzt selbst übernehmen.

          Fachleute schätzen, dass die großen türkischen Firmengruppen Verbindlichkeiten von mindestens 24 Milliarden Dollar restrukturieren müssen. „Der Währungsschocks treibt die Kosten in die Höhe, während die Unternehmen wegen staatlicher Regulierungen und Preisobergrenzen ihre Preise nicht anpassen können“, sagte Zumrut Imamoglu, Chefökonom des Industrieverbands Tusiad, der Agentur Bloomberg. „Das verursacht finanzielle Probleme.“

          Wie viele Betriebe in Schwierigkeiten stecken, weiß niemand. Doch klar ist, dass riesige Beträge auf dem Spiel stehen: Ausweislich der Zentralbank standen zu Jahresbeginn türkische Unternehmen mit Devisen von 340 Milliarden Dollar in der Kreide. Rechnet man ihr Fremdwährungsvermögen dagegen, betrug die Nettosumme 220 Milliarden Dollar – ein Viertel der Wirtschaftsleistung (BIP) des Landes.

          Auch Energiewirtschaft stark betroffen

          Unter den Umschuldungswilligen sind Pressemeldungen zufolge auch Yeni Elektrik, Boyabat Power Plant und Bereket Enerji. Insgesamt wolle die Energiewirtschaft 6 Milliarden Dollar neu verhandeln, heißt es. Denn die Branche hat zum Ausbau von Erzeugung und Vertrieb besonders hohe Devisenverbindlichkeiten aufnehmen müssen.

          Von den genannten 340 Milliarden Dollar entfallen etwa 15 Prozent auf den Energiesektor, mehr als 50 Milliarden. Die steigenden Strompreise können mit den Wechselkursverlusten bei weitem nicht Schritt halten: Seit 2010 hat die Lira fast 70 Prozent ihres Dollar-Werts verloren.

          Weniger Einnahmen als zu tilgende Schulden

          In einigen Fällen nähmen die Energieerzeuger bereits weniger ein, als sie für den Schuldendienst ausgeben müssten, sagte der Vorsitzende des Verbands der Energieerzeuger, Cem Aşk, gegenüber Bloomberg. „Kraftwerke ohne Stromabnahmevertrag zahlen für ihre Kredite jährlich 3 Milliarden Dollar an die Banken, fast 2,5 Milliarden mehr als ihr Mittelzufluss.“

          Wackelige Unternehmen sind auch gefährlich für jene, die sie finanzieren, für die Banken. In den türkischen Instituten hält sich der Anteil ausfallgefährdeter Kredite an allen Ausleihungen mit weniger als 3 Prozent noch in Grenzen. Damit das so bleibt, sind die Geldhäuser zu Umschuldungen bereit. Doch wird das früher oder später die Erträge schmälern. In den ersten zwei Monaten 2018 sanken die Gewinne um 1 Prozent auf 8,38 Milliarden Lira (1,8 Milliarden Dollar).

          Zeche für lockere Geldpolitik

          Investoren nehmen die schlechteren Zeiten schon vorweg und trennen sich von Bankaktien. Der Banken-Index an der Börse in Istanbul, der 13 Werte enthält, entwickelt sich deutlich schwächer als der Leitindex. Jetzt könnte es sich rächen, dass die Finanzinstitute zu freigiebig Geld verliehen haben. 2003 betrug das Verhältnis zwischen Krediten und Einlagen erst 40 Prozent, heute sind es 130 Prozent.

          Schuld daran sind freilich nicht allein die Banken, sondern auch die Politiker. Um das BIP-Wachstum anzufachen, hat die Regierung Garantien übernommen, Kreditprogramme aufgelegt und die Banken vehement aufgefordert, immer mehr Geld auszureichen. Dafür ist nun die Zeche fällig.

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