http://www.faz.net/-gv6-9cae7

Nach dem Nato-Gipfel : So profitiert Europas Rüstungsindustrie von Trumps Kritik

Kampfpanzer Leopard auf dem Truppenübungsplatz in Münster. Bild: dpa

Amerikas Präsident fordert von den Nato-Mitgliedern, ihre Rüstungsausgaben deutlich anzuheben. Dem Aktienkurs von Rheinmetall und anderen Konzernen tut die Kritik gut – sie hoffen auf ein Milliardengeschäft.

          Die Aktien europäischer Rüstungsunternehmen liegen derzeit hoch in der Gunst der Anleger. Das ist dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu verdanken, der vor dem Nato-Gipfel in Brüssel die Mitglieder der Militärallianz daran erinnerte, die jährlichen Rüstungsausgaben auf den Mindestsatz von 2 Prozent des Bruttoinlandproduktes anzuheben. Von dieser Zielmarke ist Deutschland mit einem aktuellen Wert von rund 1,2 Prozent weit entfernt. Dem Aktienkurs von Rheinmetall tat Trumps Kritik gut: Der Wert verteuerte sich am Donnerstag um mehr als 5 Prozent und behauptete sich am Freitag mit einem Kursplus von 0,2 Prozent. Der Titel des französischen Rüstungskonzerns Thales gewann in der vergangenen Handelswoche rund 5 Prozent an Wert. In diesem Jahr beträgt der Kursgewinn schon 28 Prozent.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch der Flugzeugkonzern Airbus stellt Kampfflugzeuge sowie Militärhubschrauber her und wird derzeit auch deshalb von den Investoren geschätzt. Der Aktienkurs von Airbus hat in diesem Jahr schon um 29 Prozent zugelegt. Da kann der Titel der britischen Raumfahrt- und Verteidigungsunternehmens BAE System mit einem Kursplus von 18 Prozent nicht ganz mithalten. In der vergangenen Woche durften sich die Anleger aber über einen Anstieg um 5 Prozent freuen. Ebenfalls zu den europäischen Rüstungsaktien zählt die italienische Leonardo, ehemals Finmeccanica. Der Aktienkurs stieg am Freitag um 4,5 Prozent.

          Blickt man auf die Analysteneinschätzungen, dann überwiegt die Zuversicht. Bei Rheinmetall empfehlen elf Analysten den Kauf der Aktie und acht, diese zu halten. Es finden sich aber keine Verkaufsempfehlungen. Ähnlich positiv werden die anderen Rüstungsaktien bewertet.

          Deutschland würde den Wehretat mehr als verdoppeln

          Die Weichen für steigende Wehretats im Westen sind gestellt. Deutschland wisse, dass es mehr für seine Verteidigung ausgeben müsse, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem Nato-Gipfel. Damit reagierte sie nicht nur auf Trump, sondern bezog sich auch auf die steigende Zahl an internationalen Krisenherden, die immer mehr Auslandseinsätze der Bundeswehr und ihrer Bündnispartner in Europa nach sich ziehen werden.

          Das deutlich stärkere Engagement der Europäer lässt für die Ausrüster der Militärs in naher Zukunft neue Auftragsschübe in Milliardenhöhe erwarten. Denn die von Trump geforderte Erhöhung des Wehretats auf 2 Prozent würde für Deutschland bedeuten, dass die heimischen Ausgaben für Personal und Waffen mindestens um 6,8 Milliarden Euro im Jahr zulegen werden, heißt es in aktuellen Hochrechnungen. Bereits 2024 würde der deutsche Wehretat von heute fast 39 Milliarden Euro auf 85 Milliarden Euro steigen – rund 30 Milliarden Euro mehr als in Frankreich oder in Großbritannien.

          Mit mehr Zusammenarbeit zwischen den westlichen Streitkräften werde sich auch auf Industrieseite der Trend zu länderübergreifenden Rüstungsprojekten verstärken. Statt wie bisher auf nationale Alleingänge bei Entwicklung und Bau von Waffen zu setzen, lassen sich durch gemeinsame Standards für europäische Waffensysteme Kosten senken und Geld für den Steuerzahler sparen. Um beispielsweise für das Gros der Streitkräfte in Europa einen einheitlichen Kampfpanzer zu entwickeln, trieb der deutsche Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW) den Schulterschluss mit dem staatlich geführten Konkurrenten Nexter aus Frankreich voran. Beide Unternehmen, die von einer gemeinsamen Holdinggesellschaft in den Niederlanden geführt werden, wollen mit dem „Leopard 3“ gemeinsam einen Nachfolger für das veraltete Modell „Leopard 2“ entwickeln und vermarkten.

          Aus Rivalität soll Zusammenarbeit werden

          Der Nachholbedarf für gemeinsame Rüstungsprojekte in Europa ist auch für die Ausrüster von Luftwaffe und Marine riesig. Gegenwärtig leisten sich die 28 EU-Staaten für ihre 4000 einsatztauglichen Kampfpanzer 16 unterschiedliche Varianten. In der amerikanischen Armee sind etwa doppelt so viele Panzer im Einsatz, aber in nur drei Varianten. Für die wichtigsten Waffen von Heer, Luftwaffe und Marine in den europäischen Armeen listet eine Studie der Beratungsgesellschaft McKinsey insgesamt 178 unterschiedliche Systeme auf. Amerikanische Soldaten haben es dagegen nur mit 30 verschiedenen Waffensystemen zu tun.

          Neben KMW forciert auch dessen Partner Rheinmetall die Kooperation mit europäischen Partnern. So soll künftig beispielsweise auch der von beiden Herstellern entwickelte Radpanzer Boxer an die britischen Streitkräfte geliefert werden. Für den erhofften Milliardenauftrag werden sich dafür an dem Herstellerkonsortium Artec britische Hersteller wie BAE Systems oder Thales UK beteiligen. Ähnliches hat Airbus mit der Entwicklung eines neuen Kampfjets für europäische Streitkräfte vor. Der deutsch-französische Konzern will dafür möglichst langjährige Rivalen wie Dassault oder Saab aus Schweden in ein Herstellerkonsortium einbinden. Ähnlich wie im zivilen Sektor, in dem die Dominanz von Boeing durch Airbus gebrochen wurde, soll künftig das neue Konsortium in Europa amerikanischen Platzhirschen wie Lockheed Martin oder Northrop Grumann die Stirn bieten.

          Eine Ausnahme stellt dagegen BAE Systems dar. Der Konzern ist nicht nur der größte Waffenhersteller in Europa, sondern auch in Nordamerika aktiv. Auf die Überseeregion entfällt bereits mehr als ein Drittel seines Konzernumsatzes. Und nicht von ungefähr avancierten die Briten zum größten ausländischen Lieferanten des amerikanischen Verteidigungsministeriums, dem mit Abstand wichtigsten Rüstungseinkäufer der Erde.

          Weitere Themen

          Pampers statt iPhones

          Wall Street : Pampers statt iPhones

          An den amerikanischen Aktienmärkten gehen Anleger in die Defensive. Apple ist weniger gefragt, dafür Procter&Gamble oder McDonald’s.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.