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Bildungsanbieter : Ist auch diese China-Aktie nur Lug und Betrug?

  • -Aktualisiert am

Gefürchtet: Leerverkäufer Carson Block Bild: Reuters

Der Bildungsanbieter TAL aus China habe seinen Profit um mehr als 43 Prozent zu hoch angegeben, behauptet der Leerverkäufer Carson Block. Dieser hat sich schon früher mit Angriffen auf chinesische Unternehmen einen Namen gemacht.

          Es sind beeindruckende Zahlen, die das chinesische Unternehmen Tomorrow Advancing Life (TAL) zu bieten hat,  ein Anbieter von Lernkursen im Internet für Schüler im bevölkerungsreichsten Land der Welt.

          2,3 Millionen Schüler lernten in Offline-Kursen der Gruppe, wirbt TAL, in 42 Städten in China. Online käme die Zahl der jungen Kunden, die auf Portalen wie Gaokao.com lernen – Gaokao ist der Name der wegen ihren extrem hohen Anforderungen gefürchteten Prüfung zur chinesischen Hochschulreife – sogar auf 18 Millionen Schüler. Eine Untermarke der Gruppe habe sogar 31 Millionen monatliche aktive Nutzer.

          Boomende Bildungsbranche

          Nichts ist chinesischen Eltern so wichtig wie die Schulbildung ihrer Kinder, oft haben sie ja nur eines. Damit Sohn oder Tochter es einmal besser hat im Leben, zudem mit einem hohen Einkommen später einmal für die Eltern sorgen kann, die über keine üppige Rente verfügen, sind Familien bereit, viel Geld auszugeben für alle erdenklichen Nachhilfemittel, damit die Abschlussschulprüfung zum Erfolg wird und der Spross an einer guten Universität aufgenommen wird – dann ist die Karriere schließlich schon so gut wie programmiert.

          Auch nicht-chinesische Investoren konnten an diesem Wachstumsmarkt in den vergangenen Jahren verdienen. Denn seit dem Jahr 2010 ist TAL – das damals noch Xueersi hieß – an der New Yorker Börse notiert, als „erste chinesische Bildungseinrichtung für Grund- und Mittelschüler“.

          In den vergangenen fünf Jahren ist der Preis der TAL-Aktie von 1,72 Dollar auf 46,80 Dollar gestiegen, um sagenhafte 2620 Prozent. Allein in den vergangenen zwölf Monaten legte der Kurs um 130 Prozent zu. Bis zum Mittwoch: da fiel er plötzlich um zeitweise 15 Prozent. Den Handelstag beschloss der Wert dann mit knapp 10 Prozent im Minus.

          Der Grund für diesen heftigen Rückgang des eigentlich so vielversprechenden Wachstumswerts trägt einen Namen: Carson Block. Es wäre vielleicht übertrieben zu sagen, dass jeder einzelne chinesische Unternehmer vor dem Amerikaner zittert. Viele fürchten sich aber ganz bestimmt vor dem Gründer von Muddy Waters Research, einem Analyse- und Handelshaus aus Kalifornien, das sich vor allem mit einer Börsenstrategie einen Namen gemacht hat: sich die Aktien von mittelständischen Unternehmen aus China zu leihen und zu verkaufen, die in Amerika und Kanada an der Börse notiert sind, und dann den Firmen öffentlich die Manipulation ihrer Geschäftszahlen vorzuwerfen. Folge: der Kurs der Aktie stürzt ab. Muddy Waters kauft das Papier zu dem nun viel geringeren Preis, gibt die geliehene Aktie zurück und streicht die Differenz als Gewinn ein.

          So wie bei TAL. Der Lernkursanbieter aus China habe seinen Gewinn in den vergangenen drei Geschäftsjahren um über 43 Prozent überzeichnet, hat Carson Block am Mittwoch in einer Pressemitteilung behauptet. Der Leerverkäufer sagte, die angebliche Fälschung der Zahlen erinnere an den Fall Enron – den Energiekonzern aus Texas, dessen Bilanzfälschung im Jahr 2001 einen der größten Wirtschaftsskandale in der amerikanischen Geschichte ausgelöst hatte.

          Vorwurf der Lüge

          TAL habe niemals so schnell wachsen können wie dargestellt, sagte Block a Mittwoch im Fernsehsender Bloomberg, während neben seinem Gesicht der Kurs der TAL-Aktie herunterzählte. Der Leerverkäufer beruft sich bei seiner Behauptung auf öffentlich zugängliche Behördenunterlagen, zum Beispiel gegenüber der Börsenaufsicht in Amerika. Daraus gehe hervor, dass TAL „gelogen“ habe, etwa über den Zeitpunkt von Investitionen und darüber, was es mit diesen Investitionen angestellt hat.

          Block sagte auch, dass es sich allerdings bei TAL um ein „echte Geschäft“ mit „echten Schülern“ und „echten Lernzentren“ handele – anders als bei der Aktie aus China, mit deren Leerverkauf der Amerikaner einst berühmt geworden ist: Sino-Forest. Das Unternehmen, das behauptet hatte, über gigantische Waldbestände in China zu verfügen und dessen Aktie an der Börse in Kanada hohe Kursgewinne verzeichnet hatte, bezeichnete Block im Jahr 2011 in einer Analyse als „Betrug“ und als „Milliarden-Dollar-Schnellballsystem“.

          Durch investigative Recherchen vor Ort in China hatte Block herausgefunden, dass allein in der südchinesischen Provinz Yunnan der Wert der angeblich von Sino-Forest erworbenen Waldbestände in der Bilanz um 900 Millionen Dollar zu hoch angesetzt war. Flächen, die das Unternehmen von der Stadt Lincang gekauft haben wolle, ließen sich von Seiten der Behörden nicht nachvollziehen. Unter anderem war Block aufgefallen, dass der Pfad, der zu einem der Standorte von Sino-Forest führte, viel zu eng und zu schlecht ausgebaut gewesen war, um die vielen Transporter tragen hätte zu können, die es gebraucht hätte, um die Bäume zu bewegen, die in den Geschäftszahlen des Unternehmens aufgetaucht waren.

          Nachdem Block mit seiner Behauptung an die Öffentlichkeit gegangen war, verlor Sino-Forest zwei Drittel seines Marktwerts. Der Vorstandschef des Unternehmens bezeichnete Block als nur am eigenen Profit interessierten „shock-jock“, als jemanden, der mit „nicht akkuraten Recherchen“ an der Börse für Aussehen sorgen wolle, damit der Wert von Aktien falle.

          Letzteres ist zweifellos das Hauptmotiv von Block. Dass seine Recherchen nicht stimmten, hat jedoch im Fall Sino-Forest im vergangenen Jahr ein kanadisches Gericht widerlegt, dass in seinem Urteil Block voll und ganz recht gab. Auch einer Zivilklage um einen Milliardenbetrag gegen den Vorstandschef von Sino-Forest gab ein Gericht jüngst statt.

          Die Angriffe von amerikanischen Leerverkäufern auf betrügerische chinesische Unternehmen, wie von Block, der einst in Schanghai gelebt hat, zeigt die atemberaubende Dokumentation „The China-Hustle“, die im März herausgekommen ist und vom Wirtschaftsmagazin Forbes mit dem Ehrentitel „Wichtigster Film des Jahres“ belegt wurde. Blocks jüngsten Angriff auf den Bildungsanbieter TAL aus China enthält dieser nicht – filmreif dürfte dieser dennoch sein, so viel ist sicher.

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