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Quartalsberichte : Warum die Chefs Unrecht haben

Trump unter Topmanagern: Ginni Rometti (IBM), Indra Nooyi (Pepsi), Stephen Schwarzman (Blackstone), Donald Trump und Mary Barra (General Motors) im Februar 2017. Bild: AP

Quartalsberichte sorgen für Kurzfrist-Denke – so heißt der Vorwurf. Jetzt will der amerikanische Präsident Trump die vierteljährliche Meldepflicht abschaffen lassen. Doch die Kritik geht fehl.

          So lange es Quartalsberichte gibt, so lange ärgern sich Topmanager über sie. Ständig werfen sie den Aktionären vor, dass sie zu kurzfristig handelten – und an den Quartalsberichten kristallisiert sich die Kritik. Sie führten dazu, dass Manager zu kurzfristig dächten und die Aktienkurse zu unstet seien.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon als Porsche noch ein eigenständiges Unternehmen war, weigerte sich der damalige Vorstandsvorsitzende Wendelin Wiedeking, Quartalsberichte auszugeben – lieber verließ er den Börsenindex M-Dax. Wiedeking scheiterte einige Jahre später, als er mit einem gewagten Finanzmanöver versuchte, den viel größeren Volkswagen-Konzern zu kaufen. Stattdessen wurde dann Porsche von Volkswagen gekauft. Auch Tesla-Chef Elon Musk denkt darüber nach, das Unternehmen von der Börse zu nehmen, um nicht dem ständigen Druck der Aktionäre ausgesetzt zu sein. Das zeigt schon: Es sind vor allem die besonders von sich überzeugten Topmanager, die sich für besser halten als ihre Aktionäre.

          Jetzt hat die Klage der Topmanager Gehör gefunden, und zwar bei Donald Trump. Der war mal einer von Ihnen. Jetzt twittert er: Er habe von den Firmenchefs gehört, sie ärgerten sich besonders über die Quartalsberichte. Die Börsenaufsicht SEC solle nun eine Abschaffung prüfen. Unternehmen würden dann ihre Geschäftszahlen nur noch jedes halbe Jahr vorlegen müssen.

          Warum Quartalsberichte nicht so schlecht sind

          Geprüft haben das aber schon andere. Studien über die Wirkung von Quartalszahlen gibt es schon lange, und sie fallen ganz anders aus, als die Unternehmensmanager das oft dahinsagen.

          Der erste Vorwurf lautet, Quartalsberichte würden zu zittrigen Kursen führen, die Achterbahnfahrten an der Börse beschleunigen. Doch wer genau hinguckt, sieht: Es sind die Zeiten ohne Quartalsberichte, in denen die Kurse zittrig werden. Jedes Vierteljahr vor Apples Quartalszahlen kommen Gerüchte über den Absatz des iPhone, bis die tatsächlichen Geschäftszahlen wieder alle Investoren mit echten Nachrichten versorgen. Bei Tesla versuchen Analysten immer wieder abzuschätzen, wie schlecht es genau um das Unternehmen steht. Gerüchte überschlagen sich, so lange, bis Elon Musk wieder die amtlichen Zahlen nennt. Ohne Quartalsberichte würde die Gerüchtephase nur länger dauern, die Faktenzeit würde verkürzt.

          Das haben Wissenschaftler auch systematisch nachgewiesen. Forscher der Universität von Pennsylvania und der London Business School verglichen die Börsenbewegungen in Ländern mit Quartalsberichten mit denen, in denen die Behörden nur Halbjahresberichte fordern. Ihr Ergebnis: Wenn es nur Halbjahresberichte gibt, versuchen die Investoren tatsächlich, anhand von anderen Signalen den Geschäftsverlauf der Unternehmen zu erraten. Oft sehen sie zu schwarz oder werden zu optimistisch – und wenn dann die tatsächlichen Zahlen kommen, erzittern die Börsen umso heftiger.

          Warum Quartalsberichte nicht zu Kurzfrist-Denken führen

          Wenn Quartalsberichte auch die Börsen beruhigen, dann sorgen sie doch für Kurzfrist-Denken in den Unternehmen – so lautet der andere große Vorwurf. Der Vorstandschef des Konsumgüter-Konzerns Unilever hat im Januar begründet, warum er für sein Unternehmen die Quartalszahlen gestoppt hat. Er sagt, als Chef müsse man sich zu viel auf die kurzfristigen Zahlen konzentrieren und hätte zu wenig Zeit für die langfristigen Überlegungen. Dann begründet er lange, dass es manchmal besser sei, wenn man den anderen nicht zu genaue Informationen gibt. Schließlich zitiert er eine amerikanische Studie, die sagt: Wenn Unternehmen häufiger berichten müssen, investieren sie weniger.

          Doch diese Studie hat den Zeitraum von 1950 bis 1970 untersucht. Seitdem haben sich die Finanzmärkte deutlich verändert. Eine aktuellere Studie europäischer Unternehmen aus den Jahren 2007 bis 2014 stellt fest: Quartalsberichte hatten überhaupt keine Auswirkungen darauf, wie viel die Unternehmen investierten.

          Schließlich weiß jeder, der die Aktienkurse von Tesla, Facebook oder Amazon kennt: Investoren haben überhaupt kein Problem damit, in der Hoffnung auf langfristigen Erfolg viel Geld zu investieren – wenn die Manager sie nur davon überzeugen können, dass die Investition tatsächlich Erfolg verspricht.

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