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Singapurs Rolle in Südostasien : Auf gute Nachbarschaft

Neu im Amt: Halimah Yacob (Mitte) ist Singapurs erste Präsidentin. Bild: AP

Singapurs Wirtschaft lebt von dem verschiedenen Ethnien und der Offenheit im Land. Große Initiativen mit den Nachbarländern könnten die Kurse noch treiben.

          Singapur hat mit Halimah Yacob eine neue Präsidentin, und sie ist Malaiin. Das ist in der Bevölkerung nicht unumstritten, geht aber auf eine Regelung zurück, nach der die vier Ethnien der Stadt – Chinesen, Malaien, Inder und Eurasier – alle in einem bestimmten Abstand einen Präsidenten stellen dürfen. Für einen Nichtchinesen als Ministerpräsident indes sei der reiche Stadtstaat noch nicht reif, hört man zumindest von der seit der Staatsgründung regierenden Partei. Obwohl mit dem weltweit anerkannten Finanzfachmann, Chairman der Staatengruppe der 30 (Group of Thirty), und Stellvertretenden Ministerpräsidenten, Tharman Shanmugaratnam, zumindest ein fähiger Mann zu erkennen wäre.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Dabei ist die ethnische Vielfalt einer der Trümpfe, die die Tropeninsel zu bieten hat. Denn überleben kann sie nur, wenn sie offen bleibt für die Nachbarländer, sich weiterhin als Scharnier zwischen dem indischen Subkontinent auf der einen, Nordasien mit Japan und China auf der anderen begreift. Gerade mit Peking aber gab es in der Vergangenheit Differenzen, da die Chinesen den Singapurern zu große Nähe zu den Amerikanern vorwerfen. Diese zeige sich bis hinein in die Gespräche über Chinas Vordringen im Südchinesischen Meer, wo Singapur keine Unterstützung der Haltung Pekings hatte erkennen lassen.

          Am Tiefpunkt der Beziehung zwischen Festlandchinesen und Auslandchinesen hatte Peking Singapurs Schützenpanzer in Hongkong festsetzen lassen, die auf dem Rückweg von einem Manöver in Taiwan waren. Auch war Singapur nicht zum Gipfel „Ein Gürtel – eine Straße“ (Obor) eingeladen, bei dem es um Hunderte Milliarden von Dollar aus China für die Entwicklung der Infrastruktur der Region ging. Eine Blamage.

          Singapur soll zum „Tower“ der Region werden

          Nun aber hat der Singapurer Ministerpräsident Peking besucht und ist in den heiligen Hallen dort ehrenhaft empfangen worden. Man sicherte sich vollstes Einvernehmen zu. Im Anschluss sprach Lee davon, dass Singapur seine einzigartige Identität eines multiethnischen Landes erhalten müsse, auch wenn es eine kulturelle Nähe zu China verspüre. 76 Prozent der Bewohner Singapurs sind ethnische Chinesen.

          Singapurs Wirtschaft kann ohne die Offenheit der Insel nicht leben. Rund ein Viertel der an der Börse des Stadtstaates notierten Unternehmen machen mindestens ein Fünftel ihres Umsatzes in der Region Südostasien. Damit wächst Singapur in seinen Anspruch hinein, „Tower“ der Region zu werden – hier sollen die Führungsetagen internationaler Unternehmen sitzen, hier sollen gut bezahlte Manager leben, Steuern zahlen, ihre Kinder auf internationale Schulen und Universitäten schicken, Wohnungen kaufen, Krankenhäuser besuchen.

          Da Asien – wenn auch manchmal auf holprigem Wege – immer enger zusammenrückt, spricht vieles dafür, dass die regional tätigen Unternehmen prosperieren werden. Die 192 Aktien von Unternehmen, die mindestens 20 Prozent ihres Umsatzes regional machen, empfahl gerade die Börse: Sie böten Investoren die Chance, breit gestreut auch über verschiedene Branchen zu investieren. Die gemessen an der Marktkapitalisierung 20 größten dieser Aktien hätten Anlegern seit Jahresbeginn einen Gewinn von 13 Prozent beschert, errechnete die Börse. Insgesamt wiesen 13 der 20 Regionalpapiere Gewinne aus. Einige davon waren beträchtlich: Straits Trading Company kommt auf einen Kursgewinn von 28 Prozent, Jardine Strategic Holdings auf 26 und Keppel Infrastructure Trust bietet 23 Prozent.

          Doch es könnte noch besser kommen. Denn der Bericht erklärt, dass Singapur als Banken- und Finanzplatz für China und die zehn südostasiatischen Länder (Asean) „eine bedeutende Rolle bei der Obor-Initiative“ spielen werde. Die Citibank sekundiert, zumindest was Chancen angeht: „Wir sehen mehr und mehr multinationale Kunden von der Obor-Initiative profitieren, insbesondere Firmen im Industriesektor“, sagte Christine Lam, die China-Chefin der amerikanischen Bank.

          Orientierung an großen Investoren

          Die Suche nach neuen Chancen und Investitionsthemen tut not: Denn zum einen pendeln Asiens Märkte derzeit in Abhängigkeit der Weltpolitik, der Entwicklung Chinas und der amerikanischen Zinswende unentschieden. Zum anderen haben sie schon hohe Stände erreicht. Zwar hat der Straits Times Index (STI) seit Jahresbeginn 12 Prozent gutgemacht, unter Einschluss der Dividenden waren es 14,8 Prozent. Doch fallen in diesem Jahr die Dividenden auf die Aktien im STI um weitere 3,6 Prozent auf nur noch 15,9 Milliarden Singapur Dollar (9,9 Milliarden Euro) im Vergleich zum vergangenen Jahr. Zurückhaltung üben Starhub, Singapore Press Holding und Keppel Corp.

          Ihre Aktionäre bedenken dagegen der Immobilienkonzern Capitaland, die Bank DBS und Ascendas Real Estate Investment Trust. Immobilien und Einzelhandel legen bei der Ausschüttung zu, Öl und Gas, Medien und Nahrung und Getränke hingegen haben solche gestrichen. Allerdings ist der nun erwartete Wert so schlecht nicht: In den sechs Jahren seit 2012 lagen nur 2015 (16,2 Milliarden Singapur Dollar Ausschüttung) und 2016 (16,3) darüber.

          Angesichts der unentschiedenen Richtung mag der Blick auf Käufe jener lohnen, die wissen sollten, was läuft. So hat der Miteigentümer von Delfi, die australische Commonwealth Bank, ihren Anteil am Schokoladenhersteller angesichts dessen Kursschwäche deutlich erhöht. Auch sie spielt damit die panasiatische Karte: Delfi produziert und vertreibt seine eigenen Marken in 17 Ländern, einschließlich Singapurs Nachbarn Indonesien, Malaysia, den Philippinen und Thailand.

          Quelle: F.A.Z.

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