http://www.faz.net/-gv6-94aiq

Medizintechnik in den Dax? : Siemens bereitet seine Perle für die Börse vor

Begehrte Hochtechnologie: Computertomograph der Siemens-Medizintechnik aus dem Werk Forchheim Bild: Bloomberg

Siemens will seine Medizintechnik in Frankfurt, nicht in New York an die Börse bringen. Damit wird sie gleich zum Dax-Kandidaten. Es wird wohl einer der größten Börsengänge in Deutschland sein.

          Der erste Schritt für einen der größten Börsengänge in Deutschland ist getan. Viele weitere aber müssen noch folgen, bis Siemens’ Medizintechnik-Sparte tatsächlich in die Teil-Unabhängigkeit entlassen und an der Frankfurter Wertpapierbörse gehandelt werden wird. Die Entscheidung zugunsten des deutschen Finanzplatzes hat der Aufsichtsrat des Münchner Technologiekonzerns am Mittwoch getroffen: Dem Vernehmen nach ist die vor fast drei Jahren ausgegliederte Gesellschaft in Siemens Healthineers AG umfirmiert worden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Es wird einer der größten Börsengänge, wenn nicht gar die größte Aktienplazierung sein, die es jemals in Deutschland gab. Selbstverständlich ist die Ortswahl nicht gewesen. Denn als Option stand auch ein Börsengang in New York im Raum. Schließlich ist Nordamerika der größte Medizintechnik-Markt, und an der Börse in der Wall Street finden sich alle relevanten Wettbewerber der Deutschen.

          Der Wert von Siemens Healthcare wird auf rund 40 Milliarden Euro geschätzt. Wie zu hören ist, sollen zunächst bis zu 25 Prozent der Medizintechnik-Aktien über die Frankfurter Börse verkauft werden. Ein Teil dieser Aktien kommt aus dem Altbesitz von Siemens, der andere Teil aus einer Kapitalerhöhung, um dem neuen Unternehmen notwendige finanzielle Mittel für die Expansion zur Verfügung zu stellen. Damit könnte ein Volumen in einer Größenordnung von 10 Milliarden Euro oder sogar mehr auf die Börse zukommen. Bislang hat die Deutsche Telekom mit ihrer ersten Tranche über rund 10,2 Milliarden Euro im November 1996 die Liste der größten Börsengänge angeführt; mit der dritten Tranche im Juni 2000 aber ein noch höheres Volumen von 15 Milliarden Euro untergebracht.

          Unverändert hält Siemens an dem Ziel fest, das Börsendebüt der Medizintechnik im ersten Halbjahr 2018 über die Bühne zu bringen. Es gibt interne Stimmen, die diese Zeitleiste für sehr ambitioniert halten – angesichts der gewaltigen Vorbereitungen für den Börsengang und der deutlichen Verzögerungen in der Vergangenheit (F.A.Z. vom 2. November). Ursprünglich war die Transaktion für das Jahr 2017 vorgesehen gewesen. Und immer wieder stößt man im Konzern auf den Hinweis, dass man ja nicht unter Zeitdruck stehe, Sorgfalt Vorrang vor Termin habe. Denn Fehler dürfen nicht gemacht werden, da sich Siemens sonst Optionen für weitere Aktienplazierungen verschließen könnte.

          Sollte Siemens Healthineers den Weg auf das Börsenparkett geschafft haben, wird die Medizintechnik sofort zum Kandidaten für den Dax, selbst wenn „nur“ 25 Prozent gestreut sein sollten. Dann wäre Siemens als AG und als Mutterkonzern von Healthcare mit zwei Werten im deutschen Börsenoberhaus vertreten – und würde damit dem Beispiel des Gesundheitskonzerns Fresenius und seiner Tochtergesellschaft Fresenius Medical Care folgen.

          Erst im März geht es in die heiße Vorbereitungsphase

          Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Erst im Oktober – etwa ein halbes Jahr vor dem anvisierten Börsengang – sind Goldman Sachs, Deutsche Bank und JP Morgan als konsortialführende Investmentbanken bestimmt worden. Der Aufsichtsratsbeschluss von Mittwoch ist nun der zweite wichtige Schritt. Nach der bisherigen Planung soll angeblich im Januar noch vor der Siemens-Hauptversammlung Ende des Monats die Marketingmaschinerie angeworfen werden; mit Berichterstattungen über Zahlen und Strategien, Gesprächen mit Analysten sowie potentiellen Investoren. Im März müsste die heiße Phase der Börsenvorbereitungen beginnen.

          Mit dem 2015 in eine GmbH ausgegliederten Hersteller von medizinischer Ausrüstung wie Röntgengeräten, Computer- und Kernspintomographen sowie von Labordiagnostiksystemen bringt Siemens seinen derzeit größten Gewinnbringer an die Börse. Mit einem Umsatz von 13,8 Milliarden Euro steuerte die Sparte im Geschäftsjahr 2016/2017 (30. September) absolut mit 2,5 Milliarden Euro (plus 7,1 Prozent) den mit Abstand größten Betrag zum industriellen Ergebnis bei, gefolgt von der Digitalen Fabrik mit 2,1 Milliarden Euro. Diese ist in der Ertragskraft mit einer Umsatzrendite von 18,8 Prozent noch etwas stärker als die Medizintechnik mit 18,1 Prozent.

          Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

          Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Nach Infineon (Halbleiter), Epcos (elektronische Bauelemente) und Osram (Lichttechnik) öffnet Siemens eine vierte Aktivität dem Anlegerpublikum. Anders als die drei ersten steht die Medizintechnik indes für eine neue Strategie des Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser. Der baut das Unternehmen derzeit zu einer operativen Holding um und will so einzelnen Divisionen durch mehr selbständiges Agieren Schnelligkeit und Flexibilität verleihen. Bislang misslungen ist dies allerdings in der Fusion der Windenergiegeschäfte mit der spanischen Gamesa zur Siemens Gamesa Renewable Energy, die im April erfolgte und sich seitdem im Börsenwert mehr als halbierte. Ein Börsenmodell verfolgt Kaeser auch mit dem angekündigten Zusammenschluss in der Bahntechnik mit dem ehemaligen Konkurrenten Alstom aus Frankreich. An Siemens Gamesa halten die Deutschen die Mehrheit von 59 Prozent; in der deutsch-französischen Zug-Kooperation sollen sie 50,8 Prozent an der in Paris gehandelten Gesellschaft halten.

          Mit dem zunächst noch viel höheren Besitzanteil an der Medizintechnik will Siemens signalisieren, wie wichtig Healthcare auch nach dem Börsengang für den Konzern bleibt und dass man an ihr festhalten will. Dennoch liegt ein weiterer Abbau der Beteiligung zu einem späteren Zeitpunkt in mehreren, für die Börse verdaulichen Tranchen nahe. Zurzeit ist die Medizintechnik für den Siemens-Konzern nicht nur als Gewinnbringer und als Kompensator für die aufziehenden schwierigen Zeiten in der Energietechnik, in der 6900 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen – davon die Hälfte in Deutschland –, zu wichtig. Die Division ist mit einem freien Mittelzufluss von 2,2 Milliarden Euro auch der mit Abstand wichtigste Finanzierer im Konzern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Dicke Brocken für die Deutsche Börse

          Aktien : Dicke Brocken für die Deutsche Börse

          2018 bereiten so viele Unternehmen Börsengänge vor wie zuletzt vor mehr als zehn Jahren. Vier wollen Aktien für einen zweistelligen Milliardenbetrag verkaufen. Das birgt auch Gefahren.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Schulz wirbt für die Groko : Das wird super, glaubt mir!

          Bevor er am Dienstagabend in Düsseldorf auf die wütende SPD-Basis trifft, wirbt Martin Schulz auf Facebook per Videoübertragung für die große Koalition. Die Reaktion der meisten fällt eindeutig aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.