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Schlauer anlegen? : „Faktor-Investing“ wird immer beliebter

Die Aktie von iRobot ist bei nach dem Momentum-Faktor anlegenden Investoren derzeit sehr beliebt. Bild: AFP

Klassische Entscheidungen wie Deutschland oder Amerika oder Biotech gegen Chemie sind out. In ist das Anlegen nach Stil: Geringe Kursschwankungen, Trend oder Ertrag.

          Investieren in Investmentfonds ist spätestens seit der Finanzkrise im tiefgreifenden Wandel. Die Konkurrenz billiger, passiv gemanagter börsengehandelter Indexfonds (ETFs) setzt aktiv verwaltete Fonds unter Druck.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber auch das Investieren selbst hat sich verändert. Denn gerade in der Finanzkrise waren die Anleger mit den Ergebnissen nicht sehr zufrieden, die Schema-F-Produkte wie „Aktien Deutschland“ oder „Renten Amerika“ brachten.

          Eine der Antworten der Branche, seien es nun Fondsgesellschaften oder ETF-Anbieter, darauf war das „Faktor-Investing“. Kaum eine Anlageklasse hat in den vergangenen sechs Jahren einen solchen Zuspruch erlebt. Auf mittlerweile knapp 2 Billionen Dollar beziffert der größte unabhängige Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, das verwaltete Vermögen – bis 2022 sollen es 3,4 Billionen sein. Das ist ein jährliches Wachstum von elf Prozent und damit deutlich mehr als das der Fondsvermögen insgesamt.

          Andrew Ang leitet bei Blackrock seit 2015 die Abteilung Faktor-Investing. Davor war er Professor an der Columbia Business School und seit eh und je mit der Strategie beschäftigt, die 2014 Niederschlag in einem 736 Seiten starken Buch fand. Ang erklärt „Faktor-Investing“ ganz einfach: „Faktoren sind die entscheidenden Renditetreiber, die langfristig innerhalb der Anlageklassen und über sie hinaus Erträge bringen.“

          Dazu zählten einmal über die Anlageklassen hinweg sogenannte Makro-Faktoren, mit denen Risiken entlohnt werden: Wachstums- oder Zinsänderungsrisiken genauso wie das Risiko, dass Anleihen nicht zurückgezahlt werden. Oder auch das Risiko illiquider Anlagen, das sich vor allem in Krisenzeiten manifestiert, wenn Anleger nicht schnell genug aussteigen können.

          Für den aktuellen Trend bedeutender sind allerdings die Stil-Faktoren, die zumeist gemeint sind, wenn von „Faktor-Investing“ die Rede ist. Das hat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass der neue Ansatz bislang im Wesentlichen auf Aktien angewendet wird. Zu den Stil-Faktoren gehört etwa das Momentum, also das Folgen von Kurstrends oder auch die Bevorzugung von Aktien mit geringeren Kursschwankungen. Bei all diesen Faktoren habe sich gezeigt, dass sie langfristig die besseren Anlageergebnisse brächten.

          Ang unterscheidet drei Gruppen von Fonds, die „Faktor-Investing“ betreiben. Bekannt als Gruppe sind die sogenannten „Smart Beta“-Fonds, zumeist ETFs. Ihr Ansatz sei es, in einem Portfolio für höhere Erträge oder geringere Risiken gegenüber ETFs zu sorgen, die hergebrachte Indizes abbilden – alternativ auch einfach nur teure, schlecht laufende herkömmliche Fonds zu ersetzen. Sie setzen zumeist nur auf einen Faktor, das macht sie leicht verständlich.

          Der größten Beliebtheit erfreuen sich diese in den Vereinigten Staaten: Die Hälfte des nach dem Faktorprinzip angelegten privaten Vermögens von zuletzt 742 Milliarden Dollar steckt in „Smart Beta“-ETFs. Wie sehr es sich beim „Faktor-Investing“ noch immer um ein vor allem amerikanisches und institutionelles Prinzip handelt, belegen andere Zahlen. Mehr als eine Billion Dollar entfallen auf institutionelle Anleger und nur 155 Milliarden auf Privatvermögen außerhalb Amerikas.

          Ersatz für schlechte Fonds

          Institutionelle Investoren setzen stärker auf die zweite Gruppe von Faktor-Fonds, die Ang als „proprietär“ bezeichnet: Aktiv verwaltete Fonds, die einem eigenen Ansatz und selbst gewonnenen Erkenntnissen folgen und in der Regel auf mehrere Faktoren setzen.

          Die mit einem Anteil von zehn Prozent kleinste Gruppe nennt Ang „verstärkte“ (enhanced) Faktoren. Hierbei handelt es sich zum großen Teil um hedgefondsähnliche Strategien mit illustren Namen wie „Risikoparität“ oder „Stilprämien“, die oft mit Einsatz von Fremdkapital arbeiten und das Ziel verfolgen, losgelöst von aktuellen Marktentwicklungen Erträge zu erwirtschaften und daher versuchen, aus allen Faktoren gleichzeitig Ertrag zu schöpfen.

          Aktiv? Passiv? Der nutzlose Unterschied

          „Faktor-Investing“ ist also eine Strategie sowohl für aktives als auch passives Investieren. Ang hält diese Unterscheidung indes nicht für hilfreich. Im Grunde sei doch jedes Abweichen eines ETFs vom Nachbilden eines traditionellen, nach Marktwert gewichteten Index schon aktives Management und jede Entscheidung für einen bestimmten ETF schon aktives Anlegen.

          Jede Erkenntnis über das Funktionieren der Finanzmärkte verlange auch von einem ETF-Anbieter Entscheidungen über die Konstruktion. „Viel nützlicher ist doch die Fragestellung: Wie passt ein Produkt in ein Portfolio?“, sagt Ang. „Wie passt ein Produkt zu meinen persönlichen Ansichten und Einstellungen über das Investieren? Es ist für viele Investoren noch eine lange Reise bis ins ,Faktor-Nirwana‘.“

          Nachdem „Faktor-Investing“ bislang vor allem bei Aktien stattfindet, will Blackrock den Ansatz künftig auf Anleihen und Währungen ausdehnen. Ganz so einfach sei das allerdings nicht, meint Ang. Zum einen fehle es an den frei verfügbaren Daten, weil Anleihen eher weniger an zentralisierten, öffentlichen Börsen gehandelt werden.

          Zum anderen sei auch die wissenschaftliche Literatur über die Renditefaktoren von Anleihen vergleichsweise dünn. Und wenn man dann mal ein Modell gefunden habe, könne man es nicht immer handeln, eben weil der Handel nicht zentralisiert sei. Nicht zuletzt dank der Größe und der fast 50-jährigen Erfahrung des Hauses sei man aber hier im Vorteil.

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