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Mario Draghi Bild: EPA

EZB-Präsident : Der Herr des Geldes

Seit 2011 leitet Mario Draghi die Europäische Zentralbank. Als EZB-Chef führte er die angeschlagene Währung durch die Euro-Krise – teils mit umstrittenen Maßnahmen. Nun wird er 70 Jahre alt.

          In einem Alter, in dem die meisten anderen pensioniert sind, hat Mario Draghi eines der mächtigsten Ämter Europas inne. Der Italiener, der am Sonntag 70 Jahre alt wird, steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Als EZB-Chef ist er faktisch der Herr des Geldes und der Nullzinsen in Europa. Auf sein Drängen hin hat der Rat der Europäischen Zentralbank vor zweieinhalb Jahren mit dem massenhaften Kauf von Staatsanleihen begonnen, für 2,3 Billionen Euro bis Ende dieses Jahres. Auch 2018 geht es wohl für Hunderte Milliarden weiter.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Vor fünf Jahren, Ende Juli 2012 auf dem Höhepunkt der Euro-Krise, beruhigte Draghi die aufgewühlten, angsterfüllten Märkte mit der legendären Whatever-it-takes-Rede: Er werde tun (innerhalb des Mandats), was auch immer nötig sei, und koste es, was es wolle, um den Euro zu retten, sagte er in London. Investoren und Banker feierten „Super Mario“. Kritiker sagen indes, dass er nicht nur bis an den Rand des EZB-Mandats gegangen ist, sondern darüber hinaus. Erst kürzlich fragte das Bundesverfassungsgericht, ob die EZB-Staatsanleihekäufe nicht faktisch verbotene Staatsfinanzierung seien. Dafür sprächen „gewichtige Gründe“. Der EZB-Chef ließ das abperlen. Der Staatspapierekauf läuft weiter. Draghi ist sehr selbstsicher. Auch auf dem jüngsten Treffen der mächtigsten Notenbanker wie Fed-Chefin Janet Yellen in Jackson Hole gab es keine Andeutung über eine mögliche Verringerung der Käufe.

          Mit der deutschen öffentlichen Meinung tut sich Draghi jedoch schwer. Einmal kritisierte er eine „perverse Angst der Deutschen“ – ständig hieße es, „der Italiener“ ruiniere ihr Geld. In Südeuropa wird Draghis Kurs viel günstiger gesehen. Im 25-köpfigen EZB-Rat herrscht der rhetorisch und taktisch äußerst geschickte Ökonom fast unangefochten. Wichtige Entscheidungen spricht er mit einem kleinen Kreis von Vertrauten ab, seinem Küchenkabinett. Lediglich Bundesbankpräsident Jens Weidmann meldete kontinuierlich Bedenken an. Die große Mehrheit der EZB-Räte steht fest an Draghis Seite. Auch bei unerwarteten Attacken, etwa als eine Linksaktivistin bei einer Pressekonferenz auf seinen Tisch sprang und ihn schreiend mit Konfetti bewarft, bewahrte der stets elegant gekleidete Italiener seine Coolness.

          Der Frankfurter Römer

          Der Aufstieg zu Europas oberstem Zentralbanker war Draghi, als er 1947 in Rom das Licht der Welt erblickte, nicht vorgezeichnet, eine gewisse familiäre Vorbelastung gab es aber. Schon seit Vater war ein hoher italienischer Notenbankbeamter. Mit nur 15 Jahren verlor Draghi den Vater, die Mutter, eine Apothekerin, starb wenig später. Der junge Mann, damals Schüler an der exklusiven Jesuitenschule Massimiliano Massimo, musste die Verantwortung für die kleineren Geschwister übernehmen. Seine ökonomische und geldpolitische Prägung erhielt er als Student und Doktorand an der berühmten amerikanischen Eliteuniversität MIT, wo er von mehreren Nobelpreisträgern lernte.

          Zurück in Italien, arbeitete er einige Jahre lang als Universitätsdozent, eine gewisse professorale Art hat er bis heute. In den neunziger Jahren machte Draghi dann Karriere im Finanzministerium, wo er mithalf, Italien in den Euro zu bringen. Es folgte ein Intermezzo als Investmentbanker, bei Goldman Sachs, was später kritisch gesehen wurde, weil Goldman Sachs dabei geholfen haben soll, die Griechen mit windigen Finanzkonstruktionen in den Euro zu bringen. 2005 wurde Draghi italienischer Notenbankgouverneur.

          Aus dem freskengeschmückten Palazzo Koch der Banca d’Italia wechselte er Ende 2011 nach Frankfurt in den eher schmucklosen Euro-Turm, hat aber weiter enge Kontakte nach Rom, etwa als er indirekt am Sturz Berlusconis beteiligt war und später als möglicher italienischer Präsident im Gespräch war. Noch heute verbringt er die Wochenenden mit seiner Frau lieber im Landhaus bei Rom als in der Main-Metropole. Zwei erwachsene Kinder hat er. Sohn Giacomo arbeitet ebenfalls in der Finanzbranche, er wechselte jüngst zum Hedgefonds LRM Partners. Mario Draghi amtiert noch bis Oktober 2019 als EZB-Präsident. Schon heute laufen hinter den Kulissen Gespräche über die Nachfolge. Sowohl der Bundesbankpräsident als auch der französische Notenbankchef sind im Rennen.

          Quelle: F.A.Z.

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