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Langfristausblick Finanzmarkt : Frauen treiben das Wachstum

Arbeiten ist in Italien immer noch Männersache. Nur rund jede zweite Frau ist erwerbstätig. Bild: Reuters

Die Erwerbstätigkeit von Frauen hat in Europa Nachholpotential, findet JP Morgan mit Blick auf das kommende Jahrzehnt. Deswegen sei Europa im Vorteil. Doch für Zinspapiere rechnet die Gesellschaft mit schlechten Jahren .

          Kapitalmärkte scheinen stets kurzfristig orientiert zu sein. Doch dem hektischen Hin und Her unterliegen meist langfristige Trends. Wer langfristig investieren will, muss diese aufspüren, gleichsam wie ein Yogi, der im Alltagslärm seine innere Mitte wahrnehmen will.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Michael Feser ist kein Yogi, sondern Fondsmanager und zudem Mitglied des für Langfrist-Einschätzungen zuständigen Komitees der amerikanischen Fondsgesellschaft JP Morgan. Er gehört also zu der Gruppe derjenigen, die ein Bild davon haben sollen, wo die Reise hingeht.

          Das Jahr 2018 ist für Feser da nur ein kleiner Schritt. Sein Blick geht in die Weite und nach Europa, denn dort sehe es besser aus als noch vor Jahresfrist. „In den kommenden 15 Jahren wird Europas Potentialwachstum steigen“, sagt Feser. Eine These, die angesichts der Alterung der Gesellschaft überraschen mag.

          Rentenreform jetzt - auch ohne Gegenfinanzierung

          Feser begründet die positive Haltung mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen, die quantitativ wie qualitativ das Arbeitskräftepotential verbessern werde. Gerade europäische Länder wie Deutschland sollten die zu erwartende weiter positive Entwicklung jetzt nutzen, um ihre Alterssicherungssysteme zukunftsfähig zu machen.

          Dabei sei auch zu hinterfragen, ob man unbedingt eine Gegenfinanzierungsrechnung aufmachen müsse. „Wir rechnen damit, dass die Inflation in zehn bis 15 Jahren in Europa 1,5 Prozent erreichen wird und der Gleichgewichtszins für zehnjährige Anleihen bei drei Prozent liegt. Bei einem Wachstum von 1,5 Prozent ist die Finanzierung einer Reform aufkommensneutral möglich. Zudem gehen wir davon aus, dass die Inflation im Norden Europas höher sein wird. Darüber hinaus ergibt sich eine Übergangszeit von negativen realen Renditen.“

          Kein Ertrag aufs Sparbuch bis in die 2020er

          Für Sparer und Anleiheinhaber seien die kommenden Jahre wenig verlockend. Denn etwa drei Jahre werde der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik dauern, und weitere drei Jahre würden vergehen, bis die Zinsen von null auf 1,75 Prozent stiegen. „Das heißt, dass es real keinen Ertrag auf dem Sparbuch und am Rentenmarkt fünf, sechs schlechte Jahre geben wird.“

          Auf Sicht von 15 Jahren rechnet Feser bei Anleihen mit Laufzeiten von weniger als zehn Jahren mit einem Nominalertrag von gerade einmal 1,5 Prozent. Viel sei das sicher nicht, aber immer noch besser als Liquidität. „Nicht alle Investoren können ein höheres Risiko nehmen. Für 30-jährige Anleihen dürften sie gut einen Prozentpunkt mehr bekommen. Das ist besser als der langfristige Durchschnitt. Aber eben zu höherem Risiko.“

          Keine Begeisterung für Aktien

          Feser rät dazu, Anleihen zu kaufen, die im Vergleich zu anderen überhöhte Renditen aufweisen, etwa italienische im Vergleich zu deutschen. „Konjunkturelle Risiken werden derzeit besser entlohnt als das Risiko einer längeren Amortisationsdauer.“ Dann komme man auch ohne Aktien aus, wenngleich diese die Gesamtrendite durchaus verbessern könnten.

          Wobei sein Ausblick auf Aktien auch nicht überschäumend ist. „Die Ertragserwartungen sinken auf breiter Basis“, meint Feser. Während sich die Schwellenländer trotz Überwindung der akuten Krise der Rohstoffproduzenten etwas verhalten entwickeln sollten, werde sich der Euroraum vergleichsweise stabil halten – nicht zuletzt wegen der verstärkten Erwerbstätigkeit von Frauen.

          Daher sieht Feser den Euro längerfristig bei 1,34 Dollar. Von der Trump-Administration erwartet er keine nachhaltigen Impulse. „Gesamtwirtschaftlich ist wenig zu erwarten. Viel eher wird es zu einer Umverteilung zugunsten der eigenen Klientel kommen.“

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