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Kapitalmarkt : Bundesanleihen werden zu einem knappen Gut

Neuer Herr der Anleihen: Der designierte Bundesfinanzminister Olaf Scholz Bild: dpa

Der künftige Finanzminister Scholz hat es mit einem neuen Phänomen zu tun: Dem Markt gehen die Bundesanleihen aus. Daran ist die EZB schuld. Und das Problem könnte noch an Schärfe gewinnen.

          Am Markt ist der künftige Bundesfinanzminister Olaf Scholz nicht durchgefallen. Am Mittwochvormittag wurde bekannt, dass der Regierende Bürgermeister von Hamburg der wichtigste SPD-Vertreter in der Neuauflage der großen Koalition wird, denn er wird zugleich auch Vizekanzler. Um darauf zu reagieren, hätten die Investoren auf der Auktion zur erstmaligen Aufstockung der zehnjährigen Bundesanleihe beste Gelegenheit gehabt.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch das Angebot von 3 Milliarden Euro wurde mit knapp 3,8 Milliarden Euro nachgefragt. Das ist ein zufriedenstellendes Ergebnis. Die Durchschnittsrendite stellte sich auf 0,69 Prozent. In den Tagen zuvor war der Referenzzins des Euroraums sogar in Richtung 0,8 Prozent geklettert. Der Renditerückgang ist bei Anleihen mit Kursgewinnen verbunden. Dass Bundesanleihen hoch im Kurs stehen, hat aber andere Gründe, wie die DZ-Bank-Analysten Daniel Lenz und Sebastian Fellechner in einer dieser Zeitung vorab vorliegenden Studie schreiben.

          Die Bundesanleihen sind durch das Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) zu einem knappen Gut geworden. Dieser Engpass wird dadurch verschärft, weil der Bund immer weniger Bundesanleihen emittiert, um seinen Haushalt zu finanzieren. Wurden im Jahr 2010 noch mehr als 200 Milliarden Euro (ohne inflationsindexierte Anleihen) emittiert, werden es in diesem Jahr 147 Milliarden Euro sein.

          Die beiden DZ-Bank-Analysten Lenz und Fellechner führen das geringere Angebot an neuen Bundesanleihen auf die gute Lage des Bundeshaushalts zurück. Doch wesentlich mehr trägt das Anleihekaufprogramm der EZB zur Verknappung bei. Sie und die ihr angeschlossenen Notenbanken haben bislang deutsche Bundes- und Länderanleihen sowie Schuldtitel von staatsnahen Emittenten wie zum Beispiel der Förderbank KFW im Volumen von 459 Milliarden Euro gekauft. Bis zum Ende des noch bis zum 30. September laufenden Programms dürften nach Schätzung von Lenz und Fellechner noch weitere 61 Milliarden Euro hinzukommen.

          Wichtigster Käufer im Auftrag der EZB ist die Bundesbank

          Den aktuellen Anteil der EZB am Bundesanleihemarkt schätzen die DZ-Bank-Analysten auf fast 25 Prozent. Bei kaum einem anderen Euroland halte die EZB und die ihr angeschlossenen Notenbanken einen vergleichbar hohen Anteil der ausstehenden Staatsanleihen. Die EZB hat sich die Grenze gesetzt, nicht mehr als ein Drittel des Bestandes an Staatsanleihen, die sie als kaufbar einstuft, zu erwerben. Der wichtigste Käufer von Bundesanleihen im Auftrag der EZB ist die Bundesbank. Deren Vorstandsmitglied Joachim Wuermeling wies am Dienstagabend in einer Rede in Stuttgart Bedenken zurück, wonach die Bundesbank in ihren Käufen schon bald an Grenzen stoßen könnte. Die Bundesbank sehe keine operativen Hürden, ihre Käufe bis zum Ende des Programms zu tätigen.

          Die DZ-Bank-Analysten erwarten aber auch nach Ende des Programms keine Entspannung. Denn die EZB will die fällig werdenden Bundesanleihen samt Zinszahlungen wieder anlegen. Das Knappheitsproblem der Bundesanleihen könne sich auch in einem Anstieg des allgemeinen Renditeniveaus weiter verschärfen, warnen Lenz und Fellechner. Denn dann könnten Vermögensverwalter und Versicherer als zusätzliche Nachfrager in den Markt zurückkehren und in Konkurrenz zur EZB treten.

          Schon heute seien Bundesanleihen wenig liquide und die Handelsumsätze niedrig. Das Kaufprogramm der EZB erfolge im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern preisunelastisch. Das bedeutet: Die Titel werden unabhängig vom Kursniveau erworben. Das verzerre die Renditen nach unten. Die Risikoprämien entsprechen also nicht der tatsächlichen Lage. Da die Knappheit der Bundesanleihen auf absehbare Zeit nicht nachlassen werde, befürchten die DZ-Bank-Analysten auch Auswirkungen auf einen allgemeinen konjunkturell bedingten Renditeanstieg. Dieser könne zwar nicht aufgehalten, aber merklich verlangsamt werden, so Lenz und Fellechner.

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