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Deflationsbekämpfung : Auch Japaner suchen Schnäppchen

Immer gut besucht: die Uniqlo-Filiale in Peking Bild: AP

Die Bank von Japan und die Regierung in Tokio versuchen, dem Land höhere Preise und regelmäßige Preissteigerungen anzuerziehen. Doch die Japaner wollen sich an diese verkehrte Welt nicht gewöhnen.

          Nach Jahrzehnten der niedrigen Inflation und teils der Deflation ist Japan zu einem Land der wirtschaftspolitischen Absonderlichkeit geworden. Regierung und Notenbank sind weitgehend darauf fixiert, die Inflationsrate in die Höhe zu treiben, anstatt das Preisniveau stabil zu halten. Der Gouverneur der Bank von Japan, Haruhiko Kuroda, beschwört bei jeder Gelegenheit das Inflationsziel von 2 Prozent. Mit einer Inflationsrate von zuletzt 0,5 Prozent ist Japan davon noch weit entfernt. Steigende Preise werden so gelegentlich zelebriert als ob das Wohl und Wehe des gesamten Landes davon abhängt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Als etwa der Marktführer bei den Paketdiensten, Yamato Transport, im Frühjahr ankündigte, zum ersten Mal seit 1990 die Preise für Individualkunden anzuheben, galt das vielfach als Signal, dass Japan sich auf dem Weg der Besserung befinde. Yamato reagierte auf die Engpässe am Arbeitsmarkt, die viele Unternehmen in den Wettbewerb um Arbeitskräfte zwingt. Immerhin 27,5 Prozent der Unternehmen sagten in einer Umfrage der Wirtschaftszeitung Nikkei im Juni, dass sie darüber nachdächten, wegen steigender Lohn- und anderer Kosten die Preise ihrer Produkte anzuheben.

          Preise in den Abendnachrichten

          Aus Sicht der Verbraucher, die nach Jahren knapper Lohnzuwächse die Yen zusammenhalten, ist das eine verkehrte Welt. Wie überall auf der Welt streben auch die japanischen Haushalte danach, gute Waren preisgünstig einkaufen zu können. In den Abendnachrichten kann es so schon einmal zu einem der wichtigsten Themen werden, dass nach wochenlangen Regenfällen die Preise für Gemüse und andere frische Lebensmittel deutlich steigen.

          Wie sehr auch die gewöhnlichen Japaner der wirtschaftlichen Logik folgen, dass höhere Preise im Regelfall Kunden vergraulen, demonstrierte jetzt ungewollt das Einzelhandelsunternehmen Fast Retailing bei der Vorlage der Verkaufszahlen für das im August abgeschlossene Geschäftsjahr. Fast Retailing ist mit seiner Bekleidungskette Uniqlo auch im Ausland bekannt. 2014 und 2015 hatte das Unternehmen unter dem wohlwollenden Auge der Regierung seine Preise in Japan um 5 und 10 Prozent angehoben, damit die Preise einen „fairen Wert“ anzeigten und Zulieferer nicht ausgequetscht würden. Unter anderem wollte Uniqlo damit höhere Kosten durch den schwächeren Yen ausgleichen.

          Doch die Kunden folgten dieser Logik nicht und kamen nicht mehr. Die Zahl der Kunden in den japanischen Uniqlo-Geschäften ging drastisch zurück. Vor mehr als einem Jahr korrigierte Uniqlo seine Strategie und senkte die Preise wieder. In der Folge besuchten wieder mehr Kunden die Geschäfte in Japan und erstmals seit 2013 meldete Uniqlo für das vergangene Geschäftsjahr eine steigende Kundenzahl. Je bestehendem Geschäft stieg die Zahl der Kunden um 2,9 Prozent und der Umsatz um 1,1 Prozent. Für Uniqlo ist dabei allein betrüblich, dass der Umsatz je Kunden sank.

          Die gesamtwirtschaftlich wichtigere Lehre aber ist, dass die japanischen Haushalte im Gegensatz zur Notenbank und zur Regierung niedrigere Preise mögen. Dennoch wird Kuroda weiter verkünden, dass Japan mehr Inflation brauche.

          Quelle: FAZ.NET

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