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Ingo Schulze. Bild: Rainer Wohlfahrt

Schriftsteller Ingo Schulze : „Der Aktienmarkt ist pure Zockerei“

Der Schriftsteller Ingo Schulze lehnt den Kapitalismus ab, verachtet Leute mit festem Einkommen und lobt das freie Unternehmertum.

          Herr Schulze, wir sitzen hier in Frankfurt und schauen auf Bankentürme. Was sehen Sie?

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mir gefallen Hochhäuser, auf so eine Skyline sieht man ja eigentlich gern. Was da drin geschieht, ist was anderes. Aber um es gleich zu sagen: Ich habe auch ein Girokonto.

          Und Sie bekommen keine Zinsen. Dafür verantwortlich sind diejenigen, die hier in Frankfurt im Turm der Europäischen Zentralbank sitzen.

          Das ist eine Enteignung der Sparer und haarsträubend, dass für die Folgen der Finanzkrise der Steuerzahler in Haftung genommen wird. Mich hat es fasziniert, wie schnell Banken in der Finanzkrise verstaatlicht werden konnten. Das waren lehrreiche Präzedenzfälle. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Verhältnisse seit 2008 grundlegend verändert hätten. Jetzt profitieren nur diejenigen, die viel Geld haben und sich mit Aktien auskennen. Die Umverteilung geht weiter.

          Werden Sie von Ihrer Bank nicht beraten?

          Die nette Dame, die mich betreut, hat eine Verpflichtung, mich alle paar Monate anzurufen, um mir etwas anzubieten. Aber wenn man von Vorschüssen lebt, ist man nicht besonders interessant. Selbst wenn ich wollte, hätte ich nichts. Früher hatte ich ihr mal gesagt: Sie können Ihren Chefs gerne sagen, dass Sie mich angerufen haben, ich sei stur und nicht zu überreden. Ich finde es grundsätzlich eine merkwürdige Einrichtung, wenn man sagt, man lasse sein Geld für sich arbeiten.

          Sparen Sie nicht?

          Ich habe eine Lebensversicherung abgeschlossen, gebe also jemandem Geld in der Hoffnung, davon später leben zu können. Ich weiß aber nicht, wie der Versicherer das Geld verdient. Das Liebste wäre mir, man bekäme eine ausreichende staatliche Rente, was als Selbständiger aber hier und jetzt schwierig ist, obwohl es gottlob die Künstlersozialversicherung gibt.

          Die Titelfigur Ihres neuen Romans „Peter Holtz“ verbrennt ihr Geld am Ende und appelliert an alle, es ihm gleichzutun. Soll das eine Provokation sein?

          Es ergibt sich aus der Logik seiner Sichtweise. Peter Holtz hat größte Schwierigkeiten, sein Geld mit Anstand wieder loszuwerden. Weil ihm das nicht gelingt und sich alle seine Versuche, mit dem Geld Gutes zu tun, ins Gegenteil kehren, will er verantwortlich handeln. Es gibt enorm viel überflüssiges Geld auf der Welt, und dieses Geld will sich ständig vermehren. Dieses Geld gibt der „Realwirtschaft“ den Takt vor, also in möglichst kurzer Zeit möglichst viel daraus zu machen. Für das tatsächliche Leben, für die Arbeitenden, die Produkte, die Umwelt und so weiter ist das die dümmste Maxime. Zudem finde ich es unanständig, wenn man auf Zinserträge weniger Steuern zahlt als jemand, der arbeitet. Warum tun wir uns das an? Was ist das für eine bescheuerte Politik!

          Warum soll es nicht im Sinne der Marktwirtschaft sein, Geld zu vermehren?

          Wenn es nur noch ums Geldverdienen geht, geht alles andere den Bach runter. Und diejenigen, die spekulieren, haben sowieso genug. Noch mehr zu kriegen, ist wie ein Sport: Wer der Drittreichste ist, will unbedingt der Zweitreichste werden.

          Wollen Sie sagen, dass es im Literaturbetrieb anders ist? Da schauen doch auch alle auf Bestsellerlisten, Verkaufsrekorde, Honorare.

          Der Vergleich hinkt etwas, da stelle ich ein Produkt her. Da muss noch jemand dafür arbeiten. Und selbst wenn der Bestseller ein Schundroman ist, hält sich der angerichtete Schaden in Grenzen. Beim Geld kann das ganz anders sein.

          Was wäre die Alternative zur Geldvermehrung?

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