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Kommentar zu Aktienmärkten : Warum Anleger einen Schritt zurücktreten sollten

Mit der Unsicherheit muss man an den Aktienmärkten leben, wenn man gute Chancen nicht verpassen will. Bild: dpa

Wenn die Kurse fallen, packt viele Privatanleger schnell die Panik. Sie sollten einmal tief durchatmen: Die Aktienbewertungen sind wieder attraktiv. Rezessionsangst ist fehl am Platze.

          Es ist natürlich schon eine ziemliche Frechheit der globalen Aktienmärkte, knapp vier Wochen vor den sehr wichtigen Zwischenwahlen für Donald Trump auf Talfahrt zu gehen. Schließlich sieht er in den Aktienindizes das wichtigste Erfolgsbarometer für seine Politik. Doch ausgerechnet nun verzeichnen die Aktienindizes rund um den Globus merkliche Rückschläge, auch die amerikanischen. Während jeder neue Kursrekord nur einem Mann zu verdanken ist, hat der Kursrückgang selbstredend andere Ursachen. „Ich denke, die Fed ist verrückt geworden“, ließ der wahlkämpfende Präsident wissen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die amerikanische Notenbank hatte vor zwei Wochen das achte Mal seit Trumps Amtsantritt die Zinsen erhöht und nähert sich so langsam einer Normalisierung der Geldpolitik. Gut 2 Prozent beträgt nun der kurzfristige Leitzins. Ein Wert, der in einer stark wachsenden Volkswirtschaft mit zunehmender Arbeitskräfteknappheit und einer Inflationsrate von mehr als 2 Prozent nicht besonders hoch erscheint.

          Ist es also wirklich die verrückte Fed, die derzeit die Angst an die Börsen zurückbringt? Sie ist es nicht. Steigende Zinsen sind in diesem Wirtschaftsumfeld völlig normal. Sie bedeuten zudem nicht automatisch das Ende des Aktienaufschwungs.

          Mit Blick auf die Weltkonjunktur mehren sich die Sorgen

          Warum fallen die Aktienkurse dann? Darüber gibt es immer nur Mutmaßungen, leider aber nie repräsentative Umfragen unter denjenigen, die gerade ihre Aktien verkaufen und so die Kurse unter Druck bringen. Entscheidend für das Auf und Ab an den Märkten ist letztlich die Weltkonjunktur. Denn an ihr hängen Umsätze und Gewinne der Unternehmen und damit die Grundlagen der Aktienbewertung.

          Mit Blick auf die Weltkonjunktur mehren sich die Sorgen. Der schöne Aufschwung, der sich gerade in seinem neunten Jahr befindet, er könnte an Kraft verlieren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut der Weltwirtschaft nur noch 3,7 Prozent Wachstum in diesem und im nächsten Jahr zu – nachdem er zuvor mit 3,9 Prozent gerechnet hatte. Mit 3,7 Prozent Wachstum könnten die Aktienmärkte sicherlich gut leben. Börsianer sind jedoch Stimmungsmenschen. Sie müssen täglich entscheiden, ob sie an eine bessere Zukunft glauben und deshalb Aktien halten oder noch zukaufen sollten oder ob sie mit einer Verschlechterung rechnen und deshalb besser verkaufen sollten. Derzeit überwiegt die Skepsis.

          Der IWF diskutiert über steigende Schulden. Schließlich ist die globale Verschuldung höher als vor der Finanzkrise – absolut wie auch relativ zur Wirtschaftskraft. Wie viel Schulden verträgt die Welt? Aktuell sorgen sich die Märkte um Italien, dessen neue Regierung dem schuldenfinanzierten Wachstum ohne Rücksicht auf Euroregeln das Wort redet. Die Quittung sind deutlich höhere Finanzierungskosten für den hochverschuldeten italienischen Staat.

          Sich nicht von aktuellen Stimmungen leiten lassen

          Diskutiert wird aber auch wieder über Griechenland und die faulen Kredite in den Büchern der dortigen Banken, über die wirtschaftlich angeschlagene Türkei, Argentinien oder Brasilien. Ebenso über die deutsche Autoindustrie: Hier wachsen mit jeder neuen CO2-Vorgabe aus der EU die Zweifel, ob sie künftig jenseits der klassischen Verbrennungmotoren noch eine Chance im Wettbewerb gegen chinesische, japanische oder amerikanische Konkurrenten hat. Die Skepsis belastet den deutschen Aktienmarkt seit Jahren.

          Das Knifflige an den Aktienmärkten ist es, zu erahnen, wann die Stimmung der Börsianer wieder dreht. Der Dax hat seit seinem Jahreshoch nun 2000 Punkte oder rund 15 Prozent eingebüßt. Reicht das als gesunde Korrektur, die zu durchaus attraktiven Bewertungen deutscher Aktien geführt hat? In Amerika beträgt die Korrektur erst 5 bis 10 Prozent. Der Zinsanstieg dort hat zu Renditen amerikanischer Staatsanleihen von knapp 3 Prozent für zwei Jahre Laufzeit geführt. Warum also jetzt das Aktienrisiko nehmen, wenn es wieder eine so sichere, durchaus attraktive Renditequelle als Alternative gibt?

          Wie immer ist es ratsam, einen Schritt zurückzutreten und sich nicht von aktuellen Stimmungen leiten zu lassen. Bis auf wenige Krisenländer scheint der weltwirtschaftliche Aufschwung intakt und breit getragen. Der Handelsstreit ist zwar ein Belastungsfaktor, wirkt sich bisher aber nur in der Nachkommastelle aus. Die Aktienbewertungen sind global nicht exorbitant hoch, in Deutschland sogar eher niedrig. Im zehnten Jahr des Aktienaufschwungs ist das beachtlich. Es ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass diese Aktienhausse bis auf wenige Ausreißer ohne große Jubelstürme und Euphorie vonstattengeht. Das ist ein gutes Zeichen.

          Wer Angst vor einer globalen Rezession hat und deshalb dem Aktienmarkt fernbleibt, der verpasst auch jeden Kursaufschwung. Das Risiko einer Rezession besteht immer. In der immer wohlhabender werdenden Welt überwiegen seit Jahrzehnten aber die steigenden Kurse deutlich. Dass punktgenaue Vorhersagen nicht möglich sind, ist Teil des Wesens von Aktien. Diese ständige Unsicherheit, die dieser Tage wieder deutlicher artikuliert wird, gilt es auszuhalten. Sie wird langfristig mit höheren Renditen entlohnt. Wer also nicht gerade eine wichtige Wahl vor der Nase hat, braucht nicht nervös zu werden.

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