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Kreditplattform „Marcus“ : Zwei Milliarden Dollar für Private

Die Investmentbank Goldman Sachs bietet seit einem Jahr auch Kredite für Privatkunden an. Damit ist man in Amerika sehr erfolgreich. Bild: Reuters

Goldman will sein Privatkundengeschäft nach Europa ausweiten. Mit der Kreditplattform Marcus will sich das Unternehmen der Digitalisierung stellen.

          Ein Jahr ist er jetzt alt, der Vorstoß von Goldman Sachs ins Privatkundengeschäft. Ausgerechnet die elitäre New Yorker Investmentbank, deren Stars später häufig Staatsmänner oder Notenbanker geworden sind, tummelt sich seither in einem Teil des Finanzbusiness, den man eher mit den Sparkassen oder Regionalbanken verbunden hätte. Doch die Sache ist erfolgreich, wie Jörg Kukies sagt, Ko-Chef von Goldman Sachs in Deutschland. In dieser Woche habe die Kreditplattform „Marcus“ gerade mit 133.000 Krediten die Grenze von zwei Milliarden Dollar Kreditvolumen überschritten. Schneller als erwartet, wie Kukies im Gespräch mit dieser Zeitung ausführte.

          Für das neue Jahr ist jetzt der Gang nach Europa fest eingeplant. „Marcus“ (mit „c“, wie der Bankgründer Marcus Goldman, der 1848 von Franken nach Amerika auswanderte) soll zunächst von London aus für den Markt in Großbritannien ausgerollt werden. Ob danach mit Frankfurt auch ein kontinentaleuropäischer Standort für das neue Goldman-Privatkundengeschäft aufgebaut wird, sei noch nicht ausgemacht: „Goldman will in den nächsten Jahren seine Präsenz auch in Frankfurt ausbauen – ob dabei auch ein solches Angebot für Privatkunden aufgebaut wird, ist noch offen“, sagte Ko-Deutschland-Chef Kukies: „Sollten wir uns irgendwann dazu entscheiden, würde ich es sehr unterstützen, dass Goldman auch in Deutschland Angebote für Privatkunden aufbaut.“

          Goldman kannibalisiert sich nicht selbst

          Der Bankmanager meint, am Beispiel des neuen Goldman-Angebots für Privatkunden könne man sehr gut erkennen, was die Herausforderung in der digitalen Revolution (die Insider reden gern von „Disruption“) für die großen und erfolgreichen Unternehmen der Alten Welt sei. Unternehmen, die mit jedem neuen und häufig billigeren digitalen Angebot ein kleines Stück ihres alten Angebots, von dem sie bislang gut lebten, kannibalisierten, würden die Digitalisierung verständlicherweise nie mit vollem Elan vorantreiben. Goldman hingegen hatte in der Alten Welt nie ein solchen Kreditmassengeschäft – und kann deshalb vielleicht sorgloser als andere zum digitalen Angriff auf die Margen blasen. „Die Disruption sorgt für Margendruck – aber in einem Geschäft, das wir bislang gar nicht betrieben haben.“

          Die These, dass die großen Spieler der Alten Welt auf einem Gebiet jeweils wegen der Kannibalisierungs-Problematik nicht so leicht die starken Spieler der Neuen Welt werden, belegt Kukies auch anhand der Fortschritte der Digitalisierung in unterschiedlichen Erdteilen. Asien beispielsweise schreite da voran, auch weil die konventionellen Banknetze dort nie so gut ausgebaut waren wie in den Vereinigten Staaten oder in Europa. „In Asien spielen Plattformen wie Alibaba oder Tencent schon eine signifikante Rolle in Bereichen wie Zahlungsverkehr, Konsumentenkredite oder Anlageverwaltung“, sagt Kukies. Aus einer Schwäche in der Alten Welt – dünne Banknetze – werde im Prozess der „Disruption“ also in der Neuen Welt eine Stärke: ein hoher Grad an digitalisierten Bankangeboten und eine hohe Affinität der Bankkunden für digitale Produkte.

          Marcus soll Kunden Kostentransparenz bieten

          Auch Ersparnisse der Privatkunden in Amerika will Goldman jetzt über die neue Plattform „Marcus“ einsammeln. Ein entsprechender Geschäftsbereich, den die Bank vom Mischkonzern General Electric übernommen hatte, wird jetzt mit dem Kreditgeschäft von „Marcus“ verschmolzen. „,Marcus‘ – das soll so etwas werden wie Goldman für jedermann“, sagt Kukies. „Wir gehen bei der Ausweitung des Geschäfts aber vorsichtig und behutsam vor, um nicht zu hohe Risiken einzugehen.“ Trotzdem soll der Geschäftsbereich in den nächsten Jahren kräftig weiterwachsen: „Wir haben die Möglichkeit, mit der Marcus-Plattform in drei Jahren auf einen Kreditbestand von 13 Milliarden Dollar zu kommen“, sagt der Bankmanager.

          Der durchschnittliche Kredit hatte bislang ein Volumen von ungefähr 15.000 Dollar. „Viele Leute in Amerika haben mit diesen Krediten ihre Kreditkartenschulden abgezahlt, für die sie zum Teil höhere Zinsen und Gebühren zahlen mussten“, sagt Kukies. „Bei ,Marcus‘ zahlen sie für Kredite zwischen 3500 und 30.000 Dollar je nach Bonität einen festen Zinssatz zwischen 6 und 23 Prozent für zwei bis sechs Jahre.“ Ein Vorteil für die Kunden sei die Transparenz bei den Kosten – gegenüber vielen Fintechs biete „Marcus“ auch den Vorteil einer stufenlosen Wahl der Laufzeit.

          Umstieg in Zeiten des technologischen Umbruchs

          „Die Kollegen von der ,Marcus‘-Plattform haben auch kulturell einen neuen Stil in die Bank gebracht“, sagt Kukies. „Das sind Leute wie von einem Fintech.“ Diese Veränderung gehe allerdings einher mit einer Technisierung auch des Investmentbankings selbst: „Im Aktienhandel ist die Digitalisierung schon sehr weit fortgeschritten, im Anleihehandel und bei den Derivaten gibt es gerade noch mal einen Schub.“ Rund ein Drittel der Mitarbeiter, die Goldman Sachs neu einstelle, seien inzwischen schon Technologen im weiteren Sinne – Informatiker, Mathematiker, Ingenieure: „Der klassische Bankkaufmann und Betriebswirt wird immer noch gesucht, verliert aber relativ gesehen an Bedeutung.“

          Kukies meint, es sei alles andere als Zufall, dass die altehrwürdige Investmentbank, gegründet im 19. Jahrhundert, ausgerechnet in Zeiten eines technologischen Umbruchs in das ihr bislang eher fremde Privatkundengeschäft einsteige. „Die Technik hilft uns, Kreditgeschäft besonders effizient und flexibel anzubieten“, sagt Kukies. „Goldman wäre früher nicht auf die Idee gekommen, flächendeckend Konsumentenkredite anzubieten und dafür zum Beispiel ein Filialnetz zu eröffnen – das ist ein Kind der technischen Disruption.“

          Quelle: F.A.Z.

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