http://www.faz.net/-gv6-9355o

General Electric : Der Absturz einer Wall-Street-Ikone

„GE“ – das Logo von General Electric: in einem Handelsraum der New Yorker Börse Bild: AP

General Electric ist in diesem Jahr das Schlusslicht im Index Dow Jones. Nach schwachen Quartalsergebnissen fürchten Börsianer eine Kürzung der Dividende – und den Rauswurf aus dem bekanntesten Aktienindex der Welt.

          Es gibt kaum ein Unternehmen, das die Geschichte der amerikanischen Wirtschaft und der Wall Street so lange geprägt hat wie General Electric (GE). Die Wurzeln des Unternehmens gehen auf den Glühbirnen-Erfinder Thomas Edison zurück, und der Konzern gehörte 1896 zu den ersten zwölf Mitgliedern des berühmten Dow-Jones-Index. In den neunziger Jahren und in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts war GE über weite Strecken das Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert der Welt. Das Konglomerat galt in diesen Jahren als Abbild der amerikanischen Konjunktur, weil es in den vielfältigsten Branchen tätig war. Die Produktpalette reichte von Kühlschränken über Kraftwerksturbinen und Flugzeugmotoren, Kernspintomographen und Fernsehserien bis hin zu Hypotheken. Das in den neunziger Jahren von Manager Jack Welch geführte Unternehmen galt zudem als Kaderschmiede für Führungskräfte. Und für die Aktionäre, zu denen viele Kleinanleger gehören, war GE lange Garant für beständig wachsende Dividenden.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          In den vergangenen zehn Jahren ist der Glanz aber zunehmend verblasst. In diesem Jahr ist GE das Schlusslicht des Dow Jones. Nachdem der Konzern vergangene Woche schwächere Quartalszahlen als erwartet beichtete und seine eigenen Gewinnprognosen für das Jahr um ein Drittel senkte, ging der Aktienkurs weiter auf Talfahrt. Der seit drei Monaten amtierende GE-Vorstandvorsitzende John Flannery hatte den im vergangenen Quartal um 10 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar gefallenen Gewinn als „gelinde gesagt nicht akzeptabel“ bezeichnet und größere Veränderungen ohne Rücksichtnahme auf „heilige Kühe“ angekündigt.

          Höchster Tagesverlust seit sechs Jahren

          Allein am Montag sackte der GE-Kurs um 6 Prozent ab. Es war der höchste Tagesverlust seit sechs Jahren. Nach weiteren Abgaben im Lauf der Woche summieren sich die Verluste seit Anfang des Jahres nun auf mehr als 34 Prozent. Der Dow Jones hat im gleichen Zeitraum um rund 20 Prozent zugelegt – am stärksten getrieben von zwei anderen Traditionskonzernen: dem Baumaschinenhersteller Caterpillar und dem Flugzeugbauer Boeing.

          GEN. ELECTRIC

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Anlass für die Kursverluste waren wachsende Befürchtungen von Analysten, dass GE die Dividende kürzen wird. Dazu kursierten Gerüchte, dass GE wegen der schwachen Entwicklung möglicherweise aus dem Dow Jones fliegen könnte. Zwar war GE in der frühen Geschichte des Index schon zweimal entfernt worden, nur um danach wieder aufgenommen zu werden. Seit 1907 war GE aber nicht mehr aus dem später auf 30 Standardwerte aufgestockten Aktienbarometer wegzudenken. Die Entscheidung über die Zusammensetzung des Marktbarometers, für die es wenig objektive Kriterien gibt, trifft ein Ausschuss des Indexanbieters S&P Dow Jones Indices. Für Unternehmen geht ein Rauswurf aus dem Dow immer mit einem Verlust der Reputation, allerdings nicht zwingend mit langfristig fallenden Aktienkursen einher.

          Komplexität des Konzerns soll verringert werden

          John Flannerys Vorgänger Jeffrey Immelt, der die Führung im Jahr 2001 übernommen hatte, hatte den Mischkonzern stark umgebaut. Unter seiner Ägide hatte sich GE von der Fernsehsparte und der Produktion von Haushaltsgeräten getrennt. Dazu wurde die Finanzsparte stark abgespeckt. Immelt führte den Konzern so zu seinen industriellen Wurzeln zurück und investierte stark in Produkte für die Stromerzeugung sowie für die Öl- und Gasförderung – zwei Märkte, die derzeit mit widrigen Umständen kämpfen. Immelt hatte auch Kostensenkungen angekündigt, die Investoren aber offensichtlich nicht weit genug gingen. Flannery will nun Firmenflugzeuge und Dienstwagen abschaffen, die Komplexität des Konzerns verringern und die Geschäftssparten besser führen. Unter anderem will GE drei seiner fünf Forschungszentren aufgeben, darunter am deutschen Standort Garching. Zusätzliche Details sollen auf einer Investorenkonferenz Mitte November bekanntgegeben werden, und weil Flannery kein Bekenntnis mehr zur bestehenden Dividende abgegeben hat, rechnen viele Analysten mit einer Kürzung. GE hatte die Dividende zuletzt Mitte 2009 in Folge der Finanzkrise gekürzt.

          Für Anleger stellt sich nun die Frage, ob es für GE, den Erzrivalen des deutschen Siemens-Konzerns, noch schlimmer kommen kann. Es ist nicht ungewöhnlich, dass neue Vorstandschefs mit schlechten Nachrichten und Umstrukturierungsplänen starten und die Schuld für schwache Ergebnisse auf den Vorgänger abwälzen. Dazu passt auch die erst jetzt lancierte Information, dass Immelt bei Geschäftsreisen im Firmenflieger manchmal ein leerer Jet hinterhergeflogen sei – nur für den Fall, dass es mechanische Schwierigkeiten mit seinem Flugzeug geben sollte.

          Auf der Liste der Kaufempfehlungen

          Analyst Nigel Coe von der Investmentbank Morgan Stanley hält es für eine „falsche Logik“, zu glauben, dass es für GE nicht schlimmer kommen könne. Coe nahm seine Bewertung am Montag auf „untergewichten“ zurück, empfiehlt die Aktien also mit einem Kursziel von 22 Dollar zum Verkauf. Am Dienstag war der Kurs bereits unter diese Schwelle gefallen. Coe rechnet angesichts eines „deutlich niedrigeren Gewinnpotentials“ und der in den vergangenen Jahren gestiegenen Verschuldung fest mit einer Dividendenkürzung. „Die Schwäche im Kraftwerksgeschäft ist eine Sache, wegen der die Leute pessimistischer werden“, fügte Jeff Windau, Analyst beim Wertpapierhaus Edward Jones, hinzu.

          Andere Analysten glauben allerdings, dass die schlechten Nachrichten schon im niedrigen Kurs reflektiert sind. Analysten der Bank of America Merrill Lynch, der Wertpapiersparte des zweitgrößten amerikanischen Kreditinstituts, haben GE nach den heftigen Kursverlusten am Montag daher auf die Liste der Kaufempfehlungen gesetzt.

          Weitere Themen

          Sicherheit für das große Geld Video-Seite öffnen

          EZB hat neue Noten : Sicherheit für das große Geld

          Die neuen 100- und 200-Euro-Banknoten sollen noch sicherer sein und noch leichter zu überprüfen. So sollen Terrorfinanzierung und Geldwäsche besser bekämpft werden können. Ab dem 28. Mai 2019 sollen die neuen Scheine in Umlauf gebracht werden.

          Topmeldungen

          Unionskritik an Maaßen-Deal : „Es reicht jetzt langsam“

          Carsten Linnemann, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag, sagt ein baldiges Ende der Koalition voraus, wenn sie „keinen neuen Arbeitsmodus“ findet. Der Vorsitzende der Jungen Union stößt ins gleiche Horn.

          Kaufstreiks : Boykotte, wohin das Auge blickt

          Jedem, der in Amerika linkem oder rechtem Volksempfinden zuwiderläuft, droht der Kaufboykott. Ob Schnellrestaurants, Sportartikel- oder Lebensmittelkonzerne, keiner wird verschont.

          Nordstream 2 : Unser Land, unsere Entscheidung

          Washington ist die Gaspipeline Nordstream 2 ein Dorn im Auge. Die deutsche Industrie kontert: Unsere Energieversorgung geht niemanden etwas an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.