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Geldschöpfung : Wie kommt das Geld in die Welt?

  • -Aktualisiert am

Scheinwelt: Staunende Kinder im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Kaum jemand versteht, wie unser Geldsystem funktioniert. Schuld daran sind auch die Notenbanken, die mit Lehrbüchern Schüler lange Zeit in die Irre geführt haben. Geändert hat sich das erst nach der Finanzkrise. Ein Gastbeitrag.

          Die Evolution des immer abstraktere Formen annehmenden Geldes scheine zwar auf ein „reines Zeichengeld“ zuzusteuern, schrieb Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes. Dennoch, so Simmel kategorisch, sei die „völlige Lösung von jedem, die Geldquantität einschränkenden Substanzwert technisch untunlich“.

          Simmels Frage stellte sich ganz konkret Mitte der 1960er Jahre, als absehbar wurde, dass Gold nicht mehr lange als Anker des internationalen Währungssystems fungieren würde. In der Arbeitsgruppe Währungsreserven der „Group of Ten“ diskutierten Zentralbanker, welcher „ultimative Reservewert“ das Gold ersetzen könne. Eine Währungsordnung ohne ultimativen Reservewert schien ihnen genauso unvorstellbar wie Simmel. Doch genau dieser Fall trat ein, als der amerikanische Präsident Richard Nixon 1971 die Goldbindung des Dollars aufhob, der seither ganz ohne „ultimativen“ Reservewert an der Spitze des globalen Währungssystems steht.

          Eine Zentralbank, die verspricht, Zentralbankgeld (Bargeld und Reserven) zu einem festen Kurs in Gold umzutauschen, schränkt die eigene Geldschöpfungskapazität bewusst ein. Wichtiger noch als diese materielle Konsequenz der Goldbindung war jedoch ihr diskursiver Effekt. Denn entscheidend für die Geldwertstabilität sind letztlich die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte.

          Eine auf Geldwertstabilität ausgelegte Wirtschaftspolitik beruht auf der erfolgreichen Einhegung wirtschaftlicher Ansprüche. Die Logik des Goldstandards – Gold ist knapp und somit das Geld – wirkte hier höchst effektiv. Das sogenannte Fiatgeld-Regime erforderte neue Institutionen, um der Anspruchsinflation entgegenzusteuern. Man denke etwa an die Delegation der Geldpolitik an unabhängige Zentralbanken oder, in jüngerer Zeit, an die Verrechtlichung der staatlichen Haushaltspolitik.

          Großteil der Geldmenge durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken geschaffen

          Zweitens beruht Geldwertstabilität auf dem Vertrauen der Geldnutzer, die der Zentralbank sowohl den Willen als auch die Fähigkeit zutrauen müssen, die Inflation zu kontrollieren. Der Wille zur Kontrolle lässt sich durch ein rechtlich verankertes Preisstabilitätsmandat glaubwürdig demonstrieren. Die Fähigkeit der Zentralbank zur Kontrolle der Geldschöpfung ist hingegen keineswegs garantiert. In einem modernen Finanzsystem wird der Großteil der Geldmenge nämlich durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken geschaffen. Für die Zentralbank ist die Kommunikation über das Geldsystem deshalb eine delikate Angelegenheit.

          Tatsächlich ist das Kontrollvertrauen der Öffentlichkeit dadurch gestärkt, dass die meisten Menschen das Guthaben auf ihrem Bankkonto für unmittelbar von der Zentralbank geschaffenes Geld halten. Eine Umfrage des Soziologen Klaus Kraemer in Österreich ergab, dass 82 Prozent der Befragten das Buchgeld für eine Schöpfung der Zentralbank halten.

          Woher stammt dieser Irrglaube? Ein Teil der Schuld liegt wohl bei einem didaktischen Konzept, das in Schul- und volkswirtschaftlichen Lehrbüchern weit verbreitet ist – der Geldschöpfungsmultiplikator. Dieses Konzept bezieht sich auf die empirisch beobachtbare Gegebenheit, dass die Buchgeldmenge für gewöhnlich ein Vielfaches der Zentralbankgeldmenge darstellt, wobei das genaue Verhältnis durch den Mindestreservesatz bestimmt ist. Dieser bestimmt die Höhe der Einlagen (Reserven), welche die Geschäftsbanken bei der Zentralbank halten müssen. Ein Mindestreservesatz von zwei Prozent etwa ginge mit einem Geldschöpfungsmultiplikator von 50 einher.

          An diesem Verhältnis ist nicht zu rütteln. Insofern mag es unbedenklich erscheinen, dass auch das von der Bundesbank produzierte Schülerbuch „Geld und Geldpolitik“ den Zusammenhang zwischen Zentralbankgeld und Buchgeld lange Jahre mit Hilfe des Geldschöpfungsmultiplikators erklärte. Wie die meisten Lehrbücher unterstellte jedoch auch das Schülerbuch bis zur Ausgabe 2005/2006 einen problematischen kausalen Zusammenhang und argumentierte, dass die von der Zentralbank bestimmte Mindestreserve dazu diene, die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken zu begrenzen.

          Kontrollillusion kommt der Zentralbank entgegen

          An dieser Stelle führte die Bundesbank Schüler und Lehrer in die Irre. Denn die den Banken auferlegte Mindestreserve bietet keine Handhabe zur Begrenzung der Schöpfung von Buchgeld. Eine Zentralbank, die Wirtschaftssteuerung durch Zinssteuerung betreibt, muss die bei gegebenem Leitzins erfolgte Kreditschöpfung durch die Bereitstellung ausreichender Reserven akkommodieren, um nicht die Kontrolle über den Zinssatz im Interbankenmarkt zu verlieren. Die Geldschöpfung steuert die Zentralbank somit nur indirekt, durch den Einfluss des Leitzinses auf das Wirtschaftswachstum und die Kreditnachfrage, sowie durch aufsichtsrechtliche Maßnahmen, insbesondere Eigenkapitalanforderungen für Banken.

          Weshalb sollte das Schülerbuch der Bundesbank eine auf den Kopf gestellte Version des Geldsystems vermitteln? Der Multiplikator-Mythos vermittelt das Bild einer exogen begrenzten Geldschöpfung. Diese Kontrollillusion kommt der Zentralbank entgegen: Wer glaubt, die Zentralbank halte die Zügel des Geldgespanns fest in Händen, fürchtet nicht, dass die Pferde jeden Moment in einen inflationären Galopp fallen könnten. Insofern erfüllt der Multiplikator-Mythos eine ganz ähnliche Funktion wie der Mythos des Goldes.

          Nun hat die Bundesbank das Schülerbuch jedoch im Nachgang der globalen Finanzkrise überarbeitet. Seit 2010 erklärt das Schülerbuch die Geldschöpfung mit Hilfe von T-Konten, die Geldschöpfung als eine Bilanzverlängerung verständlich machen: Ein neuer Kredit stellt eine Forderung der Geschäftsbank gegenüber dem Kreditnehmer dar. Dieser gegenüber steht das neue Guthaben des Kreditnehmers – Buchgeld ist eine Verbindlichkeit der Geschäftsbanken. Der Geldschöpfungsmultiplikator spielt in dieser neuen Darstellung keine Rolle mehr.

          Was bewog die Bundesbank, die Darstellung des Geldschöpfungsprozesses vom Kopf auf die Füße zu stellen? Wie der Ökonom Beat Weber in einem neuen Buch dokumentiert, formierten sich im Kontext der Finanzkrise Bewegungen, die radikale Reformen des Geldsystems forderten. Aus dem Umfeld der Bundesbank ist zu hören, dass die Krise zu einem dramatischen Anstieg von Bürgeranfragen zum Geldsystem führte. Doch kann das gestiegene öffentliche Interesse allein erklären, weshalb die Stunde des Multiplikator-Mythos ausgerechnet nach der Finanzkrise geschlagen haben sollte?

          Neue kommunikative Herausforderungen

          Die Bundesbank war nicht die einzige Zentralbank, die ihre Kommunikation zum Geldschöpfungsprozess nach der Finanzkrise umkrempelte. Die Bank of England etwa produzierte Papiere und Videos, die erstmals den Multiplikator als Mythos entlarvten und die wahre – geringe – Bedeutung der Mindestreserve erläuterten. Die Bundesbank veröffentlichte 2017 ein ganz ähnliches Papier sowie mehrere Videos, welche die Analyse des neuen Schülerbuches weiter vertieften.

          Zentralbanker standen also vor einer völlig neuen kommunikativen Herausforderung. Die Zentralbankgeldmenge hatte sich durch die Anleiheankaufprogramme der Bank of England und der EZB vervielfacht. Per Multiplikator-Theorie musste dies, bei einem Mindestreservesatz von einem Prozent, zu einer Buchgeldmengen-Vervielfachung solchen Ausmaßes führen, dass die Sache nur in galoppierender Inflation enden konnte. Die EZB hielt diese Theorie für hinreichend einflussreich, um sie im Mai 2012 ausdrücklich zurückzuweisen, wenngleich mit geringem Erfolg: Warnungen vor „Hyperinflation“ waren damals in den deutschen Medien genauso allgegenwärtig wie heute der – übrigens gegenläufige – Jammer über „Niedrigzinsen“.

          Unter dem neuen geldpolitischen Regime des Quantitative Easing hatte der Multiplikator-Mythos des alten Schülerbuchs ausgedient. Während der Mythos ehemals, indem er die Macht der Zentralbank über die Buchgeldschöpfung übertrieb, eine beruhigende Kontrollillusion vermittelte, implizierte er nun einen unweigerlichen Kontrollverlust. Kein Wunder also, dass die Zentralbanken seitdem eine andere, korrektere Sichtweise auf die Geldschöpfung vermitteln wollen.

          Geld ohne Gold und ohne Multiplikator-Mythos – ganz wohl ist den Zentralbanken bei dieser „völligen Lösung von jedem, die Geldquantität einschränkenden Substanzwert“ dennoch nicht. So erklärte ein junger britischer Ökonom im Video die Unabhängigkeit der Buchgeldschöpfung vom Zentralbankgeld im Keller der Bank of England, umgeben von Stapeln von Goldbarren.

          Und die Bundesbank? Nachdem sie die 2013 beschlossene Verlagerung ihrer Goldbestände aus dem Ausland 2017 abgeschlossen hatte – 50,6 Prozent des Goldes lagern nun in Deutschland –, drängte die Bundesbank jüngst auf den Buchmarkt. Im Hochglanzband „Das Gold der Deutschen“ werden den Lesern „die Goldbestände der Bundesbank so nahegebracht, als ob man diese in den eigenen Händen hielte“. Wem selbst das nicht genügt: Im neuen Geldmuseum der Bundesbank – das die Geldschöpfung mit vorbildlicher Klarheit erklärt – liegt tatsächlich ein Goldbarren zum Anfassen bereit.

          Benjamin Braun forscht am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung zur politischen Ökonomie der Geldpolitik und der Finanzmärkte.

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