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Komplexes Klima : Schwellenländer lassen sich nicht über einen Kamm scheren

Nicht alle Schwellenländer sind gleich: Indien gehört derzeit zu den besseren. Bild: Reuters

Die Krise in der Türkei belastet auch den südafrikanischen Rand - und schwört schon das Gespenst einer Schwellenländerkrise herauf. Doch die Wirklichkeit ist komplizierter.

          Die Krise der türkischen Lira hat den Blick einmal mehr auf die Schwellenländer gelenkt. Befürchtungen werden geäußert, die türkische Krise könnte zu einer veritablen Schwellenländerkrise werden. Dies ist nicht von der Hand zu weisen, doch ist der Zusammenhang recht komplex.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn „Schwellenländer“ ist eigentlich eine künstlich geschaffene Gruppe von Ländern. Anders als die Europäische Union, die südostasiatische Asean oder Lateinamerikas Mercosur besteht sie aus Ländern, die häufig nur geringe wirtschaftliche Beziehungen miteinander pflegen. Zwischen der türkischen Hauptstand Ankara und Pretoria in Südafrika etwa liegen rund 10.000 Kilometer, das Handelsvolumen macht für die Türkei 0,4 und für Südafrika 0,8 Prozent aus.

          „Schwellenland“ als Definitionsfrage

          Zwischen Moskau und Rio de Janeiro liegen 11.500 Kilometer, der Handel zwischen beiden Ländern macht für Russland etwa ein Prozent aus, für Brasilien etwas mehr. In den vergangenen Jahren sind mehr und mehr Investoren zu der Überzeugung gelangt, dass „Schwellenländer“ nicht mehr ist als ein besseres Wort für „weiter entwickelte Nicht-Industrieländer“. Früher hätte man es vielleicht einmal „2. Welt“ genannt, wenn dieser Begriff nicht durch den sogenannten Ostblock besetzt worden wäre.

          Schwierig und wechselnd ist auch, welche Länder der Gruppe zuzurechnen sind. Das betrifft beide Richtungen. Griechenland wurde von wichtigen Anbietern von Börsenindizes nach der Krise den Schwellenländern zugeschlagen. Doch auch Südkorea, wo das Pro-Kopf-Einkommen 60 Prozent höher ist als in Spanien wird oft noch der Gruppe zugerechnet. Auf der anderen Seite gilt Indonesien als Schwellenland, das etwas reichere Sri Lanka wird dagegen zu den „Entdeckermärkten“, der nächst-niedrigeren Stufe gezählt.

          Die Zuordnung beruht nicht nur auf dem Einkommen, sondern auch auf qualitativen Kriterien wie der Entwicklung der Institutionen und dem Marktzugang. Bisweilen ist diese überholt und in jedem Fall letztlich eine Konvention. So hat sich in den vergangenen Jahren auch die Perspektive der Investoren verändert. Vermehrt werden Schwellenländer individuell betrachtet.

          Eine Frage des Klimas

          Nichtsdestoweniger haben Schwellenländer eines gemeinsam: Sie werden eben nicht zu den Industrieländern gezählt. Das wiederum bedeutet, Investitionen werden als risikoreicher eingestuft, unabhängig davon, ob das auch so zutrifft. Das bedeutet, dass eine negative Entwicklung der Weltwirtschaft oder der Stimmung an den Finanzmärkten sich grundsätzlich auch auf diejenigen Länder auswirkt, die zu den Schwellenländern gerechnet werden.

          Dies ist schon seit längerer Zeit der Fall. Seit dem Auslaufen der Finanzkrise hat sich das Klima sukzessive verschlechtert, einfach weil das Risikobewusstsein der Investoren größer geworden ist. Seit einigen Jahren hat sich nun das weltpolitische Klima verschlechtert.

          Hinzu kommen ökonomische Faktoren. So sind die Binnenmärkte der Schwellenländer im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung klein. Sie sind dadurch vom Export abhängig. Die Liberalisierung des Welthandels hat ihren Aufstieg ermöglicht, doch seit der Finanzkrise ist die Tendenz rückläufig – der aktuelle Handelskonflikt rund um die Vereinigten Staaten, für viele Länder einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Absatzmarkt, hat die Lage deutlich verschärft.

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Gleichzeitig sind die Preise vieler Rohstoffe, die eine hohe Bedeutung für die Ausfuhren vieler Schwellenländer haben, deutlich zurückgegangen. Mitte der 2000er Jahre hatten viele Preise nie gesehene Höchststände erreicht. Zink etwa wurde zu seinem Höhepunkt zum 2,6fachen des 30-Jahres-Durchschnitts gehandelt, Zucker zum Dreifachen, ähnliches gilt etwa für Reis, Kaffee oder Aluminium.

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