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Geldautomaten : Es wird immer seltener bar gezahlt

Geldautomaten in Berlin Friedrichshain im Jahr 2011 Bild: dpa

Deutschland ist ein Bargeld-Land – lange Zeit war das Gewissheit. Doch die jüngere Generation verzichtet immer häufiger auf Scheine und Münzen. Wird damit das Bargeld immer teurer?

          Die Liebe der Deutschen zu ihren Geldbörsen – oder besser dem Inhalt – ist fast schon legendär. Der Bargeldanteil liegt bei mehr als 20 Prozent. Das heißt: Von den 3,1 Billionen Euro, die Deutschland im Jahr erwirtschaftet, werden knapp 650 Milliarden Euro in bar beglichen. Zum Vergleich: In Belgien liegt dieser Anteil bei 15,4 Prozent, in Großbritannien bei 11,3 Prozent und in Frankreich und den Niederlanden liegt er gar bei nur 7 Prozent. Das fanden die Bezahl-Experten von Pymnts heraus. Und nicht nur das: Laut Europäischer Zentralbank hat jeder Deutsche auch gut doppelt so viel Geld im Portemonnaie wie etwa Niederländer, Franzosen oder Amerikaner. Anonymität des Bargeldes und die vermeintliche Sicherheit werden hierzulande mehr geschätzt als anderswo.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch warum ist das so? Sind die deutschen klüger als ihre Nachbarn oder altmodischer? Das herauszufinden ist gar nicht so leicht und liegt wohl in der Psyche der Nation. In kaum einem anderen Land der Welt rufen niedrige Zinsen solch einen Aufschrei hervor, und dennoch wird das Geld lieber auf dem Sparbuch gelassen statt investiert. Doch schaut man in die Geschichte, versteht man die Ursachen dafür schneller. Im 20. Jahrhundert hatte Deutschland mehrere wirtschaftliche Zusammenbrüche: Die Finanzierung des Ersten Weltkrieges führte schon zu einer hohen Inflation, die nachfolgenden Reparationszahlungen zwangen die junge Weimarer Republik direkt wieder in die Knie und führten zu Hyperinflation, und der totale wirtschaftliche wie politische Zusammenbruch des Landes nach und während des Zweiten Weltkrieges pflanzten etwas in die Deutschen ein: Genügsamkeit, Sparsamkeit, ein vorsichtiger Umgang mit Geld und die Aversion gegen Schulden. Da frühere Generationen mehrmals erlebt haben, wie das Geld sofort weg sein kann, hält man es gern bar bei sich und investiert es nur äußerst ungern.

          Doch langsam kommt auch hierzulande etwas ins Rutschen. Die jüngere Generation hat diese Erfahrungen nie gemacht und deren Eltern auch nicht. Deswegen sinkt der Anteil an Barzahlungen langsam, aber sicher. Besonders sichtbar ist das in den Filialen: Im Jahr 2007 holten die Deutschen 392,5 Milliarden Euro direkt von der Bank und 298,8 Milliarden Euro vom Geldautomaten. Heute ist das Verhältnis umgedreht: 373,4 Milliarden Euro vom Geldautomaten gegen 276,3 Milliarden aus der Filiale. Da der Bargeldanteil aber am Bruttoinlandsprodukt gemessen wird, ist er über die Jahre gesunken: Von 27,5 Prozent im Jahr 2007 auf jetzt 20,7 Prozent. Die Fachleute von Pymnts gehen davon aus, dass dieser Anteil in den nächsten 5 Jahren weiter sinken wird und irgendwo zwischen 14 und 18 Prozent liegen wird.

          Wohin führt das alles?

          Doch Bargeld wird trotzdem noch gebraucht, und so leisten sich die Banken ein relativ großes Geldautomaten-Netz. Auf 1000 Menschen kommt mehr als 1 Geldautomat. Weltweit kommen 0,78 Geldautomaten auf 1000 Menschen, in Westeuropa 0,9 je 1000 Menschen. Da der Betrieb eines Geldautomaten aber die Banken im Schnitt 10.000 Euro im Jahr kostet, fahren sie zuletzt mehrere Strategien. Zum einen schränken sie kostenlose Bargeldabhebungen immer mehr ein. Zum anderen kooperieren sie mit Supermärkten und Tankstellen: Hier ist es mittlerweile möglich, Geld nach dem Einkauf an der Kasse zu holen. Diese Möglichkeit wird bisher aber kaum genutzt, nur 1 Prozent des jährlichen Cash-Bedarfs wird so laut Bundesbank gedeckt.

          Wohin führt das alles? Zum einen müssen sich die Deutschen darauf einstellen, dass ihr Bargeld immer teurer wird. Die Einschränkungen an kostenlosen Bargeldabhebungen sind nur der Anfang, vereinzelt werden schon Gebühren dafür genommen. Und mit Gebühren ist es ähnlich wie mit Steuern: Dass sie zurückgenommen werden, nachdem sie einmal eingeführt wurden, ist schwer vorstellbar. Junge Fintechs, aber auch etablierte Unternehmen wie Apple werden mit ihren Bezahllösungen gewichtige Spieler am Markt werden. Und um Kartenzahlungen attraktiver zu machen, hat sich die Finanzindustrie in den vergangenen Jahren schon einiges einfallen lassen wie Zahlen mit der Nahfeldtechnologie NFC, und es wird noch mehr werden. Dass Bargeld aber in den nächsten Jahren nur noch so einen geringen Anteil hat wie etwa in Schweden oder den Niederlanden, ist nicht vorstellbar.

          Zu viele Geschäfte, Restaurants und Bars bieten noch nicht einmal Kartenzahlung an. Wenn man für sein Lieblingsrestaurant also erst einmal Bargeld hat, muss das Restgeld auch ausgegeben werden. Solange also noch nicht überall mit Karte gezahlt werden kann, wird sich das Bargeld-System selbst erhalten.

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