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Notenbanken : Die Wirkung der Anleihekäufe wird häufig überschätzt

Ankunft in Jackson Hole: Janet Yellen, die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve Bild: Bloomberg

Die EZB wird bald über Änderungen ihres Kaufprogramms beraten. Die Fed dürfte eine Reduzierung ihrer Anleihebestände beschließen. Doch die Folgen werden überschätzt.

          Im Herbst werde der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) über Anpassungen seiner Geldpolitik beraten, sagt Präsident Mario Draghi. An den Finanzmärkten ist die Ansicht weit verbreitet, dass die EZB im kommenden Jahre ihre derzeit 60 Milliarden Euro im Monat betragenden Wertpapierkäufe reduzieren und eventuell ganz einstellen wird. Für einen „geordneten Ausstieg“ plädierte dieser Tage Bundesbankpräsident Jens Weidmann in einem Gespräch mit der „Börsen-Zeitung“. Weidmann, der Anleihekaufprogramme als „Notfallinstrument“ bezeichnet, fügte hinzu: „Wir sind uns alle einig: Das Kaufprogramm sollte nicht von heute auf morgen beendet werden.“

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Am meisten überschätzt wird die Wirkung der sogenannten „Geldschwemme“ als Folge der Anleihekäufe. Tatsächlich sind die Bilanzsummen jener Notenbanken, die Anleihekäufe betrieben haben oder noch betreiben, deutlich gewachsen, weil die Notenbanken den verkaufenden Banken den Gegenwert der Anleihen auf deren Konten bei der Notenbank gutgeschrieben haben. Aber von dieser „Geldschwemme“ führt kein unmittelbarer Weg auf die Konten, die Privatpersonen und Unternehmen bei ihren Banken und Sparkassen unterhalten. Die häufig zu hörende Vorstellung, die Banken und Sparkassen verleihten das von der Notenbank geschaffene Geld weiter, sind irrig: Die Geldpolitik verfügt über keinen direkten Einfluss auf die Kreditvergabe und die Geldschöpfung der Banken und Sparkassen; sie wirkt indirekt und zum Teil auf verschlungenen Wegen.

          „Geldschwemme“ führt nicht zwingend zu Inflation

          So erklärt es sich, dass die EZB in den vergangenen Jahren sehr viel Geld geschaffen hat und gleichzeitig die Geld- und Kreditmengen in der Wirtschaft nur langsam zugenommen haben. „Zwischen dem Anstieg der Zentralbankguthaben und der breiteren Geldmenge besteht kein mechanischer Zusammenhang“, heißt es in einem Erläuterungstext der Deutschen Bundesbank. „Ein verbreiteter Irrtum besteht in der Annahme, die Notenbank bestimme die Menge der Kredite und Bankguthaben in der Wirtschaft, indem sie die Menge des von ihr geschaffenen Geldes kontrolliere“, schreibt die Bank von England in einem erklärenden Aufsatz.

          Mit anderen Worten: Die von den Notenbanken geschaffene „Geldschwemme“ muss nicht zwingend zur Inflation führen. Auch der Nobelpreisträger Milton Friedman warnte schon vor vielen Jahren vor einer zu mechanistischen Interpretation von Geldmenge und Inflation: „Was soll die Aussage bedeuten, das Geld steigere die Preise? Was die Preise steigen lässt, sind die Ausgabeentscheidungen der Menschen, die Geld haben.“ Diese Ausgabeentscheidungen unterlägen allerlei Einflüssen, von denen die Menge des verfügbaren Geldes nur eine sei.

          Signale der Notenbanken zeigen Wirkung

          Wirken können Anleihekäufe auf die Entscheidungen von Anlegern. Eine schon vor mehreren Jahrzehnten diskutierte Idee lautet, dass Anleger im Falle eines Kaufprogramms einer Notenbank ihre Bestände an Staatsanleihen reduzieren und in andere Anlageformen, zum Teil auch in riskantere, investieren. Untersuchungen für die schon vor vielen Jahren begonnenen Kaufprogramme der Fed und der Bank von England haben gezeigt, dass der Kauf von Staatsanleihen von Notenbanken nicht wenige Großanleger dazu bewogen hat, vor allem mehr Unternehmensanleihen zu erwerben. Dagegen haben die Kaufprogramme unmittelbar kaum die Nachfrage nach Aktien angeschoben.

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