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Spekulationslegende : Die Tulpenblase, die keine war

Kostet heute ein paar Cent - und war auch vor 360 Jahren nicht soooo teuer. Bild: Patrick Junker

Die holländische „Tulpenmanie“ von 1636/37 gilt als Mutter aller Spekulationsblasen. Geht es nach einer britischen Historikerin, stimmt das Wenigste von dem, was immer wieder verbreitet wird.

          „Niemand hat Columbus ausgelacht“ heißt ein 1966 erschienenes Buch des 2004 verstorbenen Historikers Gerhard Prause. Dieser stellte schon damals historische Legenden richtig. Galilei wurde nie verboten zu behaupten, die Erde drehe sich, die Potemkinschen Dörfer waren nicht von Pappe und nur ungebildete Menschen glaubten zu Columbus‘ Zeiten noch, die Erde sei eine Scheibe. Dennoch halten sich diese populären Legenden bis zum heutigen Tag.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ähnlich ist es mit der niederländischen „Tulpenmanie“ des 17. Jahrhunderts. Immer wieder wird berichtet, dass Spekulationen mit Tulpenzwiebeln, sozusagen mit Terminkontrakten auf Tulpen, damals Anlegern so immense Verluste eingebrockt hätten, dass es zu zahllosen Bankrotten und Selbstmorden und einer gewaltigen Rezession gekommen sei. Am Ende habe die Regierung eingreifen und den Tulpenhandel verbieten müssen.

          Geht es nach der britischen Historikerin Anne Goldgar, ist es mit der Tulpenmanie ähnlich wie mit den Potemkinschen Dörfern – es gibt sie, aber die Wahrheit ist weit weniger sensationell. Goldgar hat den Bitcoin-Boom und –Bust, der schon als Tulpenmanie 2.0 bezeichnet worden sei, zum Anlass genommen, um in einem Aufsatz für die britische Plattform „The Conversation“ auf ihre nunmehr schon zehn Jahre alten Forschungsergebnisse hinzuweisen. Ihr Aufsatz wurde vom „Makronom“ auf Deutsch veröffentlicht.

          Viel billiger und keine armen Zocker

          Es gebe etwa keinen Beleg dafür schreibt Goldgar, dass Zwiebeln, wie behauptet, hunderte Male weiterverkauft worden seien. Die längste Käuferkette habe aus fünf Personen bestanden, in der Regel seien es weniger gewesen. Der Handel sei eher ruhig gewesen, organisierter als angenommen. Zuletzt hätten diesen Expertenkomitees überwacht.

          Behauptete Spitzenpreise etwa von 5.000 Gulden, was etwa dem Wert eines gut ausgestatteten Hauses entsprochen hätte, könne sie auch nicht bestätigen. Sie habe sie nur 37 Personen finden können, die überhaupt mehr als 300 Gulden ausgegeben hätten, also etwa das Jahresgehalt eines Handwerksmeisters. Die meisten Tulpen seien weitaus billiger zu haben gewesen.

          Auch seien die Käufer keine Habenichtse gewesen, die um Leib und Leben zockten. Die überwältigende Mehrheit seien reiche Händler gewesen, die sich die teuren Tulpen hätten leisten können. Darüber hinaus sei der Handel in der Regel unter Bekannten, Verwandten und Standesgenossen erfolgt.

          Niemand ertränkte sich

          Der Einbruch des Preises sei wahrscheinlich eine Reaktion auf den großen Preisanstieg in den ersten fünf Wochen des Jahres 1637 gewesen. Tatsächlich hätten die wenigsten dabei Geld verloren und schon gar kein Käufer. Aufgrund des Termincharakters des Handels seien die Verluste des Jahresanfangs 1637 theoretisch gewesen. Geld sollte erst bei Auslieferung im Mai oder Juni fließen. Die Käufer verloren damit erst einmal nichts. Allenfalls die Verkäufer konnten in Nöte geraten, wenn sie auf die Zahlungen vertraut hatten. Diese aber seien in der Lage gewesen, die Verluste zu tragen.

          Keinen einzigen Beleg gebe es dafür, so Goldgar, dass sich jemand deswegen in den Kanälen ertränkt habe. Sie habe keinen einzigen Bankrott in diesen Jahren gefunden, der mit der Tulpenmanie zusammengehangen habe. Vielmehr seien Tulpenkäufer und -verkäufer nur als Käufer von Häusern und Waren anderer Bankrotteure in den Insolvenzregistern aufgetaucht.

          Auch auf die niederländische Volkswirtschaft habe sich die Tulpenmanie nicht ausgewirkt. Die Behörden hätten sich den Forderungen nach Schlichtung von Tulpen-Streitigkeiten ebenso eher verschlossen. Hollands höchstes Gericht habe vielmehr empfohlen, die Vertragsparteien sollten sich außergerichtlich einigen. Eine Regulierung habe es nicht gegeben.

          Legendenbildung aus der Satire

          Goldgar sieht die Keimzelle der Legende von Tulpenwahn viel mehr in satirischen Liedern und Pamphleten dieser Zeit, die sich über die Händler lustig machten. Diese seien über mehrere Zwischenstationen am Ende des 18. Jahrhunderts vom deutschen Ökonomen Johann Beckmann in ein Buch übernommen worden. Dieses Werk wurde wieder ins Englische übersetzt und vom Journalisten Charles Mackay 1841 in einem erfolgreichen Buch über „populäre Verblendungen“ und den „Wahn der Massen“ verwertet worden.

          Seitdem höre man den Spott und die Ängste von Menschen des 17. Jahrhunderts über die damalige Situation immer wieder. Goldgar sieht weder Dummheit noch Gier von Händlern. Vielmehr hätten die Sorgen über die Wohlstandseffekte der hohen Summen, die hier zu verdienen zu sein schienen, die Menschen damals bewegt.

          Wenn die Kinder artig sind / kommt zu ihnen das Christkind

          Vielleicht kann man es auch als Neid bezeichnen, der dazu führte, dass als am Ende der Markt zusammenbrach, die Gelegenheit gekommen schien, Häme über die Betroffenen auszugießen. Denn der Reichtum der anderen ist immer schwer zu ertragen, vor allem wenn das eigene mit dem Broterwerb verbundene Leid größer erscheint – für immer verewigt in dem satirischen Song der „Dire Straits“ mit dem Titel „Money for nothing“. Übrigens: „Dire Straits“ bedeutet „arge Not“ und bezieht sich auf die finanziellen Engpässe der Band in ihren Anfangsjahren.

          Die Tulpenmanie mutet so betrachtet mehr an wie eine Schauergeschichte, die Privatanlegern erzählt wird, um sie vor dem/den Bö(r)sen zu warnen und sie ähnlich verängstigen soll wie weiland der Struwwelpeter Generationen von Kinder. Kinder sollten sicher nicht mit dem Feuer spielen – aber dass sie dann wie Paulinchen ganz zu Asche verbrennen übertreibt die wahren Gefahren. Wobei der Hanns Guck-in-die-Luft im Smartphone-Zeitalter neue Bedeutung erlangt hat.

          Aber offenbar hat Goldgars Arbeit schon Einfluss genommen. Wer im vergangenen Jahr etwa den Film „Tulpenfieber“ gesehen hat, konnte überrascht über die wenig sensationalistische Darstellung der Blase sein.

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