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Kursverfall : Die Türkische Zentralbank kann die Lira nicht stützen

Steht hoffentlich nicht im Regen: Türkische Zentralbank Bild: REUTERS

Eine abermalige Zinserhöhung der türkischen Notenbank ist verpufft. Die Landeswährung Lira verliert weiter an Wert. Das könnte den Wahlerfolg von Präsident Erdogan gefährden.

          Die Türkei hat an den Finanzmärkten derart viel Vertrauen verspielt, dass selbst hektische Rettungsversuche den Kapitalabzug nicht aufhalten können. Auf einer Krisensitzung am Mittwochabend hatte die Zentralbank den Zinssatz für Spätausleihungen (LLW) um 3 Prozentpunkte auf 16,5 Prozent erhöht, nachdem die Landeswährung Lira an den Tagen zuvor von einem Tiefstand zum nächsten gefallen war.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Die Straffung der Geldpolitik führte zunächst zu einem deutlichem Kursanstieg. Doch am Donnerstag gab die Lira gegenüber dem Dollar schon wieder um 3,7 Prozent nach, gegenüber dem Euro betrug das Minus 3,9 Prozent. Für einen Dollar mussten 4,7864 Lira bezahlt werden, für einen Euro 5,5789 Lira.

          Das sind für die Lira neue Tiefstände. Ihr Wertverlust beträgt mehr als 11 Prozent seit Anfang Mai und mehr als 18 Prozent seit Jahresbeginn. Der Aktienleitindex an der Börse in Istanbul hat seit Januar mehr als 12 Prozent eingebüßt. Der Kurs zehnjähriger Staatsanleihen ist seitdem um 12 Prozent gefallen, auch das ein Anzeichen für Kapitalabzug.

          Der Wertverfall der Lira am Donnerstag war der schärfste unter allen Schwellenländern. Ökonomen erklärten den abermaligen Rückgang damit, dass die Zentralbank am Mittwoch zu spät und zu zaghaft eingegriffen habe. Glaubwürdiger wäre eine Zinsanhebung auf 20 Prozent gewesen, hieß es. Die Zentralbank und die türkische Führung hätten über Monate hindurch so viel Porzellan zerschlagen, dass es sich nicht über Nacht kitten lasse.

          Der fortgesetzte Kapitalabzug signalisiere „eine Panik unter solchen Leuten, die das türkische Leistungsbilanzdefizit finanzieren“, sagt Richard Grieveson, Türkei-Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche WIIW. Die Anleger hätten realisiert, dass in der Türkei „die Geldpolitik ausschließlich politischen Interessen dient und die Marktwirklichkeit ignoriert“.

          Grieveson zufolge ist die Lira regelrecht kollabiert, weshalb der Begriff Währungskrise zutreffend sei: „Auch eine Finanz- und Wirtschaftskrise ist möglich, wenngleich nicht unvermeidbar. Die Türken könnten sie abwenden, wenn sie eine vernünftige und gut kommunizierte geldpolitische Antwort fänden.“ Dem Zinsanstieg vom Mittwoch müssten weitere folgen, forderte der Volkswirt. Auch müssten die Verantwortlichen endlich die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Türkei angehen.

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          In den vergangenen Wochen hatte vor allem Präsident Recep Tayyip Erdogan die Märkte verunsichert. Während Einrichtungen wie der Internationale Währungsfonds IWF oder die Ratingagenturen zu einer strafferen Geldpolitik rieten, um die Inflation einzudämmen und die Lira zu stabilisieren, hatte Erdogan höhere Zinsen als „Mutter allen Übels“ bezeichnet und angedeutet, dass künftig er selbst und nicht die Zentralbank die Geldpolitik steuern und die Zinsen niedrig halten werde.

          Das Regime ist der Überzeugung, dass Spekulanten am Lira-Verfall schuld sind. Die staatlich gelenkte Börse in Istanbul hatte am Mittwoch mitgeteilt, „spekulative Ansätze“ zielten darauf ab, die Wirtschaft in ein schlechtes Licht zu rücken. Indes gebe es keine wirtschaftlichen Daten, die den Kapitalabzug rechtfertigten. Tatsächlich ist das Wirtschaftswachstum zwar hoch. Es basiert aber zum Teil auf staatlichen Konjunktur- und Kreditprogrammen und auf Exporterfolgen aufgrund des niedrigen Lira-Kurses.

          Negativ zu Buche schlagen die Inflation von fast 11 Prozent – das Doppelte des Zentralbankziels – und das Leistungsbilanzdefizit, das auf mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angewachsen ist. Um es zu finanzieren, muss die Türkei kurzfristiges Kapital anziehen. Das aber lässt sich angesichts der Unsicherheiten und attraktiver anderer Standorte nur mit hohen Renditeversprechen und stabilen Investitionsbedingungen anlocken.

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          Offenbar streckt Ankara inzwischen die Waffen vor dem Druck der Finanzmärkte. Darauf deuten Aussagen von Erdogan am Mittwochabend nach dem Zinsschritt hin. Im Fernsehen sagte er, die Türkei werde nun den globalen Prinzipien der Geldpolitik folgen. Möglicherweise hat sich in Ankara der für die Wirtschaft zuständige stellvertretende Regierungschef Mehmet Şimşek durchgesetzt. Der Ökonom und ehemalige Investmentbanker mit britischem Pass, der international Vertrauen genießt, soll in der Zinsfrage vor Wochen mit Erdogan aneinandergeraten sein und seinen Rücktritt angeboten haben.

          Jetzt hat er allem Anschein nach wieder Oberwasser. Über Twitter teilte er nach dem Notfalltreffen der Zentralbank mit: „Es ist höchste Zeit, die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik wiederherzustellen und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.“ WIIW-Fachmann Grieveson sieht in Erdogans Äußerungen „einen völligen Wechsel im Ton gegenüber vergangener Woche. Das zeigt, dass er merkt, wie ernst die Sache wurde.“ Die Verunsicherung an den Märkten habe auch Implikationen für die bevorstehenden Wahlen. Erdogan hat die Parlaments- und Präsidentenwahlen um mehr als ein Jahr auf den 24.Juni vorziehen lassen.

          Als Kalkül dahinter wird vermutet, dass er die Abstimmung aus einer potentiellen wirtschaftlichen Abkühlung im nächsten Jahr heraushalten wollte. Möglicherweise zeigt sich die Krise aber schon jetzt in den Marktturbulenzen – und erschwert Erdogan und seiner Regierungspartei AKP den sicher geglaubten Triumph. „Der Zusammenbruch der Lira hat die Chance auf einen Sieg der Opposition erhöht“, urteilt Grieveson. „Wer auch immer gewinnt, die politische Unsicherheit dürfte hoch bleiben.“

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