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Technische Analyse : Der Dax taumelt am Abgrund

  • -Aktualisiert am

Ein ständiges Auf und Ab: Blick auf die Handelstafel in der Frankfurter Börse Bild: Marc-Steffen Unger

Es mehren sich die Zeichen, dass der deutsche Leitindex in den nächsten Monaten weiter fallen wird. Anlegern bleibt nur ein Rezept.

          Ein richtiger Stau ist eine fiese Sache. Wenn nicht einmal mehr eine Schleichfahrt im Schritttempo möglich ist, die nächste Ausfahrt aber erst in acht Kilometern kommt, dann verwandelt sich die Verheißung der grenzenlosen automobilen Freiheit in eine vorübergehende Ohnmächtigkeit. Wenn in solchen Momenten auch noch die Sonne aufs Dach knallt oder Eiseskälte langsam ins Auto eindringt, sind aus friedliebenden Zeitgenossen Wutbürger und aus Gesunden Herzinfarktpatienten geworden. In dieser Ausweglosigkeit hilft kein Geträller aus dem Radio und kein buddhistischer Meditationsritus. Auch der lieb gemeinte Hinweis, dass wir es in zwei Stunden bestimmt geschafft haben, führt nur zu (m)einer sehr authentischen und stark verbesserungsfähigen Reaktion.

          Der Blick auf den Dax fühlt sich für mich momentan an, wie im Stau zu stehen. Nichts geht mehr. Man kann schon ein wenig verzweifeln: Wohin ich auch schaue und welchen Indikator ich auch hervorzaubere – die Erkenntnisse sind immer die gleichen: Die technische Lage des Dax ist komplett verfahren. Eine nüchterne und, soweit menschenmöglich, objektive Analyse kann derzeit in meinen Augen nur zu diesem einen Ergebnis kommen: Es gibt keinen Ausweg mehr. Die letzte Ausfahrt ist verpasst und die nächste wird auf sich warten lassen. Authentische Reaktionen werden nicht helfen, und Schönfärberei wird es auch nicht tun. Um meine Mutter zu zitieren: Es gibt kein Drumherum mehr – sondern nur noch ein Hindurch.

          Nur temporärer Charakter

          Das Kernproblem zeigen die beiden abgebildeten Kursverläufe: Der Kurs-Dax, also der Index ohne Hinzurechnung der Dividenden, ist unter die extrem bedeutende Barriere zwischen rund 5570 bis 5610 Punkte gefallen, und der „richtige“ Dax hat, auch wenn dies im großen Chartbild noch nicht richtig sichtbar ist, den langfristigen Aufwärtstrend seit dem Tief im Jahr 2009 gebrochen. Beides zusammen ist ziemlich schwerer Tobak. Im Falle des Kurs-Dax kommt noch erschwerend hinzu, dass der Bruch der genannten Unterstützungszone auch als Abschluss einer Topbildung durch den absoluten Klassiker der Technischen Analyse, einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation (SKS), gedeutet werden kann.

          In etwa 75 Prozent der Fälle lässt sich die Kombination dieser Signale mit klaren Worten beschreiben. Je nach Gemütsverfassung und Altersklasse bieten sich „Ende Gelände“, „Aus und vorbei“ oder eben „Lass fahren dahin“ an. Die von mir hier seit langer Zeit für die europäischen Märkte zu Markte getragene Skepsis erfährt damit eine weitere Bestätigung – und muss fortgeschrieben werden. Wenn der Dax sich an das Wahrscheinliche hält, wird er in den nächsten Monaten per Saldo weiter absacken. Das für solche Situationen vorgesehen Drehbuch sieht einen Fall auf Niveaus von weniger als 11000 Punkten vor. Mit Sicherheit sind in dieser Zeit Erholungen ganz und gar nicht ausgeschlossen. Auch solche nicht, die schon mal den einen oder anderen Bären nervös werden lassen könnten. Möglicherweise befindet sich der Dax sogar gerade jetzt in einer dieser oft sehr wilden und volatilen Erholungsphasen. Man wird aber auch ihr wohl nur temporären Charakter und nicht etwa den einer Trendwende zusprechen können.

          Verhängnisvolles Schicksal

          Wenn man nach Ansatzpunkten sucht, die für die verbleibende Wahrscheinlichkeit von rund 25 Prozent sprechen, dass sich der aktuelle Abwärtstrend doch nicht fortsetzen wird, könnte man zum einen bei der Marktstimmung fündig werden. Sie war in den letzten beiden Jahren zu keiner Zeit wirklich überbordend und ausgelassen, sondern selbst in der Spitze im Januar dieses Jahres eher nur „sehr zuversichtlich“. Im Regelfall braucht es aber genau diesen letzten Stimmungskick, um einem Markt wirklich den Garaus zu machen.

          Anführen könnte man auch, dass Schulter-Kopf-Schulter-Formationen oft ihre Tücken bergen. Weil sie so schön griffig und gut vermarktbar sind, neigen Analysten dazu, sie zu oft sehen zu wollen. Oft wird ihnen auch ihre Prominenz zum Schicksal: Die Marktteilnehmer, auch die technisch nur wenig Begeisterten, sehen schon im Vorfeld, dass sich ein SKS-Muster entwickelt, stellen sich deshalb frühzeitig beispielsweise mit Shortpositionen darauf ein und dann fehlen im Markt genau dann die Verkäufer, wenn sie eigentlich in Scharen auftauchen sollten. Auch deshalb habe ich bislang noch nie mit diesem Muster argumentiert. Die Entwicklung beim Kurs-Dax scheint mir ihre Erwähnung erstmals zu rechtfertigen.

          Beide Momente könnten Hinweise darauf sein, dass der Spielraum nach unten doch nicht so groß ist, wie ich es momentan annehmen muss. Aber darauf jetzt eine Wette abzuschließen hieße, sehenden Auges rote Ampeln zu überfahren.

          Nachtrag: Meine Frau schaute mir vorhin über die Schultern und meinte, dass ich diesmal einen richtigen Brandbrief verfasst hätte. Wo sie recht hat, hat sie recht. Wer sich dem Wahrscheinlichen verschrieben hat, der hat momentan keine andere Wahl. Danach haben wir noch länger über den letzten Stau gesprochen.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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