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Börse in China : Der Verlierer des Jahres

Kaufen und Halten – diese Strategie funktioniert nicht an Chinas Börse. Bild: dpa

Die Kurse an Chinas Börse haben seit Jahresbeginn ein Viertel ihres Werts eingebüßt. Der Handelskrieg und die Schwäche der Währung machen Sorgen. Nun wird abermals Chinas Staat aktiv.

          Kaufen und Halten – diese Strategie funktioniert nicht an Chinas Börse. Ein Blick auf die Kursbewegungen der vergangenen zehn Jahre zeigt: Bis auf ein paar Blasen abgesehen, ging es mit dem wichtigsten Index, dem Shanghai Composite, fast immer abwärts – und der Handelskrieg der Vereinigten Staaten mit der Volksrepublik ändert an diesem Trend nichts.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Im Gegenteil: Seit Beginn des Jahres sind die Kurse an Chinas größter Börse in Schanghai um 23 Prozent zurückgegangen. Das macht den chinesischen Aktienmarkt weltweit zum Verlierer des Jahres. Dabei war dieser vor nicht allzu langer Zeit nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte der Welt. Doch mittlerweile schrumpfen die chinesischen Festlandbörsen auf ein Format, das selbst die Börse in der bereits so oft abgeschriebenen Sonderverwaltungszone Hongkong bald wieder überflügeln könnte.

          Die Gründe für die schlechte Stimmung der chinesischen Anleger lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Pessimismus. In einem Land, das seinen Aufstieg vom Armenhaus zur Supermacht auch der 40 Jahre andauernden Zuversicht seiner Milliardenbevölkerung zu verdanken hat, macht sich der Glaube breit, mit der Wirtschaft gehe es nun langsam bergab.

          Die gigantische Verschuldung der Unternehmen

          Die Gründe sind vielfältig: Die gigantische Verschuldung der Unternehmen, so argumentiert beispielsweise der Ökonom George Magnus von der Universität Oxford, sei eine Problem, das die chinesische Regierung zwar erkannt habe und auch bekämpfe. Gewinnen könne sie den Kampf aber nicht.

          Die Aktie der eigentlich grundsoliden Bank of China, die als eines der vier großen Geldinstitute des Landes auch bei massenhaften Kreditausfällen vom Staat gerettet würde, ist seit Februar um 26 Prozent gefallen. Doch es ist bei weitem nicht nur die Sorge um wankende Banken, die Zweifel an der Geschichte vom vermeintlich endlosen chinesischen Wachstumswunder schürt.

          TENCENT HLDGS HD-,00002

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          Da ist zum Beispiel der Tencent-Konzern, neben Alibaba und Baidu eines der drei großen Internetunternehmen Chinas. Nicht wenige Beobachter im Westen haben bis vor kurzem noch geglaubt, mit dem Triumvirat gewinne die Volksrepublik gegen Amerika den Kampf um die technologische Vorherrschaft.

          Allein die Tencent-App Wechat – eine Art Schweizer Taschenmesser fürs Smartphone, mit dem nicht nur Nachrichten ausgetauscht, sondern auch Rechnungen beglichen und Kinokarten gekauft werden können – hat mehr als 1 Milliarde Nutzer. Als erster der drei chinesischen Internetriesen überschritt der Börsenwert des in Hongkong notierten Titels im vergangenen November die Marke von umgerechnet 500 Milliarden Dollar – wenige Monate nach Amazon und Facebook.

          Negativrekorde, die aufhorchen lassen

          Seit Jahresbeginn macht die Tencent-Aktie wieder Schlagzeilen. Nun sind es allerdings Negativrekorde, die aufhorchen lassen. Zeitweise hatte Tencent im laufenden Jahr 250 Milliarden Dollar an Wert eingebüßt. Zwar hat das Unternehmen in den vergangenen Monaten tatsächlich wenig Erfreuliches vermeldet. Die Gewinnmarge ist gesunken. Dass die Regulatoren in Peking Tencents überaus erfolgreiches Geschäft mit Computerspielen stärker regulieren wollen, hat dem Aktienkurs ebenso geschadet wie die Schwäche von Technologietiteln an den Weltbörsen.

          BANK OF CHINA LTD H YC 1

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          Dennoch lässt sich das Ausmaß des Niedergangs der Tencent-Aktie nach Ansicht der meisten Analysten nur mit einem generellen Misstrauen gegenüber der chinesischen Wirtschaft erklären. Denn in China wächst nur noch die Geldmenge rasend schnell. Die inländische Nachfrage hingegen schwächelt – was unter anderem die deutschen Autohersteller zu spüren bekommen.

          Der Absatz des Volkswagen-Konzerns auf seinem mit Abstand wichtigsten Markt ging im September im Jahresvergleich den vierten Monat in Folge deutlich zurück, vor allem wegen schwacher Verkäufe der Massenmarke VW, die auf Chinas untere Mittelschicht abzielt. Der Absatz von Oberklasseherstellern wie BMW wächst zwar weiter. Im kommenden Jahr aber könnten die Strafzölle des amerikanisch-chinesischen Handelskriegs den Gewinn des Münchener Autoherstellers nach eigener Prognose hingegen um eine halbe Milliarde Euro schmälern.

          Und wieder kommt der Staat zur Hilfe

          Die Eskalation des Handelskriegs mit immer schärferen Drohungen aus Washington sowie die Schwäche der chinesischen Währung Renminbi haben in China und im Ausland die Furcht aufkommen lassen, dass der schon oft beschworene Untergang der chinesischen Wirtschaft nun tatsächlich eintreten könnte. Der marktbreite Index Shanghai Composite hat mittlerweile mehr als 50 Prozent seines Werts gegenüber seinem Höchststand im Jahr 2015 verloren.

          Das war das Jahr, in dem Chinas Börse schon einmal nach heftigen Kursverlusten auf der Welt die Sorge vor einem Kollaps der zweitgrößten Wirtschaft hervorgerufen hat. Wie damals ist nun nach Einschätzung von Analysten der chinesische Staat im Finanzmarkt als Retter unterwegs und kauft über seine Investmentvehikel Aktien auf, um die Kurse zu stabilisieren. So hatte der Kurs des staatlichen Ölkonzerns Petro-China seit Anfang des Jahres bis zum Juli fast ein Viertel seines Werts verloren.

          Seitdem geht es mit dem Kurs wie von Zauberhand wieder steil bergauf. Allein am vergangenen Dienstag gewann die Aktie gegen den Markttrend um mehr als 4 Prozent. Am Tag davor hatte die Schanghaier Börse abermals einen heftigen Kursverlust erlitten. Nachdem am Folgetag die Petro-China-Aktie stark gekauft wurde, zog auch der Markt insgesamt wieder etwas an.

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