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Deutsche Fondsgesellschaften : Die Fondsbranche ist sich nicht grün

Mifid: Die europäische Richtlinie zwingt Vermögensverwalter, vom kommenden Jahr an die Kosten für extern eingekaufte Finanzmarktanalyse auszuweisen. Bild: Reuters

In der Fondsbranche prallen derzeit Meinungen aufeinander. Debattiert wird über den Sinn von ETFs, aber auch um die Weitergabe von Kosten. Und den zurückhaltenden deutschen Sparer.

          Seit Wochen haben die deutschen Fondsgesellschaften ein Aufregerthema. Denn eine europäische Richtlinie (Mifid) zwingt die Vermögensverwalter, vom kommenden Jahr an die Kosten für extern eingekaufte Finanzmarktanalyse („Research“) auszuweisen. Dies stellt die Branche vor die Frage, ob sie diese Kosten auf die eigene Rechnung nehmen oder auf ihre Kunden übertragen will.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          In Deutschland hatten von den großen Häusern zunächst die genossenschaftliche Union Investment und die zum Sparkassenlager gehörende Deka angekündigt, die Kosten auf ihre Kunden abzuwälzen. Dann kündigten die beiden anderen deutschen Branchenriesen, Allianz Global Investors (AGI) und die zur Deutschen Bank gehörende Deutsche Asset Management, an, die Kosten auf eigene Rechnung zu nehmen. Daraufhin ruderte die Union Investment zurück – und in der Branche hängt hinter verschlossenen Türen der Haussegen ordentlich schief.

          „Es hat keine Vorabsprachen der großen deutschen Vermögensverwalter über eine Umlegung der aus Mifid entstehenden Gebühren auf die Anleger gegeben“, stellt Tobias C. Pross in einem Gespräch mit dieser Zeitung klar und widerspricht damit Gerüchten, die seit einiger Zeit in Frankfurt kursieren. Pross trägt zwei Hüte auf seinem Kopf. Er ist einerseits ein führender Manager von AGI, wo er zur Zeit das Geschäft für Europa, den Nahen Osten und Afrika verantwortet. Vom kommenden Frühjahr an wird er in der AGI zudem für den globalen Vertrieb zuständig sein. Zugleich ist Pross Präsident des BVI Bundesverband Investment und Asset Management – der Interessenvertretung der Fondsgesellschaft. Damit weiß er genau, wie die Branche tickt.

          „Research ist für unser Haus sehr wichtig“

          „Wir wissen als Allianz Global Investors, dass wir uns mit unserer Entscheidung, die Research-Kosten nicht auf Kunden umzulegen, nicht nur Freunde machen“, sagt Pross. „Wir sind ein eigenständiger und unabhängiger Vermögensverwalter mit einem globalen Anspruch. Wir treffen daher auch unsere Entscheidungen eigenständig.“

          Da mag eine Rolle spielen, dass die AGI den größten Teil ihrer Finanzmarktanalyse im eigenen Haus betreibt. „Research ist für unser Haus sehr wichtig. Daher beschäftigen wir knapp 80 Analysten und können bei Spezialthemen Research zukaufen.“ Beratungsqualität sei wichtig, stellt Pross fest; und ein Weg zur Sicherung ist die Art der Bezahlung der Analysten: „Um konstant hohe Ergebnisse zu erzielen, sind unsere Anreizstrukturen im Research mit der Rendite der Produkte verknüpft.“

          Seit einigen Wochen hat sich, von den Vereinigten Staaten ausgehend, auch in Deutschland die Debatte um den Nutzen börsengehandelter Indexfonds (ETF) und ihr eventuelles Gefahrenpotential für die Stabilität der Finanzmärkte belebt. Pross beobachtet die Kontroverse, ohne Partei ergreifen zu wollen: „Die Debatte um aktive oder passive Anlageprodukte ist artifiziell. Beide Kategorien haben eine Existenzberechtigung. ETFs haben eine beachtliche Größe erreicht. Das zeigt, dass es eine Nachfrage für diese Produkte gibt.“

          Es liegen zu viele Ersparnisse der Deutschen auf Bankkonten

          Natürlich gebe es Märkte, in denen ein billiger Fonds, der einen Index nachbilde, seine Berechtigung habe, meint der erfahrene Kapitalmarktexperte. Aber auch für die Anbieter aktiv verwalteter Fonds, deren Gebühren über jenen der Indexfonds liegen, blieben mehr als genügend Betätigungsmöglichkeiten.

          „Es gibt immer noch sehr viele Asset-Klassen, die nicht informationseffizient sind“, betont Pross. Damit ist gemeint, dass ein aktiver Vermögensverwalter die Möglichkeit besitzt, durch bessere Informationen als Wettbewerber eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen. Freilich muss man sich anstrengen: „Besonders hier haben aktive Vermögensverwalter ihren Platz, sofern sie gutes Research und Portfolio Management betreiben.“ Pross hat noch ein zweites Argument parat, warum aktive Fondsmanager ihr Geld wert sein können: „Die Erfahrung zeigt zudem, dass kein Jahr an den Börsen so verläuft wie das Vorjahr. Auch das ist ein Argument für eine aktive Vermögensverwaltung.“

          Im Frühjahr sorgte Pross in seiner Rolle als Präsident des BVI mit der Bemerkung für Aufsehen, viele Deutsche sparten falsch. „Ich stehe zu der Aussage“, sagt Pross heute. „Es liegen immer noch zu viele Ersparnisse der Deutschen auf Bankkonten. Wir kommen aus einer Zeit, in der die Zinsen hoch waren und man von den Zinserträgen gut leben konnte. Das hat sich jedoch in der Niedrigzinsphase geändert. Und es spricht vieles dafür, dass die Zinsen niedrig bleiben werden.“

          Aber aus seiner Sicht ist die Anlage in Wertpapieren unabdingbar: „Ich sage nicht, dass wir als Fondsbranche immer die perfekte Lösung bieten können. Aber nennen Sie mir eine Anlageform, die mit Blick auf Rendite, Sicherheit und Liquidität auf Sicht mehrerer Jahrzehnte dem Investmentsparen überlegen ist.“ Er kennt die verbreiteten Vorbehalte, hält sie aber für unbegründet. „Viele Deutsche halten Investmentfonds für eine spekulative Anlage. Aber wir sind nicht spekulativ. Die Fondsbranche war in der Finanzkrise ein Anker der Stabilität“, erinnert Pross, der aber ein gemeinsames Vorgehen für schwierig hält: „Eine Werbekampagne des Verbands würde letztlich nur Budget von den Mitgliedsunternehmen zum Verband verschieben. In der Summe wäre nichts gewonnen. Ich sehe auch nicht, dass diese Mitgliedsunternehmen bereit wären, einen Teil ihrer Werbebudgets an den Verband abzutreten.“

          Ein wesentliches Problem sei die geringe Finanzbildung in unserer Gesellschaft. „Ich finde es schade, dass nach wie vor zu wenige Menschen den Zinseszinseffekt kennen“, sagt Pross, der weit ausgreifen möchte: „Finanzbildung ist nicht allein eine Aufgabe für die Finanzbranche oder für die Politik. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Aufgabe.“

          Tobias Pross Bilderstrecke
          Tobias Pross :

          Quelle: F.A.Z.

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