Börsenturbulenzen: War das nun ein Crash?
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Börsenturbulenzen : War das nun ein Crash?

Bild: AFP

Den zweiten Tag in Folge nach den drastischen Kursverlusten vom Montag liegen die amerikanischen Börsen im Plus. War es so dramatisch, wie es klang? Daraus lernen kann man jedenfalls.

          Im Crash-Modus! Kursabsturz! Panik an den Börsen! Dramatisch klangen am Dienstag die Schlagzeilen rund um die deutlichen Kursverluste der amerikanischen Aktienbörse in der Nacht von Montag auf Dienstag. Der Dow-Jones-Aktienindex war am Montagabend um 4,6 Prozent gefallen. Das hatte naturgemäß Folgen an den asiatischen Märkten und ließ auch die deutschen Aktien deutlich schwächer tendieren.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tatsächlich aber lässt sich zweifeln, ob das Ausmaß der Unheilrufe gerechtfertigt war. Zum einen gab es da eine Schwäche in der Interpretation. Das Minus von 1175 Punkten war zwar das größte in der 122-jährigen Geschichte des Dow Jones. Doch genauso wie 5 Euro für einen Siebenjährigen ein Vermögen sind und für einen Erwachsenen eher ein Kleckerbetrag, genauso waren 1175 Punkte für den Dow Jones 2018 nun einmal nicht dasselbe wie noch vor fünf Jahren.

          Da wären es rund 8 Prozent gewesen und hätte für einen Platz in der Top Ten der Kursabstürze gereicht. 2018 war es gerade einmal Platz 114, eingerahmt zwischen dem 16.10.1987 (nicht dem „Schwarzen Montag“, das war der 19.10!) und dem 11.09.1986 (nicht 2001, da blieb die Börse zu). Selbst für den kurzzeitigen Einbruch um 6,25 Prozent hätte es nur für Platz 35 gereicht.

          Kein Bohei um Kursgewinne

          Und nachdem Wall Street am Dienstag unsicher losruckelte, schloss sie am Ende des Tages mit einem Plus von 2,3 Prozent. Die 567,02 Punkte, die der Dow dabei zulegte, bedeuteten übrigens den viertgrößten Punktgewinn seiner Geschichte.

          Dass dies am Mittwoch keine Schlagzeilen macht, ist sogar gerechtfertigt, denn in der Liste der größten Gewinne findet sich der Tag nur auf Platz 624. Was eigentlich dann wieder doch ganz gut ist, denn es waren immerhin bisher 30.496 Börsentage, an denen der Dow Jones notiert wurde. Alles ist eben relativ und das ist wichtig. Denn nur in der Relation zu anderen Dingen, kann man die wahre Bedeutung von Ereignissen abschätzen. Und wenn alles gleich eine Katastrophe ist – was, wenn sie dann wirklich eintritt?

          Crash, Panik - oder nicht?

          Die Kursverluste des Dow Jones am Montagabend waren nicht unerheblich, aber für einen Crash doch nicht extrem genug. Dieser sollte schon historische Ausmaße haben wie etwa am 19.10.1987 (minus 22,6 Prozent), am 14.12.1914 (minus 20,5 Prozent), am 28.10.1929 (minus 13,5 Prozent) oder auch am 15.10.2008 (minus 7,9 Prozent).

          Ob es nun die viel beschworene Panik gab, ist eine Frage der Interpretation. Manche führen hier den kurzen starken Einbruch kurz vor Handelsschluss ins Feld. Definiert man wie amerikanische Wörterbücher Panik als „plötzliches überwältigendes Gefühl der Angst, das hysterisches oder irrationales Verhalten hervorruft“, ist es fraglich. Wenn nämlich ein Kurseinbruch binnen Minuten wieder weitgehend wettgemacht wird, kann es mit Panik nicht so weit her sein.

          Auch der New Yorker Börse ist der Kursverlust nicht groß genug. Handelsunterbrechungen sind im breit angelegten S&P-500-Index erst ab einem Minus von 7 Prozent vorgesehen. Das wurde bei einem Minus von 4,5 Prozent nicht annähernd erreicht.

          S&P 500

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          Definiert man Panik hingegen als „plötzliche weitverbreitete Besorgnis hinsichtlich der Finanzen“, so kann man die Geschehnisse als Panik werten. Allerdings wird es wieder zweifelhaft, wenn man als Bedingung nimmt, dass daraus „eine Kreditkontraktion und ein weit verbreiteter Verkauf von Wertpapieren zur Generierung von Liquidität“ folgt.

          Indes fanden sich am Dienstag ausreichend Experten, die zünftige Zitate lieferten. Wenig überraschend dabei, dass dahinter häufig unbekannte Analysehäuser steckten. Den Vogel schoss wohl der Börsianer ab, der vom „gefühlten Crash“ sprach.

          Lektionen lernen

          Tatsächlich sollte man über die Ereignisse des Wochenbeginns nicht einfach hinweggehen. Denn wenn die Märkte daraus nicht lernen, sind sie dazu verdammt, einen wirklichen Crash zu erleben. Erfahrungsgemäß sind sie das sowieso, weil Lektionen meist nicht gelernt werden.

          Lektion eins: Die Weltwirtschaft ist in eine neue Phase eingetreten. Der amerikanische Konjunkturzyklus ist in einer Spätphase. Entgegen aller trumpschen Rhetorik. Acht Jahre ist die amerikanische Wirtschaft schon gewachsen. Das geplante Konjunkturprogramm ist ein Unikat, weil es prozyklisch kommt. Solche Programme sind meist viel weniger wirksam als erhofft. Sie können sogar kontraproduktiv wirken, weil sie die Wirtschaft erst in die Überhitzung drängen.

          Lektion zwei: Die Inflation hat zu steigen begonnen und wird angesichts steigender Löhne weiter zulegen. Spätestens damit werden die wichtigsten Notenbanken der Welt ihre Geldpolitik straffen und das wird fühlbar.

          Lektion drei: Die Politik ist weniger berechenbar als früher. Das gilt für Donald Trump genauso wie für China, das ein härtere Linie fährt und die Isolationismen in der amerikanischen Politik nutzen will, um mehr Einfluss in der Welt zu gewinnen. Das kann auch die Wirtschafts- und Handelspolitik vieler Staaten beeinflussen.

          Lektion vier: Wenn viele Marktteilnehmer auf ein- und dieselbe Strategie setzen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese immer schlechter funktioniert und am Ende nicht mehr aufgeht. Auf eine sinkende Volatilität zu setzen, bringt eine Zeitlang Ertrag. Aber es ist eine hochriskante Strategie, denn Volatilität ist nun mal eines: volatil.  

          Lektion fünf: Finanzmärkte reagieren gern übermäßig auf Ereignisse. Wenn sie aber kaum oder gar nicht mehr reagieren, holt sie die Realität irgendwann wieder ein. Und das ist dann auch ungemütlich.

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