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Wandel für Kreditinstitute : Deutschland steht Bankensterben bevor

Großbanken bleiben davon verschont: Skyline in Frankfurt am Main Bild: dpa

Laut einer Studie, die der F.A.Z. vorliegt, wird der Bankenmarkt in wenigen Jahren von knapp 1.900 auf bis zu 150 Institute schrumpfen. Woran liegt das?

          Der deutsche Bankenmarkt ist wettbewerbsintensiv. Um den seit Jahren nahezu konstanten Ertragspool von 115 Milliarden Euro haben sich Ende 2016 knapp 1.900 Institute gestritten. Im Jahr 2004 waren es noch 2.400 Banken. Die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman erwartet in den kommenden zehn bis 15 Jahren ein wahres Bankensterben. In ihrem der F.A.Z. vorliegenden „Bankenreport Deutschland 2030“ prognostizieren die Fachleute Thomas Schnarr und Alexander Peitsch einen Rückgang auf 150 bis 300 Kreditinstitute.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schnarr verweist im Gespräch mit der F.A.Z. auf die schon laufende Konsolidierung: „Nimmt man das bisherige Tempo als Ausgangspunkt und geht noch von einer gewissen, wahrscheinlichen Beschleunigung des Prozesses aus, dann wird sich die Zahl der deutschen Banken in dem von uns beschriebenen Ausmaß reduzieren.“

          Stark fragmentierter Bankenmarkt in Deutschland

          Seinen Worten zufolge stellt der wettbewerbsintensive Markt das Problem für die Institute dar. „Es gibt ein Überangebot an Liquidität“, sagt Schnarr. Er verweist auf die 396 Sparkassen, deren gesetzlicher Auftrag die finanzielle Grundversorgung der Bevölkerung ist. Auch für die 972 Volks- und Raiffeisenbanken stehe nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund, sondern die „Hilfe zur Selbsthilfe“.

          Auf den stark fragmentierten Bankenmarkt in Deutschland verweisen auch die Analysten von Morgan Stanley in einer aktuellen Studie. Das schlägt sich in sehr geringen Marktanteilen der großen Banken nieder. Laut Morgan Stanley kontrollieren die vier größten an der Börse notieren Institute in Belgien und den Niederlanden jeweils drei Viertel des Marktes. Die fünf größten französischen Banken, darunter BNP Paribas, Société Générale und Crédit Agricole, kommen auf einen Marktanteil von mehr als 80 Prozent. Doch in Deutschland vereinigen die drei größten börsennotierten Institute – Deutsche Bank, Commerzbank und Hypo-Vereinsbank (Unicredit) – Morgan Stanley zufolge nur einen Marktanteil von 15 Prozent auf sich.

          Für Oliver-Wyman-Fachmann Peitsch werden Auslandsbanken weiterhin eine wichtige, vielleicht sogar eine stärkere Rolle am deutschen Bankenmarkt einnehmen und für neue Ideen sorgen. Dabei bleibe die Übernahme deutscher Banken eine Option, weil der Aufbau neuer Strukturen im deutschen Bankenmarkt sehr schwierig sei. Die ING-Diba zählt inzwischen mehr als 8 Millionen Kunden und ist hinter Deutscher Bank und Commerzbank seit längerem die drittgrößte deutsche Privatkundenbank. Zwar betrachtet sich die ING-Diba nicht als Auslandsbank, sondern als deutsches Institut mit ausländischem Eigentümer, der niederländischen Bank ING. Doch von der stammen viele Ideen rund um Dienstleistungen für Privatkunden.

          Dass die Zahl der Filialen zurückgeht, ist ein schon länger zu beobachtender Trend. Kam im Jahr 2008 noch auf 2.000 Bundesbürger eine Bankfiliale, sind es laut Morgan Stanley nun 2.500. Hier gib es noch weiteres Sparpotential, denn in Schweden liegt die Zahl mehr als doppelt so hoch. In Großbritannien kommen sogar 6.000 Bürger auf eine Zweigstelle.

          Fintechs setzen Banken unter Druck

          Doch Oliver-Wyman-Fachmann Schnarr betrachtet Bankfilialen nicht als Auslaufmodell. Das Vertrauen der deutschen Kunden ist seinen Worten zufolge ein großer Vorteil für die Banken. Sie schneiden in einer Umfrage der Beratungsgesellschaft besser ab als Industrieunternehmen. „Um den Kunden finanzielle Angelegenheiten zu erklären und zu vermitteln, bleibt die Filiale ein wichtiger Ort“, ist Schnarr überzeugt. Das Gespräch mit dem Berater werde zum Beispiel in der Eigenheimfinanzierung entscheidend sein.

          Natürlich setzen die jungen Unternehmen aus der Finanztechnologie, die Fintechs, die Banken unter Druck. Doch treten diese nicht unbedingt als Wettbewerber auf. „Die Fintechs werden immer weniger von den Banken als Bedrohung gesehen“, sagt Peitsch. Er macht dies daran fest, dass deren technologische Lösungen verstärkt in die Banken integriert werden, die auf ihrer Seite ihre Architektur für die flexible Integration von Technologien öffneten. Die Analysten von Morgan Stanley sprechen von einer „coopetition“. Dieses Kunstwort setzt sich aus „cooperation“ (Kooperation) und „competition“ (Wettbewerb) zusammen.

          Schnarr rät den Banken zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Sie müssten sich fragen, wo sie stünden und welche Chancen ihnen offenstünden. Dann müssten sie sich positionieren und den Mut haben, bestimmte Dinge auch nicht mehr anzubieten. „Schließlich müssen sie ihre kulturelle Anpassungsfähigkeit erhöhen und ein innovationsfreundliches Klima schaffen“, empfiehlt Schnarr.

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