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Rache eines Brokers : Die Börse zeigt den Mittelfinger

Ein Kurs wie ein Finger: James Gubb twittert sein Werk. Bild: Foto Twitter/gubbjames

Ein Aktienhändler macht seinem Ärger über die berüchtigte Unternehmerfamilie Gupta Luft, und zwar mit einer Chart-Manipulation. Die ist nicht mal teuer.

          Den Mittelfinger zu zeigen ist auch in Südafrika eine schwere Beleidigung. Doch der Kapstädter Aktienhändler James Gubb erhält für die obszöne Geste gerade überwältigenden Beifall, auch wenn er eine hohe Strafe dafür bezahlen muss. Das Land wird von einem Korruptionsskandal unvorstellbaren Ausmaßes erschüttert. Eine indische Unternehmerfamilie namens Gupta steht im Verdacht, fast den ganzen Staatsapparat zu kontrollieren und sich maßlos zu bereichern – trotz nicht endender Proteste, unzähliger Untersuchungsberichte und erdrückender Beweise. Da hat Gubb das getan, wonach vielen Bürgern der Sinn steht, wenn auch auf höchst ungewöhnliche Art: Er zeigte den Guptas den besagten Mittelfinger – und zwar in Form des Aktienkurscharts eines ihrer Unternehmen.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Ein Rückblick: Ende März, als Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma den hochangesehenen Finanzminister Pravin Gordhan über Nacht entlässt, sitzt der Händler wie so viele im Land vor seinem Computerbildschirm und ist wütend. Es gibt kaum einen Zweifel, dass die Guptas auch hinter diesem machtpolitischen Husarenstreich stecken. Zehntausende Menschen protestieren später auf den Straßen gegen die „Zuptas“. Für die Wirtschaft soll die Entlassung des Ministers verheerende Folgen haben. Kurz danach senken zwei Ratingagenturen die Bonitätsnote auf Ramschniveau. Da hat Gubb die Idee. Die Aktien von Oakbay, der Gesellschaft im Zentrum des Gupta-Firmenimperiums, werden an der Johannesburger Börse (JSE) fast nicht gehandelt. So eröffnet er zwei Handelskonten in seinem Namen, eines für Käufe und eines für Verkäufe, erwirbt 22Oakbay-Aktien und fängt an, mit sich selbst zu handeln.

          Wegen der extremen Illiquidität schlägt sich jede Transaktion sofort im Oakbay-Aktienkurs nieder. Durch eine geschickte Kombination von Käufen und Verkäufen schaffte er es, den Aktienkurs so zu bewegen, dass sich als Kurslinie der Umriss einer Faust ergab – mit einem langen, ausgestreckten Mittelfinger. Danach brachte er den Kurs exakt wieder auf das Ausgangsniveau zurück. Umgerechnet kostet ihn die Aktion weniger als 24 Euro, er erzielte keinen Gewinn, verschleierte nichts.

          Ein Lausbubenstreich oder eine ernste Mission?

          Zunächst fallen die ungewöhnlichen Kursbewegungen nur wenigen auf. Erst als vor wenigen Tagen die Finanzaufsicht auf Antrag der Johannesburger Börse reagiert, erfährt die breite Öffentlichkeit davon. Die Börsenaufseher zeigen allerdings weder Humor noch Verständnis. Sie brummen Gubb eine Strafe von 100000 Rand (6100 Euro) auf, wegen Kursmanipulation und Verletzung der Integrität des Finanzmarktes. Ein Lausbubenstreich oder eine ernste Mission? „Wir müssen zusammenstehen und alles, was in unserer Macht steht, unternehmen, um dieses Geschwür der Korruption zu bekämpfen“, erklärt Gubb, „wir befinden uns in einem Krieg gegen unseren Präsidenten und seine Kumpane.“

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          In den Medien und im Internet wird der Mittelfinger im Kurschart sofort als Geniestreich gefeiert, als neue Form der Protestkunst. Der Aktienhändler habe die Frustration im Land über die Korruptionssaga exakt auf den Punkt gebracht. Umso größer ist die Empörung über die Strafe. Viele Südafrikaner finden, dass Gubb völlig recht hat. Die Börse habe den Boten erschossen, aber die Täter ungeschoren davonkommen lassen, kommentiert eine Wirtschaftspublikation.

          Pikanterweise tauchen fast zur gleichen Zeit, als Gubb seine Strafe erhält, Hinweise auf, die Guptas selbst hätten zu einem früheren Zeitpunkt den Kurs der Oakbay-Aktie künstlich in die Höhe gejagt – allerdings aus handfesten eigenen Interessen. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf private E-Mails berichtet, hatte die Familie vor der Börsennotierung Ende des Jahres 2014 einen Kredit an ein Unternehmen in Singapur für den Erwerb von Oakbay-Aktien vergeben. Über diesen Schachzug, der kurzzeitig zu einer höheren Marktbewertung führte, habe sie sich mehr Geld vom Staat für den Kauf einer Uranmine verschafft. Später erreichte der Aktienkurs nie mehr diese Höhen. Die Finanzaufsicht hat erst jetzt die Ermittlungen in der Sache aufgenommen. Ob sie ebenso schnell eine Strafe verhängt wie in Gubbs Fall, ist aber bisher offen.

          Quelle: F.A.Z.

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