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Aktienmärkte : Warum der Dax (scheinbar) stabiler ist

Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse. Bild: Lachner, Maximilian

Um fast 5 Prozent sind die Aktienkurse am Montagabend an der Wall Street gefallen. Die deutschen Aktien geben am Dienstag aber um weniger als 3 Prozent nach. Doch letztlich sitzen alle im selben Boot.

          Amerikanischen Aktionären an der Wall Street fuhr am Montagabend ein gewaltiger Schrecken in die Glieder. Mit einem Minus von 1175 Punkten verzeichnete der Dow Jones am Ende des Handelstages das größte Minus seiner Geschichte. Was sich so sensationell anhört, zeigt aber nur einmal mehr wie leicht sich mit Zahlen Schindluder treiben lässt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn es gehört nun einmal zur Prozentrechnung, dass ein vergleichsweise kleiner Verlust größer aussieht, wenn er von einer größeren Menge weggenommen wird. 120 Jahre ist der Dow alt, aber erst seit gut 34 Jahren hat er überhaupt die theoretische Möglichkeit um so viele Punkte zu fallen. Wenn er etwa im April 1983 um 1175 Punkte auf nur noch 16 Punkte gefallen wäre – das wäre mal ein großer Verlust (98,6 Prozent) gewesen!

          So waren es am Montagabend 4,6 Prozent und damit in der Rangfolge der größten Tagesverluste des Index‘ Platz 114. Schmerzlich, unschön, aber keine Sensation. Im April 1983 hätte das einem Tagesverlust von 54,8 Punkten entsprochen.

          Scheinbar friedlichere deutsche Aktien

          An anderen Börsen nimmt sich der Kursverlust weniger dramatisch aus. In Japan bringt es der Punktverlust des Nikkei-Index‘auf Platz 17 seiner etwa 69-jährigen Geschichte, relativ ist es Platz 93. Und in Deutschland sieht es gar vergleichsweise entspannt aus. Der aktuelle Kursverlust des Dax’ am Dienstag– bei dem es keinesfalls bleiben muss – schafft es schon in absoluten Zahlen derzeit nur auf Platz 22 der größten Kursverluste, relativ ist es gar nur Platz 337.

          Blickt man über die Geschehnisse der Montagnacht und des bisherigen Dienstag hinaus, so zeigt sich, dass der Dow nun an den sechs vergangenen Börsentagen insgesamt 8,5 Prozent verloren hat. Das ist schon durchaus happig, besonders weil sich die Talfahrt am Freitag beschleunigt hat. Indes hat der Nikkei mit 10,4 Prozent an den vergangenen neun Börsentagen sogar etwas deutlicher verloren. Und der Dax steht ebenso wie der mit 100 Werten marktbreite F.A.Z.-Index mit einem Verlust von bisher 8,8 Prozent an den vergangenen neun Börsentagen dem Dow Jones in nichts nach.

          Im selben Boot

          Insgesamt haben deutsche Aktien im Tagesdurchschnitt damit 1,02 Prozent, der Nikkei 1,21 Prozent und der Dow Jones 1,47 Prozent verloren. Im Großen und Ganzen haben sich die Verluste also vor allem anders verteilt. Dabei weichen die Verluste aber letztlich nicht so stark voneinander ab, als dass man daraus auf grundsätzlich andere Gegebenheiten schließen könnte.

          Japan, Deutschland (und Europa) und Amerika befinden sich im Gesamtkontext der Weltwirtschaft und der Aktienbörsen in unterschiedlichen Situationen. Ein schwacher Dollar bedeutet etwas anders als ein starker Euro, doch verknüpft das Wechselkursverhältnis beide Wirtschaftsräume miteinander.

          Die Unsicherheit um den Kurs der amerikanischen Wirtschaft ist dank Donald Trump höher als in Europa und das hat für Japan höhere Bedeutung als für Europa. Zudem ist der Konjunkturzyklus in Amerika weiter vorangeschritten als in Europa. Wenn also Amerika etwas stärker betroffen ist, könnte das auf diese Faktoren zurückzuführen sein.

          Doch insgesamt sitzen die Aktienmärkte im selben Boot. Und weil das Wasser ruhig schien und die Fahrt gut voranging, sind die Märkte schon lange Zeit selbstgefällig geworden - Artikel 3 des Rheinischen Jrundjesetz wurde aktiviert: „Et hätt noch emmer joot jejange“.

          Selbstgefällige Märkte

          Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt von Allianz Global Investors verweist darauf, dass das für Aktien ideale Umfeld der vergangenen Monate, das sogenannte „Goldilocks“-Szenario, von Anfang an ein fragiles gewesen sei. Schon lange seien einige riskante Vermögensklassen hoch bewertet gewesen, so nicht zuletzt der breite amerikanische Aktienindex S&P-500, aber auch etwa Hochzinsanleihen.

          Die Aktienmärkte hätten auch das Straffungspotential der Geldpolitik nicht richtig eingepreist und hätten sich um viele Dinge nicht mehr geschert: politische Unsicherheiten, die rekordhohen Prognoseänderungen nach dem amerikanischen Steuerpaket oder die zurückgehende Liquidität der Investoren. Stattdessen hätten sie erhöhten  Optimismus gezeigt, der sich etwa im Bitcoin-Rausch niedergeschlagen habe.

          Makroökonomische Ungleichgewichte wie überhitzte Immobilienmärkte, etwa in Kanada, Australien und Schweden oder eine steigende Verschuldung amerikanischer Nicht-Finanz-Unternehmen seien ignoriert worden.

          Jetzt sei das Ganze wie ein Gummiband zurückgeschnellt. Dabei sei die Korrektur bislang eher geringfügig: Das Preisniveau am Aktienmarkt entspreche dem von Mitte Januar, die Renditeaufschläge der Unternehmensanleihen seien praktisch unverändert und selbst die realen Renditen von Staatsanleihen blieben hartnäckig niedrig und seien zum Teil immer noch negativ.

          Hofrichter sieht derzeit höchstens eine leichte Abschwächung der Wirtschaft und eine weiter akkommodierende Geldpolitik. Nur die Einschätzung der Märkte scheine sich zu ändern. Die sprunghaft angestiegene Volatilität werde sich wieder normalisieren, aber nicht auf das niedrige Niveau zurückkehren, sondern sich beim langfristigen Durchschnitt einpendeln. Die Anleiherenditen sieht der Volkswirt steigen.

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